Lektüre März 2024

Mein Lesemonat März 2024 war voll mit schönen Lektüre-Erfahrungen, obwohl die Buchmessenzeit meist eine mit wenig Lesezeit ist. Durch die langen Zugfahrten und eine frühzeitige Messeplanung kamen aber auch im März viele Lesestunden zustande. Allein vier deutschsprachige Debüts habe ich gelesen. Mein Lieblingsdebüt war dabei von Simone Kucher Die lichten Sommer. Weiterlesen „Lektüre März 2024“

Matthias Jügler – Maifliegenzeit

Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte, die Matthias Jügler in seinem neuen Roman Maifliegenzeit erzählt. Und doch ist sie wohl tausendfach so passiert. Direkt vor unserer Haustür, in der ehemaligen DDR. Dass darüber so wenig bekannt ist, ist fast genauso unglaublich wie die Vorgänge selbst. Weiterlesen „Matthias Jügler – Maifliegenzeit“

Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort

Über 100 norwegische Autoren waren bei der Frankfurter Buchmesse 2019 im Rahmen des Gastlandauftritts anwesend und haben mit viel Leidenschaft ihre Bücher und die Literatur ihres Landes einem sehr interessierten Publikum vorgestellt. Das Medienecho war groß. Und doch haben einige Bücher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen oder die man erwarten konnte. Vigdis Hjorth ist mit ihrem Roman Bergljots Familie ein solches Beispiel. Wie wunderbar, dass der S.Fischer Verlag mit der Veröffentlichung des neuesten Hjorth-Romans Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter auch die Veröffentlichung älterer Werke der Autorin in Angriff genommen hat. Unter dem Titel Ein falsches Wort erscheint nun auch der Roman über Bergljots Familie, die sich über Erbstreitigkeiten völlig verliert. Weiterlesen „Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort“

Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss

Selten war ich so wütend auf eine Protagonistin wie auf die Mutter im neuen Roman von Alina Herbing, Tiere, vor denen man Angst haben muss. Denn natürlich ist es eher die Mutter, vor denen sich die beiden Töchter Madeleine und Ronja fürchten müssen. Nicht weil diese sie direkt misshandeln würde, nicht weil sie ihre Kinder nicht liebt, sondern weil sie völlig schräg ist, in ihrer ganz eigenen Welt lebt, maximal egozentrisch ist und ihre Kinder deshalb sträflich vernachlässigt. Vom Vater gar nicht zu reden. Weiterlesen „Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss“

Simone Kucher – Die lichten Sommer

Die Transgenerationale Weitergabe von Traumata, Erfahrungen, Verhaltensweisen ist ein weites und in der neueren Literatur eifrig beackertes Feld. Gerade die Erfahrungen von Frauen in und um den Zweiten Weltkrieg sind häufiges Thema. Dass man ihm immer noch neue Aspekte abgewinnen und herausragende Prosa daraus erschaffen kann, beweist die Theater- und Hörspielautorin Simone Kucher in ihrem Debütroman Die lichten Sommer. Weiterlesen „Simone Kucher – Die lichten Sommer“

Willa Cather – Lucy Gayheart

2024 ist ein Jahr der großen Jubiläen in der Literaturgeschichte. Franz Kafkas Todestag jährt sich zum 100. Mal, Vladimir Nabokov wäre im März 125, James Baldwin im August 100 Jahre alt geworden. Unlängst konnte man den 125. Geburtstag von Erich Kästner feiern, der genauso wie Immanuel Kant in diesem Jahr auch einen runden Todestag, den 50. hat (bei Kant handelt es sich um den 300. Geburts- und 220. Todestag). Dazu kommen noch große Jubiläen von Caspar David Friedrich (250. Geburtstag), Marco Polo (700. Todestag) und Anton Bruckner (200. Geburtstag). Bei so einer gesammelten Flut an anstehenden Feierlichkeiten ist im Dezember 2023 ein 150. Geburtstag mehr oder weniger untergegangen. Mit einer Neuausgabe des Spätwerks Lucy Gayheart hat der Manesse Verlag in seiner schönen, kleinformatigen Klassikerbibliothek der amerikanischen Schriftstellerin Willa Cather gedacht. Weiterlesen „Willa Cather – Lucy Gayheart“

Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch

Der neue Kinder- und Jugendroman von Sarah Jäger, üppig und auf jeder Seite fein illustriert von Sarah Maus, ist ein Buch, das das Herz leichter macht. Und das, obwohl es sehr weit weg ist von allem Heile-Welt-Tralala und eigentlich eher melancholisch, wenn nicht gar traurig ist. Auch die schönen, empathischen Zeichnungen von Sarah Maus sind in Schwarz-Weiß gehalten und verbreiten stellenweise einen dunkel-düsteren Nebel rund um die Worte von Sarah Jäger in Und die Welt sie fliegt hoch“. Und doch macht dieses Buch glücklich. Ein klein wenig zumindest. Und das über alle Altersschranken hinweg.

Ava und Juri waren einst in der gleichen Grundschulklasse. Nun sind sie 14 und Ava schickt Juri ganz plötzlich, nach Jahren der Funkstille eine Textnachricht.

 

Hallo?

Ist da jemand?

Ava hier.

Wir kennen uns, oder?

 

Woher hast du meine Handynummer?

 

Während Ava gleich auf mehr oder weniger umfangreiche Sprachnachrichten wechselt, scheint Juri zunächst nicht so wirklich begeistert von der Kontaktaufnahme. Zumindest erinnert er sich daran, dass Ava in der dritten Klasse als „Komischer Vogel“ auf einem Kostümfest erschien. Juri hingegen war Astronaut. Und als einen solchen in seinen Raumfahranzug eingekapselten, wie in einer fernen Galaxie schwebenden Astronauten hat Sarah Maus Juri durchgehend dargestellt. Zurückgezogen, fast ein wenig abweisend erscheint er zunächst in seinen knappen Textnachrichten, während der komische Vogel Ava schon bald sehr umfangreiche, fröhlich dahinplappernde Sprachnachrichten versendet.

Der Text des ganzen Buchs besteht aus den Nachrichten der Beiden, die jeweils auf einer der gegenüberliegenden Seiten platziert sind, so dass man abwechselnd links und rechts liest. Jede Doppelseite ist mit den Zeichnungen von Sarah Maus versehen, die auch für sich alleine ganz zauberhaft sind.

Es sind Sommerferien und Ava hat Hausarrest, während all ihre Freunde vermutlich im Freibad sind. Warum dann nicht ein wenig quatschen mit Juri, der anscheinend freiwillig ganz allein in seinem Zimmer sitzt? Über die Grundschule/“früher“, Geburtstagsfeiern, Dinge, die man mag oder eben nicht, die eigenen Zimmer, die Eltern, die sich getrennt haben und über den „Endgegner“ Angst. Denn Angst ist furchtbar präsent in Juris Leben.

Hast du auch manchmal das Gefühl

dass bald alles hochfliegt

Alles?

Einfach alles

Die Welt

Alles fliegt hoch

 

Als ob es explodiert?

Als ob ich den Halt verliere

 

Es gibt keine Punkte, keine Satzzeichen auf Juris Seite. Es ist, als ob sein Text selbst den Halt verloren hat.

Und dann denke ich an die Kriege überall

und an die Kinder

die nicht zur Schule können

und an mich

der sich an manchen Tagen nicht auf die Straße traut

und ich

schäme mich so sehr für meine Angst.

 

Aber die unbekümmerte, forsche Art von Ava lässt ihn langsam auftauen, die Beiden kommen sich über ihre Nachrichten näher und auch in Avas Leben ist natürlich nicht alles nur eitel Sonnenschein. Manchmal hat auch sie Angst, Angst, dass „die ganze Packung Ava“ den Eltern zu viel werden könnte. Und dass sie zwei Zuhause besitzt, ist auch nicht immer von Vorteil.

„Vielleicht ist das auch manchmal ein bisschen anstrengend für mich, so quasi in zwei Leben rumzuflattern – immer mit dem Gefühl: Du musst jetzt genau in die Lücke passen. Aber das kann ich nur flüstern. Kann das nur sagen, weil es dunkel ist. Und ich lösche die Nachricht auch gleich wieder, sobald du sie gehört hast.“

Irgendwann traut sich auch Juri an Sprachnachrichten heran. Und vielleicht geht er sogar mit Ava zur Sommerabschlussparty, wenn ihr Hausarrest vorbei ist…

Sarah Jäger wäre nicht Sarah Jäger, wenn sich nun alles in ein Heile-Welt-Happy-End auflösen würde. Ihre Figuren sind immer ungemein ambivalent. Es gibt wenige Bücher, die so tröstlich, warmherzig und Hoffnung machend vom Leben erzählen, das manchmal schön ist, aber manchmal auch ganz schön hart. Gerade eben für 14-Jährige. Aber eigentlich gilt das genauso auch für 58-Jährige und jedes Lebensalter. Ich werde im Sommer also erst einmal eine Arschbombe vom Beckenrand machen. Glaubst du?

Oder vielleicht bleibe ich doch lieber bei Joghurteis mit Himbeersoße. Da wäre ich auf jeden Fall dabei.

 

Beitragsbild via pxhere

 

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Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch
Illustriert von: Sarah Maus
Rotfuchs Februar 2024, fester Einband, 272 Seiten, € 20,00
empfohlenes Alter: ab 12 Jahre

 

 

Lektüre Februar 2024

Nun sind bereits zwei Monate im Jahr 2024 vorüber. Der Frühling klopft zaghaft an die Tür und die Leipziger Buchmesse steht vor selbiger. Außer den nachfolgenden Romanen habe ich fleißig für den Bloggerpreis für Literatur – Das Debüt 2023 gelesen, um wieder ein herausragendes Buch zusammen mit anderen Bloggerkolleg:innen zu küren. Ich habe mich mit der von der Redaktion bestimmten Shortlist reichlich schwer getan, freue mich aber, dass der einzige Roman, der mich wirklich überzeugen konnte, auch gewonnen hat: Birobidschan von Tomer Dotan-Dreyfus. Zu den Bewertungen der anderen Titel findet ihr einen Beitrag unter Das Debüt 2023. Den zweitplatzierten Roman Tunnel von Grit Krüger hatte ich auch bereits besprochen. Weiterlesen „Lektüre Februar 2024“

Bloggerpreis für Literatur – Das Debüt 2023

Seit 2017 darf ich jedes Jahr in der Jury für den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt mitwirken, um einen ganz besonderen Romanerstling auszuzeichnen – 2023 ist mir das so schwer wie nie gefallen. Wie jedes Jahr hat die Redaktion, bestehend aus Bozena und Janine, vorab aus einer Fülle an von den Verlagen eingereichten Titeln (dieses Mal 90!) fünf Romane für die Shortlist ausgewählt, die wir als Bloggerjury lesen, begutachten, lieben – oder eben auch nicht. Jedes Jahr ist die Liste überraschend, ungewöhnlich und anregend. Es verging noch kein Jahr, in dem ich meinen bis dahin favorisierten Debütroman auf dieser Liste gefunden habe, es verging noch kein Jahr, in dem ich dafür nicht zumindest einen bis dato noch gar nicht beachteten Roman darauf gefunden habe, der mich dann begeistern konnte. Das spannendste ist immer, wie unterschiedlich die Blogger:innen die einzelnen Bücher gelesen und bewertet haben. Weiterlesen „Bloggerpreis für Literatur – Das Debüt 2023“

Suzie Miller – Prima facie

Bei Prima Facie von der australischen Dramaturgin Suzie Miller handelt es sich um die Romanfassung eines äußerst erfolgreichen Theatermonologs. Protagonistin ist die erfolgreiche Londoner Strafverteidigerin Tessa Ensler, leidenschaftliche Vertreterin des englischen Rechts bis sie selbst zum Opfer wird. Weiterlesen „Suzie Miller – Prima facie“