Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum

Die Heimatforscherin und Sylt-Gästeführerin Silke von Bremen hat mit Stumme Zeit einen Deütroman geschrieben, der zurück in die 1970er Jahre führt, als der Massentourismus begann, die Insel zu erobern. In langen Rückblicken führt er aber auch in eine sehr dunkle, in die stumme Zeit des Nationalsozialismus. Hauptprotagonistin ist Helma, die seit ihrer Geburt 1936 in einem Dorf auf Sylt lebt. Die Lage nahe dem Wattenmeer und die Präsenz von vielen alten Kapitänshäusern lässt auf das Dorf Keitum schließen, einst Hauptstadt von Sylt und ein Stück lebendige Inselgeschichte aus der Zeit des 18. Jahrhundert, als der Walfang noch die Haupterwerbsquelle von Sylt war. Weiterlesen „Stumme Zeit – Mit Silke von Bremen durch Keitum“

Lektüre Juni 2024

Meine Lektüre im Juni 2024: abwechslungsreich und anregend. Zwei Bücher habe ich bereits zur Vorbereitung auf das diesjährige Literaricum in Lech am Alberg gelesen, das ich im Juli besuchen werde: Lolita von Vladimir Nabokov, den Klassiker, der im Mittelpunkt steht, und Muna oder die Hälfte des Lebens von Terézia Mora, die Gast sein wird. (zu beiden mehr in einem späteren Beitrag) Ferner haben sich zwei Sachbücher in meine Leseliste geschlichen. Marseille 1940 von Uwe Wittstock war gleichzeitig meine Highlight des Monats und ist ein wunderbar erzählendes Sachbuch über „die große Flucht der Literatur“. Die Sprache des Kapitalismus von Simon Sahner und Daniel Stähr war sehr aufschlussreich und gut lesbar. Mit Silke von Bremen (Stumme Zeit) durfte ich Anfang des Monats an einer Führung im malerischen Sylter Örtchen Keitum teilnehmen, bei der mir die sehr sympathische Autorin Insel und Roman auf wunderbare Art näher brachte. Weiterlesen „Lektüre Juni 2024“

Moussa Abadi – Die Königin und der Kalligraph

Es war einmal… Es war einmal eine Stadt, in der Muslime, Juden und Christen friedlich zusammenlebten. Nicht konfliktfrei, jeder in seinem eigenen Dunstkreis, aber doch mit einem gewissen Respekt und vor allem Toleranz vor dem anderen. Es war einmal das Damaskus der Kindheit von Moussa Abadi, 1910 dort geborener Autor des autobiografischen Werks Die Königin und der Kalligraph, und auch ein Stück weit das des 1946 geborenen Schriftstellers Rafik Schami, der zu eben jenem Werk, das gerade in der Übersetzung von Gerhard Meier bei Manesse erschienen ist, ein ausführliches Nachwort beigesteuert hat. Im Jahr 1900 lebten ca. 11.000 Juden in Damaskus. Viele wanderten 1948 oder nach dem Sechstagekrieg 1967 aus. 1992 zählte man noch 4000 Juden in der Judengasse, 2019 waren es laut Rafik Schami nur noch 12. Heute erscheint ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Religionen utopischer als je. Aber es war einmal…

Moussa Abadi verließ, auch hier eine Parallele zu Rafik Schami, bereits als junger Mann seine Heimat. 1929 erhielt er ein Stipendium für die Sorbonne in Paris. In Frankreich (üb)erlebte er auch den Zweiten Weltkrieg. 1939 lernte er die Ärztin Odette Rosenstock kennen, mit der er sich ab 1942 dem Widerstand anschloss und jüdischen Familien half, ihre Kinder zu verstecken. 527 Kinder entkamen so der Deportation. Abadi arbeitete nach dem Krieg als Theaterkritiker und Radiojournalist. In bereits hohem Alter schrieb er seine Erinnerungen an die Damaszener Judengasse seiner Kindheit auf. Das Buch erschien zuerst 1994.

„Wozu noch in der Glut der Erinnerung stochern, wo doch mein Damaskus nicht mehr in Damaskus ist und mein Ghetto auf immer verschwunden?“

Geschichten eines Viertels

In locker verwebten Geschichten schreibt Moussa Abadi in Die Königin und der Kalligraph über die Menschen, die in den 1920er Jahren sein Viertel bewohnten. Das öffentliche Leben fand auf den Gassen statt. Armut, religiöses Leben. Bettler, Kaufleute und Beamte bevölkern es, fleißige Handwerker und Tagediebe, Schlitzohren und Familienväter, Mütter und tratschende Nachbarinnen. Tragödien und Komödien, manchmal dicht beieinander. Wie etwa in der Geschichte der heimkehrenden Salha Stétiés, jüngstes von siebzehn Kindern, die als junges Mädchen verschwand, um Jahre später als Königin eines imaginären Reichs zurückzukehren. Oder die vom Kalligraphen, dem es nicht mehr vergönnt war, einen großen Auftrag anzunehmen. Oder von Ali und seinen drei depressiven Küken.

Eine besonders berührende Geschichte ist die der tiefen Freundschaft zwischen Abadis Urgroßvater und einem Beduinen, der einst dem fast verdursteten Reiter in der Wüste Wasser reichte und von ihm so reich belohnt wurde, dass es wiederum die von einer Heuschreckenplage gebeutelte Beduinenfamilie rettete. Die Freundschaft überstand die Generationen und noch in Moussas Kindheit brachten die Beduinensöhne jedes Jahr eine Gabe in die Judengasse.

Wie meist bei solchen Rückblicken wird wohl so manches durch den nostalgischen Schleier und das vorgerückte Alter des Erinnernden ein wenig verklärt sein. Aber dennoch wird deutlich, dass ein Miteinander damals möglich war. Dadurch gibt das Buch auch gerade in der heutigen Situation Hoffnung und erscheint ein wenig wie eine Utopie.

Auch wenn ich diese Buchbesprechung mit „Es war einmal“ begonnen habe und die Gasse von Abadis Kindheit im vermeintlichen „Morgenland“ liegt, erzählt der Autor nicht ausufernd und „orientalisch“, sondern klar, knapp, aber dennoch poetisch. Die Originalausgabe erschien auf Französisch. Rafik Schami entdeckte die arabische Übersetzung und empfahl sie dem Manesse Verlag, dem wir nun die deutsche Übertragung dieses unterhaltsamen, bereichernden und oft augenzwinkernd humorvollen Erinnerungsbuchs verdanken.

 

Beitragsbild: Damaskus 1950  by Willem van de Poll via Picryl

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moussa abadi-der Kalligraph.

Moussa Abadi – Die Königin und der Kalligraph
Aus dem Französischen von Gerhard Meier
Mit einem Nachwort von Rafik Schami
Manesse April 2024, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

Fuminori Nakamura – Die Flucht

Den japanischen Autor Fuminori Nakamura kenne ich von seinem 2015 erschienenen originellen Kriminalroman Der Dieb, der wie auch die nachfolgenden Romane im Feuilleton begeistert besprochen wurde. Entsprechend gespannt war ich auf seine neueste, von Louise Steggewentz ins Deutsche übertragene Veröffentlichung Die Flucht.

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Deniz Ohde – Ich stelle ich schlafend

2020 erschien der Debütroman Streulicht und schaffte es nicht nur auf die Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis, erhielt den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und den aspekte-Literaturpreis, sondern gewann auch den Literaturpreis für Blogger:innen Das Debüt, in dessen Jury ich damals mitwirken durfte, und wurde 2022 das Buch für das von mir sehr geliebte Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“. Ich war deshalb megagespannt auf den neuen Roman von Deniz Ohde, Ich stelle mich schlafend. Einige fundierte, aber negative Rezensionen, eine Lesung mit der Autorin, die mich leider nicht ganz überzeugen konnte, und ein Klappentext, der mich nur relativ mäßig interessierte, konnten mich nicht davon abhalten, mich auf das Buch zu freuen. Leider hat es mich dann letztendlich aber doch enttäuscht. Weiterlesen „Deniz Ohde – Ich stelle ich schlafend“

Mathijs Deen – Der Retter

Der Retter ist das dritte Buch des Holländers Mathjis Deen mit Kommissar Liewe Cupido nach Der Holländer und Der Taucher. Die Bücher eine Krimireihe zu nennen, scheue ich mich ein wenig. Es gibt viel polizeiliche Ermittlungsarbeit, Verbrechen und einen Leichenfund. Und doch drehen sie sich alle in erster Linie um ganz andere Dinge als Mord und Totschlag. Und bescheren trotz aller vorhandenen Spannung weder Gänsehaut noch Nervenkitzel, sondern verbreiten im Gegenteil eine große Ruhe und Entschleunigung. Weiterlesen „Mathijs Deen – Der Retter“

Paul Murray – Der Stich der Biene

War es bereits dieser verfluchte Stich der Biene, die sich ausgerechnet auf der Fahrt zum Traualtar unter Imeldas Schleier verfangen hat und unglücklich das Auge traf, so dass sich die Braut nur noch verschleiert zeigen konnte? Oder war es überhaupt diese weithin verurteilte Heirat von Imelda mit dem Bruder ihrer erst kürzlich tödlich verunglückten großen Liebe Frank, den sie eigentlich ehelichen wollte? Oder begann das ganze Unglück von Imelda und Dickie und ihrer beiden Töchtern schon viel früher, in Kindheit und Jugend?  Paul Murray untersucht in seinem für die Shortlist des Booker Prize 2023 nominierten Roman Der Stich der Biene die Tragik und Komik, die im Leben der Familie Barnes stecken. Weiterlesen „Paul Murray – Der Stich der Biene“

Dana von Suffrin – Nochmal von vorne

Vor fünf Jahren wirbelte ein Debütroman durch die deutschen Feuilletons und in die Herzen der Lesenden, der voll Witz und Tragik war, turbulent und feinfühlig von einer deutsch-jüdischen Familie und besonders vom tyrannischen Vater Otto erzählte. Für Nochmal von vorn wählt die Autorin Dana von Suffrin ein sehr ähnliches Personal und Setting. Und arrangiert alles neu und erzählt eine Familiengeschichte, die deutlich autobiografische Züge trägt, auch wenn sie Fiktion ist, quasi „nochmal von vorn“. Weiterlesen „Dana von Suffrin – Nochmal von vorne“

Lektüre Mai 2024

Wetter technisch alles andere als ein Wonnemonat hat der Mai 2024 für mich doch eine ganze Reihe toller Bücher für die Lektüre geboten. Nur zufällig waren eine palästinensiche und eine jüdische Familiengeschichte darunter. Beide auf ihre Art tolle Bücher von tollen Autorinnen. Sowohlt Franziska Gänsler als auch Paul Murray wussten mich mit ihren Geschichten zu begeistern und der neue Liewe Cupido-Roman von Mathijs Deen bot wieder ruhige, spannende Unterhaltung. Ebenso an die Nordsee führte der Sylt-Roman von Silke von Bremen. Und Nora Krug erlaubte einen illustrierten Blick in die Kriegswirklichkeit in der Ukraine. Lediglich der neue Roman von Deniz Ohde hat mich doch arg enttäuscht. Gehörte ihr Debüt Streulicht doch zu einem meiner Favoriten 2020. Schließlich habe ich noch die klugen Aufzeichnungen von Gabriele von Arnim genossen. Wunderbar, dass ich sie auch auf einer Lesung zu ihrem neuen Buch Der Trost der Schönheit erleben durfte. Weiterlesen „Lektüre Mai 2024“

Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht

Wie Inseln im Licht ist der zweite, auf zarte und leichte Art tief berührende Roman der 1987 geborenen Autorin Franziska Gänsler. Sie variiert darin auf überraschende Art ein bekanntes Erzählszenario.

Die Mutter der 27jährigen Ich-Erzählerin Zoey ist nach langer, quälender Erkrankung, während der sie aufopferungsvoll von ihrer Tochter gepflegt wurde, gestorben. Die junge Frau flieht regelrecht an den einzigen Ort, den sie sich für die Bestattung vorstellen kann: die französische Atlantikküste. Dort hat sie mit der Mutter und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Oda eine Weile gelebt, in der Erinnerung wunderschöne Kindheitssommer verbracht. Weiterlesen „Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht“