Lektüre Januar 2026

Lektüre im Januar bedeutet auch 2026 für mich noch ein wenig verweilen im alten Jahr. Die „dringlichsten“ Lektüren und Besprechungen sind erledigt und man kann sich den Büchern widmen, die aus welchen Gründen auch immer erst einmal liegen geblieben sind. Bei mir waren das zum Beispiel die im Sommer angelesenen Debüts für den Franz Tumler Preis (zumindest drei davon). Oder die hochgelobten Romane von Gaea Schoeters und Katharina Köller. Im Lesekreis haben wir das wunderbare Buch von Georgi Gospodinov gelesen und es gab auch Zeit für gute Unterhaltung: Caren Benedikt hat mich erneut mit ihrer Hotel-Saga nach Usedom entführt und Maxim Leo in ein ganz aberwitziges Szenario: wenn das Altern plötzlich abgeschafft ist – aber sich die Menschen daran gar nicht erfreuen können. Und Wolf Haas wirbelt mit seinem Wackelkontakt nur so durch die Buchseiten. Es gab Verzweiflungen und ein sehr berührendes Abschiedsbuch von Julian Barnes, den ich seit langem sehr verehre und der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat.  Weiterlesen „Lektüre Januar 2026“

Heike Geißler – Verzweiflungen

Verzweiflungen – wer kennt sie nicht? Im ganz Privaten, Persönlichen oder zunehmend aufgrund der Weltlage, der sich stetig zuspitzenden politischen Entwicklungen und Krisen. Heike Geißler hat über diese Verzweiflungen (bewusst im Plural gehalten) ein so kluges wie wütendes wie tröstendes Essay verfasst. Im Oktober 2024 erhielt Heike Geißler dafür den Bayerischen Buchpreis. Und ich muss zugeben, dass ich das feuerrote Büchlein aus der edition suhrkamp sonst vielleicht übersehen hätte. Weiterlesen „Heike Geißler – Verzweiflungen“

Amira Ben Saoud – Schweben

Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat. Weiterlesen „Amira Ben Saoud – Schweben“

Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt

Einige Kritiker:innen haben Lena Schättes für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominierten Roman als einen Suchtroman bezeichnet. Und tatsächlich gibt es hier eine ganze Ahnenreihe von Abhängigkeiten, in erster Linie vom Alkohol. Der Großvater erfror einst im Schnee, in den er volltrunken gefallen war, der Vater ist schwer alkoholabhängig und wird relativ früh an den Folgen dieser Sucht sterben, der Pfarrer säuft und auch der Freund und die Ich-Erzählerin selbst trinken viel zu viel. Sie alle trinken, um „das Leben auszuhalten“ – eine Forderungen, seine Demütigungen, seine unerfüllten Hoffnungen. Keiner der Betroffenen wird als gewalttätig oder verachtenswert beschrieben. Es ist kein Buch der Abrechnung, der Vorwürfe, der Rache, sondern eher ein Buch der Liebe. Besonders zum Vater. Aber es ist eben auch ein Buch über das Fatale der Sucht und über Co-Abhängigkeit. Weiterlesen „Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Kurz vorgestellt“

Gael Faye – Jacaranda

Der Jacaranda-Baum, der ein wahres Meer an lavendelblauen Blüten trägt, ist nicht nur Titelgeber für den neuen, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman von Gael Faye, sondern auch ein Dreh- und Angelpunkt des Textes. In seine Krone flüchtet sich das ruandische Mädchen Stella, wenn der Kummer mal wieder zu groß wird, ihre Mutter Eusébie zu abweisend ist oder sie einfach mal ihre Ruhe haben möchte. Als er irgendwann gefällt wird, um modernen Mietwohnungen Platz zu machen, gerät Stella in eine tiefe psychische Krise. Und schließlich ist der Baum auch ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens, des Schmerzes – wovon sich nicht nur Eusébie, sondern mit ihr ein Großteil der ruandischen Bevölkerung befreien möchte. Doch von vorne. Weiterlesen „Gael Faye – Jacaranda“

Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt

2024 gewann Thomas Knüwer mit seinem Debüt-Kriminalroman Das Haus, in dem Gudelia stirbt den Deutschen Krimipreis national. Ein ganz außergewöhnlicher, überraschender Text – das hat auch die Jury überzeugt.

Es beginnt mit einem Prolog, der schon offenbart, wohin der Roman führt:

„Die alte Frau liegt im Dreck und lächelt. Es ist gerecht, denkt sie. Schuld schwimmt oben. Die Bine kann sie nicht bewegen. Erst hat er das linke, dann das rechte mit dem Spaten zertrümmert. Jesus Maria, hat sie geschrien.“

Die alte Frau, Gudelia Krol, übernimmt fortan die Rolle der Ich-Erzählerin. Und das auf drei Zeitebenen. Weiterlesen „Thomas Knüwer – Das Haus in dem Gudelia stirbt – Kurz vorgestellt“

Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst. Weiterlesen „Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“

Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt

Frisch mit dem Jugendliteraturpreis für ihren vorigen Roman „Und die Welt, sie fliegt hoch“ (zusammen mit Illustratorin Sarah Maus) ausgezeichnet, legt Sarah Jäger mit Das Feuer vergessen wir nicht bereits ein neues Buch vor. Auf LiteraturReich ist die sogenannte Jugendliteratur eher die Ausnahme. Eine Ausnahme, die ich immer wieder gerne mache, denn Sarah Jäger besitz eine ganz großartige, authentische Sprache, schreibt wunderbare Dialoge schreibt und erzählt in jedem Buch eine sehr besondere Geschichte. Es sind Bücher, die vor Problemen und Konflikten nicht die Augen verschließen, und die dennoch auf eine stille Art glücklich machen. Weiterlesen „Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht – Kurz vorgestellt“

Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie

Wir leben in einer verstörenden Gegenwart. Spaltung, Dehumanisierung, Konfrontation – noch vor wenigen Jahren hätte man nicht gedacht, dass sich die Gesellschaft weltweit von diesen Vokabeln beherrschen lassen würde. Selbst in den tiefsten Phasen des Kalten Kriegs galten Werte wie Frieden, Toleranz, Solidarität zumindest in der Theorie als etwas, das es anzustreben galt. Mittlerweile spricht man schon wieder von Kriegstüchtigkeit, die man erreichen müsse, wird wieder die Wehrpflicht gefordert und scheint es neben der Abschreckung keinerlei Alternative für die Friedenserhaltung zu geben. Ja, die Weltlage hat sich erschreckend schnell geändert. Und mit ihr auch die Narrative. Sie sind unglaublich negativ geworden, beängstigend, fatalistisch. Wir befinden uns in einer „Polykrise“. Weiterlesen „Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie“

Yishai Sarid – Chamäleon

Vor vielen Jahren war der Journalist Shai Tamus ein kleiner Star in Israel oder zumindest in Tel Aviv. Der Linksliberale verfasste reflektierte, ausgewogene politische Artikel und regelmäßige Kolumnen und war häufiger, gern gesehener Gast in zahlreichen TV-Sendungen zur besten Sendezeit. Das ist lange vorbei. Zu zurückhaltend, zu höflich sei er, einfach zu langweilig für den Zuschauer. Ins Kulturessort abgeschoben verfasst Shai nun Theaterkritiken und Literaturbesprechungen, die gefühlt niemand mehr lesen mag. Der Protagonist im aktuellen Roman des israelischen Autors Yishai Sarid Chamäleon fühlt sich missachtet, um Anerkennung, Aufmerksamkeit und Relevanz betrogen. Ganz anders läuft es bei seiner Frau Alona. Diese arbeitet zunehmend erfolgreich in einer Galerie. Die beiden Kinder sind erwachsen. Die Ehe kriselt ein wenig.

Da bekommt Shai Tamus das Angebot eines rechtspopulistischen Senders, das ihm ein Versprechen auf Sichtbarkeit und neuem Erfolg zu sein scheint. Das Interview Shais zu einem vermeintlich von Arabern auf ihn begangenen Überfall klang für die Verantwortlichen sehr gut zu ihrer politischen Ausrichtung passend. „Der ehemalige Linke, der zu der patriotischen, autoritären Seite überläuft.“ Perfekt! Und tatsächlich haben sich Shais ehemals linken Überzeugungen sich ziemlich in Nichts aufgelöst. Die Demonstranten gegen die geplante Justizreform der rechtspopulistisch orientierten Regierung ärgern ihn, er sieht sein Land zunehmend vom Untergang bedroht, misstraut „den Arabern“, obwohl er nahezu keinen persönlichen Kontakt zu ihnen hat. Und ob die Männer, die ihn angegriffen haben, wirklich Araber waren, weiß er eigentlich auch nicht so genau. Wir befinden uns noch vor dem 7. Oktober 2023.

Shai dient sich der rechten Regierung an, diese instrumentalisiert ihn. Konkrete Namen werden nicht genannt, aber Netanjahu und Konsorten sind präsent. Die Nähe zur Macht – der Ministerpräsident bittet zum Tee, der Sohn des Ministerpräsidenten zum Gespräch, ein Flug mit der Staatsmaschine zum Parteievent – schmeichelt dem sich so sehr zurückgesetzt gefühlten Journalisten. Plötzlich bekommt er wieder Sendezeit, wird ernst genommen, in der Öffentlichkeit erkannt. Da ist es auch eher zweitrangig, dass er sich von seiner eher liberalen Frau und den Kindern immer mehr fortbewegt.

Dann kommt der 7. Oktober. Der Sohn, der sich schon seit längerem in den USA befindet, kehrt zurück, um sich der Armee anzuschließen. Die Tochter wäre beinahe selbst zum Opfer des Hamas-Angriffs geworden. Eine Gesellschaft befindet sich im Ausnahmezustand.

Yishai Sarid zeichnet in Chamäleon ein sehr aktuelles Bild der israelischen Gesellschaft und taucht tief in ihre Psychologie ein. Auch wenn seine eigene politische Haltung klar ist, erspart er sich allzu offensichtliche Parteinahm, beobachtet seinen Protagonisten nur sehr genau und entlarvend. Dessen Entwicklung vom aufgeschlossenen, um Verständigung bemühten Mann zum rassistischen, rechten „Einpeitscher“ ist vielleicht ein wenig oberflächlich, aber alles in allem doch sehr überzeugend entwickelt. Ein gekränkter, sich zurückgesetzt fühlender Mann verkauft seine Seele für ein wenig Aufmerksamkeit an die Extremisten. Dass das gleichzeitig sehr unterhaltsam geschrieben ist, macht das Buch zur klaren Leseempfehlung!

 

Beitragsbild: Frank C. Müller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Yishai Sarid - Chamäleon.

Yishai Sarid – Chamäleon
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Kein und Aber September 2025, gebunden, 288 Seiten, € 25,00