Jurica Pavičić – Fremde Helden

Jurica Pavičić, 1965 geboren in Split/Dalmatien, ist in seinem Heimatland Kroatien ein renommierter Kolumnist, Journalist und Autor. Er veröffentlicht Essays und Romane und seit 2008 vermehrt Short Stories. Beim kleinen Berliner Verlag Schruf & Stipetic sind bislang neun dieser Geschichten in drei Bänden als ebooks erhältlich gewesen. Nun ist ein Sammelband in gebundener Form erschienen: Jurica Pavičić – Fremde Helden.

Die zehn Erzählungen könnte man entsprechend den ursprünglichen Zusammenstellungen thematisch gruppieren, einiges ist ihnen aber allen gemeinsam. Da ist zum einen der Handlungsort, der immer die Gegend im Süden Kroatien umfasst, mal eine karge Gegend an der Grenze zu Bosnien, mal die Adriaküste nördlich von Split, mal eine der dalmatischen Inseln. Zum anderen ist es der Jugoslawienkrieg, der 1991 in den Gebieten des ehemaligen Vielvölkerstaates ausbrach, nachdem die Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien nach dem Tod des langjährigen diktatorischen Staatschef Jugoslawiens Tito 1980 immer mehr zugenommen hatten. Es gibt Geschichten direkt aus dem Kriegsgeschehen oder solche, in denen es nur noch ein fernes Dröhnen ist, immer aber haben der Krieg und seine Auswirkungen Anteil am Geschehen, an den Schicksalen der Menschen, an ihren Gedanken und Erinnerungen. Schließlich ist da noch die Bora, jener klare, kalte Fallwind aus dem Norden, der die Geschichten durchweht.

Helden

Helden ist eine der Zusammenstellungen der Geschichten betitelt. Sie umfasst die Stories „Der Schlangentöter“, „Der Schutzengel“ und „Der Held“. Erstere führt direkt ins Kriegsgeschehen, zu den zermürbenden Scharmützeln im dalmatischen Hinterland, zu den „Maljutka-Kriegern“. Die Maljutka ist eine Panzerabwehrlenkrakete, blutjunge Computernerds wurden bevorzugt an ihr eingesetzt, da sie Meister am Joystick sind. Sehr bald müssen aber auch sie den Unterschied zwischen Krieg und Computerspiel erfahren.

Ganz andere „heldenhafte“ Aufträge verfolgen der Landvermesser Robert in „Der Held“ und Niko, „der Schutzengel“, der die Mission fühlt, auf die Witwe seines getöteten Kriegskameraden „aufzupassen“. Und auch der Polizist in „Nachtstreife“ ist so ein seltsamer Held, im Konflikt mit der Loyalität zu seinem Beruf und dem Recht und der zu seinem immer unverhohlener schmuggelnden Bruder.

Tabernakel und Verrat

Die Geschichten rund um „Das Tabernakel“ drehen sich um Wohnorte, Häuser und Wohnungen, die den Menschen sehr viel bedeuten, und die auf die eine oder andere Art abhandenkommen.

Und schließlich gibt es noch die Erzählungen, die sich um einen „Verrat“ drehen. Am eigenen korrupten Onkel oder sogar am eigenen verlassenen Kind.

Die Erzählungen von Jurica Pavičić in Fremde Helden sind perfekt komponiert, sehr gut geschrieben, in einer klaren, präzisen Sprache. Pavičić bewahrt ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu den Figuren und weiß auf eine schlichte Art tief zu berühren. Es sind die Narben, die die Menschen tragen, ihr Wissen um die Schuld, ihr Ringen um den richtigen Weg, ihre Hoffnungen, die lange nachhallen. Zudem wird ein Blick auf kroatische und jugoslawische Zeitgeschichte geworfen.

Fremde Helden von Jurica Pavičić war für mich eine der größten Überraschungen dieses Lesesommers und ich werde den Autor sicher im Auge behalten. Sein Thriller „Die Zeugen“ ist ebenfalls bei Schruf & Stipetic erschienen.

 

Beitragsbild: Müde Helden by to.wi (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

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Fremde Helden - JuricaPavicic.

Jurica Pavičić – Fremde Helden

Übersetzung von S. Böhm und B. Stipetic
Schruf & Stipetic Februar 2019, Hardcover, 308 Seiten, 24,90 €

Annelies Verbeke – Dreissig Tage

Alphonse ist 40 und eigentlich Musiker. Warum es mit der Musik nicht so recht geklappt hat, erzählt uns Annelies Verbeke in ihrem Roman „Dreissig Tage“ nicht genauer. Aber Alphonse ist mit seinem neuen Job ganz zufrieden. Er renoviert Häuser und Wohnungen, mal ein neuer Fußboden hier, mal ein neuer Anstrich dort. Über mangelnde Angebote muss er sich nicht beklagen. Das liegt nicht nur an seiner Fachkenntnis und Zuverlässigkeit, sondern auch an einer ganz persönlichen Tugend: Alphonse versteht es zuzuhören und Zuversicht auszustrahlen. Mit seiner gutmütigen, den Menschen zugewandten Art öffnet er die Herzen seiner Kunden. Und bekommt so die absonderlichsten Geschichten erzählt. Weiterlesen „Annelies Verbeke – Dreissig Tage“

Zum Tod von Toni Morrison – Backlist: Heimkehr

Zum Tod von Toni Morrison – Ihr wunderbarer, schmaler Roman Heimkehr

Toni Morrison ist tot.  Sie starb in einem New Yorker Krankenhaus. Sie wurde 88 Jahre alt.

Die große afroamerikanische Schrifstellerin, erste (und bisher einzige) schwarze Frau unter den Nobelpreisträgern für Literatur (1993), Autorin so erfolgreicher Werke wie Menschenkind, vielfach ausgezeichnet und stets eine engagierte Kämpferin gegen den Rassismus in den USA und für die Rechte der Frauen, ist sicher nicht nur für mich eine der Ikonen der US-amerikanischen Literatur. Weiterlesen „Zum Tod von Toni Morrison – Backlist: Heimkehr“

Lektüre Juli 2019

Meine Lektüre im Juli 2019 wurde natürlich sehr von meinen Urlaubswochen in Südfrankreich bestimmt. Einerseits lange Tage am Meer oder Pool, andererseits aber eine unternehmungslustige Familie um mich herum und Ort und Plätze, die erkundet werden wollten. Insgesamt stand deshalb nicht mehr Zeit zum Lesen zur Verfügung, aber alles war entspannt und gut. Vielleicht habe ich auch deswegen alle gelesenen Romane als ausgesprochen angenehme Lektüre in Erinnerung, neue Bücher, Bestseller und Geheimtipps. Wahrscheinlich sind es aber auch einfach sehr gute Bücher.

 

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Maylis de Kerangal – Eine Welt in den Händen

Die französische Autorin Maylis de Kerangal ist trotz zahlreicher Auszeichnungen in ihrer Heimat beim Lesepublikum in Deutschland noch relativ unbekannt. Daran änderte weder der Gastlandauftritts Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 2017 etwas noch die Nominierung ihres 2015 erschienenen Romans „Die Lebenden reparieren“ für den Man Booker International Prize. Mit Eine Welt in den Händen liegt nun der siebte Roman von Maylis de Kerangal vor. Weiterlesen „Maylis de Kerangal – Eine Welt in den Händen“

Fernando Aramburu – Langsame Jahre

Fernando Aramburu Langsame Jahre ist bereits 2012 erschienene  und entgegen dem äußeren Anschein alles andere als nur eine Vorstudie zu seinem großen und großartigen Roman „Patria“. Mit diesem erzielte Aramburu 2018 auch in Deutschland einen beachtlichen Erfolg, nachdem er bereits in Spanien zum absoluten Bestseller geworden war.

Die fast 800 Seiten dicke Erzählung über zwei baskische Familien und die ETA hat zwar einiges mit dem eher schmalen Vorgänger gemeinsam, etwa Ort und Thema und auch die sprachliche Experimentierfreude des Autors, ist aber auch in Vielem ganz anders.

Im Mittelpunkt stehen die Sechziger Jahre im Baskenland und der damals achtjährige Txiki. Er ist der Erzähler, der an den „Herrn Aramburu“ Briefe schreibt und von seiner Kindheit erzählt. Zweck ist, dass der Schriftsteller daraus ein Buch macht. Weiterlesen „Fernando Aramburu – Langsame Jahre“

Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind

Rezension – Maxim Leo „Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie“ ist eines jener Bücher, die mir beinahe entgangen wären. Als Kolumnist und Krimiautor stand Leo nicht auf meiner Liste beachtenswerter Autoren, obwohl er 2009 bereits eine hochgelobte Familiengeschichte veröffentlicht hat, „Haltet euer Herz bereit“.

1970 in Ost-Berlin geboren, kam der Autor wohl auf der Hochzeitsfeier seines Bruders in einem brandenburgischen Herrenhaus, zu der die weitverzweigte Familie nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Österreich, Frankreich, England und Israel angereist war, auf die Idee zu diesem Buch. Leo, für den nach eigenem Bekunden Familie immer etwas war wo „vier Menschen um einen Tisch sitzen“, spürte einmal mehr, dass seine Familie nicht eine der „typischen“ ostdeutschen Familien ist und war und wollte ihrer Geschichte genauer nachforschen. Weiterlesen „Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind“

Blogumzug

Ihr Lieben!

Vielleicht hat es ja der eine oder andere schon bemerkt: LiteraturReich besitzt eine neue Domain und ist nun auf Literaturreich.de unterwegs.

Schon lange schleppe ich das Vorhaben mit mir herum, um der DSGVO noch mehr zu entsprechen und meinen Blog auch in Deutschland hosten zu lassen. Des Weiteren bieten sich mir nun viel mehr Möglichkeiten als auf WordPress.com.

Ich habe versucht, möglichst alle Bestandteile von LiteraturReich mitzunehmen, vor allem das Wichtigste: Euch! Weiterlesen „Blogumzug“

Backlist: Maylis de Kerangal – Die Lebenden reparieren

Maylis de Kerangal schreibt in ihrem Roman „Die Lebenden reparieren“ über eine der Urängste eines jeden Menschen: Der eine Anruf, der das ganze Leben erschüttert, der mitteilt, dass ein lieber Angehöriger, im schlimmsten Fall ein Kind, tödlich verunglückt ist.
Hier ist es der 19 jährige Simon, der nach einem winterlichen Surfausflug am frühern Morgen auf der vereisten Fahrbahn verunfallt.
Seine beiden Freunde werden nur leicht verletzt, er, nicht angeschnallt, ist hirntot. Irreversibles Koma, EEG-Nulllinie.
Aber seine jungen, gesunden Organe könnten bei einer Transplantation Leben retten. Eine eigentlich unzumutbare Entscheidung für die Eltern, die doch gerade erst von dem Unglück erfahren haben. Aber die Zeit drängt, die Organentnahme muss zeitnah geschehen, die medizinische Maschinerie in Gang gesetzt werden. Weiterlesen „Backlist: Maylis de Kerangal – Die Lebenden reparieren“

Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal

Romy Hall ist 29, hat einen kleinen Sohn – und ist eine „Lebenslängliche“. Genauer gesagt, verbüßt sie eine 2mal lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes im Frauengefängnis Stanville, das an das Central California Women’s Facility (CCWF) in Chowchilla im nordkalifornischen Central Valley angelehnt ist. Sie hat einen Stalker, Ex-Kunde des Stripclubs Mars Room in San Francisco, in dem sie arbeitete, erschlagen, nachdem dieser sie in Los Angeles, wohin sie sich vor seinen Verfolgungen geflüchtet hatte, aufgespürt hat.Sie ist die Protagonistin in Rachel Kushner  Ich bin ein Schicksal, der in einem Frauengefängnis spielt. Weiterlesen „Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal“