Lektüre Mai 2022

Vielleicht ist der Mai mein Lieblingsmonat. Zumindest öffnet er das Tor zu meiner Lieblingsjahreszeit, dem Sommer. Ächzen und Stöhnen über zu viel Hitze oder Klagen, weil es nicht regnen will, sind mir weitgehend fremd. Natürlich, auch ich würde mir konstante 25° Celsius, Sonne, leichte Brise und nächtliche Regenschauer wünschen, wenn ich dürfte. Aber lieber 30° als 20° und lieber Garten gießen als ständig Regen. Bisher habe ich noch nicht allzu viel draußen lesen können, aber vielleicht ändert sich das ja im Juni. Meine Lektüre im Mai 2022 war aber schon sehr sonnig und schön. Ein abgebrochenes Buch und sonst nur gute bis sehr gute. Weiterlesen “Lektüre Mai 2022”

Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle

Für die 67-jährige Anne ist es keine leichte Entscheidung, ihren stark pflegebedürftigen, dementen Ehemann Gustav in ein Pflegeheim zu geben. Zu sehr ist sie ihm noch emotional verbunden. Aber es liegen lange Jahre der Pflege bereits hinter ihr. Gustav war erst vierzig, als er den ersten Schlaganfall erlitt. Es folgten noch etliche weitere. Zunächst büßte er sein Sprachvermögen, dann motorische Fähigkeiten und schließlich auch noch Gedächtnis und Persönlichkeit ein. Zunehmend reagierte er auch aggressiv. Was für Anne nun trotz ihrer regelmäßigen Besuche im Pflegeheim eine Art Befreiung und Unabhängigkeit hätte werden können, durchkreuzt das Schicksal erneut aufs härteste. Bei ihr wird ein Darmtumor entdeckt, der bereits Metastasen gebildet hat. Anne wird sterben. Dass ihre Geschichte in Zuunterst immer Wolle dennoch keine deprimierende oder dunkle geworden ist, verdankt sich der pragmatischen, manchmal etwas ruppigen Art, mit der Helga Flatland ihre Protagonistin ausgestattet hat. Weiterlesen “Helga Flatland – Zuunterst immer Wolle”

Stewart O’Nan – Ocean State

Von Beginn an ist klar, wie Ocean State, der neueste Roman des amerikanischen Autors Stewart ONan enden wird:

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung. Sie habe nicht gewusst, was sie tat.“ Weiterlesen “Stewart O’Nan – Ocean State”

Margaret Laurence – Eine Laune Gottes

Als 2020 anlässlich des geplanten Gastlandauftritts von Kanada der Roman Ein steinerner Engel  in neuer Übersetzung bei Eisele erschien, war ich nicht nur sehr begeistert, sondern auch sehr erstaunt, dass dieser großartige Text trotz zweimaliger Veröffentlichungen auch auf Deutsch (1965, 1988) hierzulande doch wenig Beachtung erhalten hat. Genauso verwunderlich ist, dass das nun ebenfalls bei Eisele erscheinende Eine Laune Gottes von Margaret Laurence bisher noch nicht einmal in deutscher Übersetzung vorlag. Nun hat ebenfalls Monika Baark diesen u.a. von Margaret Atwood hochgelobten und mit dem Govenor General´s Award, Kanadas renommiertestem Literaturpreis, ausgezeichneten Roman übertragen. Weiterlesen “Margaret Laurence – Eine Laune Gottes”

Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese

Die irische Autorin Claire Keegan hat mit Kleine Dinge wie diese ein schmales, erstaunliches Buch geschrieben und der Steidl Verlag daraus ein kleines bibliophiles Schmuckstück gemacht. Mit wenigen Worten thematisiert die Autorin ein dunkles Kapitel irischer Geschichte und lässt einen Mann einen Gewissenskonflikt austragen. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an Charles Dickens und seine Weihnachtsgeschichte. Und tatsächlich spielt Claire Keegan darauf auch verschiedentlich direkt an. Weiterlesen “Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese”

Sarah Orne Jewett – Deephaven

Was für ein schöner, bezaubernder, sommerleichter Roman! Und immer wieder bin ich erstaunt, welch wunderbare Texte wieder- oder neuentdeckt werden. Vorzugsweise solche aus weiblicher Feder, denn die hat man ja gerne mal übersehen und nicht des Übersetzens für würdig gehalten, stammten sie nicht gerade von einer Jane Austen oder einer der Brontё-Schwestern. In den letzten Jahren tauchen so immer wieder kleine Perlen aus den Tiefen des Klassiker-Meeres auf. Haben sie dann das Glück, einen Bezug zur wirklichen See zu besitzen, kann es sein, dass sie als wunderbar gestaltete Ausgabe der Reihe Mare Klassiker erscheinen. Wie vor kurzem Deephaven, das Romandebüt der 1849 geborenen Sarah Orne Jewett. Weiterlesen “Sarah Orne Jewett – Deephaven”

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2022 – Neuerscheinungen

Der Mai ist gekommen, die Natur läuft sich wieder warm, aber die Welt fühlt sich so ganz anders an als in den Jahren zuvor. In der Ukraine tobt immer noch ein grausamer Krieg, der den Atem anhalten lässt und viele Gewissheiten über Bord gespült hat. In der Verlagswelt beginnt aber gewohnheitsmäßig bereits der Herbst. Die allermeisten Verlagsvorschauen für den Herbst 2022 sind nun veröffentlicht und wie jedes Jahr habe ich mich darin vergraben und die für mich – und hoffentlich auch für euch – interessantesten Neuerscheinungen herausgepickt. Im Oktober wird Spanien Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Erwartungsgemäß erscheinen in diesem Jahr zahlreiche Übersetzungen aus dem Spanischen, die ich euch in der Übersicht extra gekennzeichnet habe und auf die ich ein besonderes Augenmerk richten werde. Gewohnheitsmäßig wird es auch wieder ein Gastland-Spezial auf diesem Blog geben. Da freue ich mich sehr drauf. Weiterlesen “Ein Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2022 – Neuerscheinungen”

Jan Costin Wagner – Am roten Strand

Jan Costin Wagner zählt wie sein Kollege Friedrich Ani zu den stillen, melancholischen deutschen Krimiautoren, die weder viel Blut noch Action benötigen, um ihre Leser:innen zu fesseln. Oft überschreiten sie die Genregrenze und liefern empathische Psychogramme und dunkel-schwermütige Gesellschaftsbetrachtungen. Mit Am roten Strand bleibt Jan Costin Wagner diesem Stil treu.

Zwischen 2003 und 2017 schuf Wagner insgesamt sechs Bände der Kimmo-Joentaa Reihe. Sein finnischer Kommissar ist der große mitfühlende Trauernde in der Krimilandschaft und ich war sehr gespannt, wie es mit Jan Costin Wagners Schreiben weitergeht, nachdem der Autor von seinem Protagonisten zumindest vorerst Abschied nahm. 2020 erschien dann ein erster Roman mit den Ermittlern Ben Neven und Christian Sandner, Sommer bei Nacht.

An diesen Roman, in dem es um einen entführten kleinen Jungen und einen Pädophilenring ging, knüpft Jan Costin Wagner mit Am roten Strand direkt an. (Der neue Roman lässt sich allerdings auch ohne dieses Vorwissen lesen).

Ein Pädophilenring

Der Gründer und Moderator einer Plattform für Kinderpornografie, die auch entsprechende Filme produzierte und ins Netz stellte, Anton Holdner, sitzt in Untersuchungshaft. Sein Fall erinnert sehr an die realen Vorfälle in Lüdge, wo über zehn Jahre Kinder schwer sexuell missbraucht und Filmaufnahmen davon im Internet verbreitet wurden. Auch die Taten von Am roten Strand sind auf einem Campingplatz am See geschehen. Ben Neven, Christian Sandner, Mark Lederer und Polizeipsychologin Christina Gerst ermitteln. Ein Tatverdächtiger, Jens Göbel wird zur Vernehmung einbestellt. Kurz nach dem Verhör, direkt nach einem Squashtunier, bei dem Göbel noch quicklebendig war, bricht dieser tot zusammen. Vergiftung.

Als kurz darauf ein weiterer Mann mit einer Schere tödlich attackiert wird, liegt der Verdacht nahe, dass hier jemand aus Rache handelt. Videoaufzeichnungen zeigen die schemenhaften Bilder einer jungen Frau und eines Jugendlichen.

In kurzen, die Perspektive wechselnden Abschnitten begleitet der Text die Ermittlungen. Der Kriminalfall ist zwar brisant und leider auch ziemlich aktuell, er steht aber nur vordergründig im Mittelpunkt des Romans. Erfahrenere Krimileser:innen raufen sich schon hin und wieder die Haare, wenn ganz offensichtliche Fehler bei der Ermittlung, die auch nur so semi-spannend ist, gemacht werden.

Charakterstudien

Viel wichtiger ist es Jan Costin Wagner offenbar, die Auswirkungen der Verbrechen auf Opfer und Ermittler:innen zu zeigen. Diesen nähert er sich sehr empathisch. Die Figuren sind sehr differenziert. Auf den ersten Blick ganz „normale“ Menschen wie du und ich, haben sie fast alle eine nicht auf den ersten Blick ersichtliche, dunkle Seite. Der Ex-Kommissar und Freund Bens, Ludwig Landmann, trauert um seine Tochter Barbara, die sich vor kurzem das Leben genommen hat. Christian Sandner lebt mit einem der traumatisierten ehemaligen Missbrauchsopfer zusammen. Und Ben Neven spürt selbst ein quälendes Verlangen nach kleinen Jungen.

Diese letzte Konstellation ist eindeutig die problematischste. Da man als Leser:in dieser Figur oft sehr nah ist und sie zudem noch die Seite der „Guten“ vertritt, fühlt man sich manchmal in einem Dilemma, das, anders als in den meisten Kriminalromanen, vieles grundsätzlich in Frage stellt. Jan Costin Wagner enthält sich dabei einer klaren moralischen Bewertung. Andererseits bedient er zum Glück keinerlei Voyeurismus. Die Taten werden nur diskret behandelt. Eine wirkliche Auflösung und eine heile Welt bietet er am Ende allerdings nicht. Nichts ist wieder gut. Manches mag in Am roten Strand ein wenig überkonstruiert sein und an die Romane der Kimmo-Joentaa Reihe reicht es für mich nicht unbedingt heran. Dennoch bin ich auf das nächste Buch gespannt. Denn Ben Neven und seine Kollegen sind an einem Punkt angelangt, an dem der Autor sie (und die Leser:innen) nicht einfach allein lassen kann. Ihre Geschichte ist noch nicht auserzählt.

 

Beitragsbild via Pixabay

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JAN COSTIN WAGNER - Am roten Strand.

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Jan Costin Wagner – Am roten Strand
Galiani-Berlin März 2022, Gebunden, 304 Seiten, € 22,00

Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt

Als Fabrice Humbert seinen dritten Roman L´origine de la violence (dt Der Ursprung der Gewalt) 2009 veröffentlichte, wurde er nahezu sofort ein großer Erfolg. Das Buch wurde 2009 mit dem Orange Book Prize, 2010 mit dem Renaudot Pocket Book Prize und dem Grandes Écoles Literaturpreis ausgezeichnet, 2016 wurde es von Élie Chouraqui verfilmt. Es folgten Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nur eine fehlte bisher: Deutsch. Dabei ist die autobiografisch inspirierte Spurensuche des an einem Deutsch-Französischen Gymnasium nahe Paris unterrichtenden Französischlehrers Humbert ein dezidiert der gemeinsamen Geschichte gewidmetes Buch. Das mangelnde Interesse ist vermutlich weniger durch das Thema des Romans begründet; vielleicht liegt es daran, dass es ein gefühlt sehr französisches Buch ist und man hierzulande dem unterkühlt-intellektuellen Herangehen an die eigene Familiengeschichte und ihre tragische Verstrickung mit Judenverfolgung und Nationalsozialismus eher skeptisch gegenübersteht. Weiterlesen “Fabrice Humbert – Der Ursprung der Gewalt”