Colson Whitehead – Harlem Shuffle

Der Shuffle ist ein dreigeteilter, auf Triolen aufgebauter Rhythmus. Lässig klingt er, swingend, sehr rhythmisch. Bekannt ist der Harlem Shuffle vor allem durch die Coverversion der Rolling Stones aus dem Jahr 1986, der amerikanische Autor Colson Whitehead hat ihn nun für seinen neuen Roman verwendet. Dieser spielt – natürlich – im Schwarzen Harlem der späten Fünfziger und Sechziger Jahre. Whitehead fährt dafür zahlreiche Kolportageelemente auf – und unterwandert sie intelligent und unterhaltsam. Weiterlesen “Colson Whitehead – Harlem Shuffle”

Rückblick auf das Buchjahr 2021

Rückblick auf das Buchjahr 2021

Frohes neues Jahr Ihr Lieben! 

Ein weiteres dieser komischen C*jahre ist zu Ende gegangen. Vieles war wieder möglich – beispielsweise eine gut funktionierende Buchmesse in Frankfurt -, aber vieles haben wir uns noch 2020 anders vorgestellt.
Was ist wie immer, ist die Rückschau am Jahresende. Auf das Buchuniversum bezogen war es für mich ein ganz wunderbares Jahr, für das ich allen daran Beteiligten sehr danken möchte. Euch Leser:innen für euer Interesse, euch Autor:innen für eure großartigen Texte, euch Verlagsmenschen für euer Engagement und überhaupt allen, die die Literaturwelt am Laufen halten.
Bücher waren und sind immer auch Trost, Zuflucht, Anregung, Glücksquell. Weiterlesen “Rückblick auf das Buchjahr 2021”

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Im vergangenen Jahr erhielt ein Debütroman den begehrten Booker Prize, die wohl bedeutendste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. In seinem autofiktionalen Roman Shuggie Bain erzählt Douglas Stuart vom Aufwachsen in einem Glasgower Randgebiet mit alkoholkranker Mutter in den 1980er Jahren. Das ist erschütternd, warmherzig und trotz seines traurigen, entsetzlichen Inhalts oft sogar locker und heiter erzählt. Ob es literarisch tatsächlich diesem Preis gerecht wird, verglichen beispielsweise mit den Preisträger:innen der Jahre 2017 und 2018 (George Saunders/Lincoln im Bardo, Anna Burns/Milchmann) darf zumindest angezweifelt werden. Lesenswert ist das Buch aber unbedingt. Weiterlesen “Douglas Stuart – Shuggie Bain”

Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung

Indigene Autor:innen erlangen immer mehr Bedeutung für die Wahrnehmung kanadischer Literatur auch bei uns in Deutschland. Nicht nur das Desinteresse des (Weißen) Literaturbetriebs, sondern auch die überwiegend orale indigene Erzählkultur sorgten dafür, dass die Zahl der Veröffentlichungen bisher, gerade auch in Übersetzung, relativ überschaubar war. Es ist überfällig, dass sich daran etwas ändert und der Gastlandauftritt Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2021 war dafür ein wichtiger Impuls. Waubgeshig Rice, Paul Seesequasis, Josephine Bacon, Tanya Tagaq, Richard Wagamese – alles Namen, die mir zuvor nicht bekannt waren, deren Werke ich mittlerweile aber sehr zu schätzen weiß. Naomi Fontaine gesellt sich mit ihrem autobiografisch inspirierten Roman Die kleine Schule der großen Hoffnung dazu. Weiterlesen “Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung”

Lektüre November 2021

Auch mit meinem Rückblick auf die Lektüre im November bin ich 2021 spät dran. Irgendwie hechte ich dieses Jahr den Daten immer ein wenig hinterher. Wie passend, dass ich erst im November das Sommer Buch von Ali Smith gelesen habe. 😉 Aber natürlich ist gute Lektüre sowieso zeitlos.

Zumindest ermöglichst mir das späte Posten meines Lektüreüberblicks, euch schon einmal Frohe Feiertage zu wünschen. Macht es euch so schön wie eben möglich in diesen doch ziemlich verstörenden Zeiten.

Frohe Weihnachten!

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Ali Smith - Sommer

Ali Smith – Sommer

Ich liebe die Jahreszeiten-Tetralogie von Ali Smith, die dieses Jahr mit “Sommer” auch in der deutschen Übersetzung (wie immer wunderbar von Silvia Morawetz) abgeschlossen wurde.
Bei jedem Band wundere ich mich so die ersten 50 bis 100 Seiten, was mich denn so an den vorangegangenen Bänden fasziniert hat, ist doch der Einstieg immer ein wenig sperrig, muss man sich immer erst ein wenig an den ganz besonderen Erzählton gewöhnen, an die Flut an Referenzen, Querverweisen, Assoziationen anpassen. Aber jedes Mal hat es irgendwann “Klick” gemacht und ich war wieder drin in dieser hochintelligenten, anregenden, bereichernden Welt. Und habe jedes Mal das Buch regelrecht beglückt zugeschlagen.
Das gilt auch und ganz besonders für Sommer. Denn hier gelingt es Ali Smith auf großartige und völlig ungezwungene Weise, alle vier Bände, die recht eigenständig waren, zu einem großen Ganzen zu verknüpfen.

 

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Viel wurde schon über dieses Buch geschrieben, dabei ist es eines der Bücher, über die man eigentlich vor der Lektüre möglichst wenig wissen sollte. Mir ging es zumindest so, dass ich eigentlich schon viel zu sehr gespoilert wurde, vorher. Manche Literaturkritiker: innen sind da gnadenlos. Und auch das von mir geschaute Gespräch mit Hervé Le Tellier und selbst der Klappentext verriet zu viel.
Dennoch war es ein spannende Leseerfahrung, ein Gedankenexperiment, dass mich auch nach dem Zuklappen des Buches noch lange beschäftigt. Verdienter Prix Goncourt-Preisträger. Und eine unbedingte Empfehlung für alle Leser:innen (ganz ohne Spoiler). Wer mehr erfahren will, muss  den Blogpost nachlesen. 😉

 

Natascha Wodin - Nastjas Tränen

Natascha Wodin – Nastjas Tränen

Als sie wegen Rückenproblemen eine Haushaltshilfe benötigt, macht die Erzählerin, hinter der sich Autorin Natascha Wodin verbirgt, die Bekanntschaft mit der Ukrainerin Nastja. Diese hält sich nach Ablauf ihres Touristenvisums illegal in Berlin auf und verdient sich mit diversen Putzstellen das wenige Geld, das sie benötigt. Der Großteil ihres Verdienstes fließt zurück ins Heimatland, zum Enkel, den sie mit ihrem mageren Verdienst als Bauingenieurin in Kiew kaum ernähren konnte und der nun bei ihre Ex-Mann lebt. Falsche Papiere, eine Heirat, Nastjas Versuche, Aufenthaltsrecht zu erlangen sind vielfältig. Glücklich wird sie nicht und steht doch stellvertretend für so viele Arbeitsmigrant:innen aus Osteuropa, die im Westen ihr Glück versuchen und hier mittlerweile fast unentbehrlich sind. Die Erzählerin, deren Eltern auch aus der Ukraine stammen, nimmt Nastja bei sich auf. Unbelastet ist die Freundschaft nicht.
Ich mag Natascha Wodins sachlichen, kühlen und doch empathischen Erzählstil. Auch wenn Nastjas Tränen nicht ganz so dicht und fesselnd ist wie ihre beiden Eltern-Bücher.

 

Roy Jacobsen - Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsens Insel-Saga wird mit dem vierten Teil – Die Kinder von Barrøy – fortgesetzt. Im Sammelband “Die Unsichtbaren” konnten die Leser: innen die Norwegerin Ingrid und ihr Leben zwischen den beiden Weltkriegen kennenlernen. Die raue Natur der kleinen Insel Barrøy vor der norwegischen Westküste, das entbehrungsreiche Leben der Familien dort, die gefährlichen, jährlichen Fischfangfahrten zu den Lofoten – es hat sich wenig verändert dort. Die Kinder sind groß geworden, die kleine Kaja bekommt einen gleichaltrigen Adoptivbruder. Für alle, die Die Unsichtbaren mochten, ein unbedingtes Muss. Allen, die die Insel-Saga noch nicht kennen, seinen Die Unsichtbaren wärmstens empfohlen.

 

Andreas Moster - Kleine Paläste

Andreas Moster – Kleine Paläste

“Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht die Absicht des alten Lupus war, dass Silvia auf der Treppe über in stolpert und schon zu Beginn von Kleine Paläste zerschmettert am Fuße derselben liegt. Aber Silvia ist eben nicht allwissend, ihr Denken und Fühlen, ihr Horizont – alles allzu menschlich, auch wenn sie nun aus dem Jenseits spricht, ihren hochbetagten, dementen Mann Carl und ihren Sohn Hanno als Geist begleitet, ohne in das Geschehen eingreifen zu können. Es spukt erfreulicherweise nicht im Roman von Andreas Moster. Er erzählt vielmehr sehr empathisch von Familie, Bindungen, Traumata, die auch die Zeit nicht heilt. Und – lobenswert, da in unserer Gesellschaft viel zu oft delegiert und verdrängt – ganz handfest von der Pflege. Dabei wahrt sein Text viel Respekt, zeigt aber auch einen schönen Humor. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

 

Kim Thúy - Großer Bruder, kleine Schwester

Kim Thúy – Großer Bruder, Kleine Schwester

Die Kanadische Autorin Kim Thúy schreibt kleine, eindringliche Romane. Der neueste, Großer Bruder, kleine Schwester, ist vielleicht gar kein Roman, aber dennoch sehr berührend und schön.
Es geht um den Vietnamkrieg, die Gräuel, die dort geschahen, um Agent Orange und die vielen Waisen, die der Krieg hinterließ. Aber auch um Liebe und Menschlichkeit. Und um die sehr dubiose Operation Babylift, mit der die US-Army 1975, gegen Ende des Krieges, 2000 bis 3000 vietnamesische Babys und Kleinkinder “evakuierten”. Die Kinder wurden in den USA zur Adoption gegeben und haben größtenteils nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren. Repotageartige Abschnitte wechseln mit erzählenden Passagen. Kim Thúy zählt zu den bekanntesten französischsprachigen Autor:innen Kanadas und war in diesem Jahr Teil der Gastlanddelegation zur Frankfurter Buchmesse. Hierzulande wünsche ich ihr noch viel mehr begeisterte Leser:innen.

 

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden. Weiterlesen “Hervé Le Tellier – Die Anomalie”

Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 – Neuerscheinungen

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 und die Neuerscheinungen. (neu aktualisiert am 19. Januar 2022)

Vor einiger Zeit erreichte mich ein Frühlingsgruß aus dem Hause Dumont. Die Verlagsvorschau samt einer Auswahl von Frühjahrtiteln. Wie jede Saison irritiert mich das zunächst, bin ich doch noch völlig drin im Herbst/Winterprogramm und habe noch mindestens bis Februar genug spannenden Lesestoff vor mir. Meistens jedoch genügt nur ein flüchtiger Blick in den/die Kataloge und ich bin schon voller Vorfreude und Monate voraus. Die entsprechende Buchmesse hat dann meist auch schon ganze Arbeit geleistet und auf die kommenden Programme ordentlich neugierig gemacht. Das war bisher so und ist merkwürdigerweise diesen Winter anders. An der Buchmesse selbst liegt es nicht, die fand statt und war auf ihre besondere Weise ganz wunderbar: viele (vorsichtige) Begegnungen, viele, viele Lesungen, die Verleihung des Deutschen Buchpreises, zu der ich dieses Jahr als Buchpreisbloggerin geladen war – ich bin in der Rückschau so beglückt, dass das alles noch stattfinden konnte und das man da auch noch die nötige Leichtigkeit besaß. Sicher fehlten die begeisterten Verlagsmenschen, die uns Blogger:innern ihre kommenden Titel ans Herz legten, aber ich glaube einfach, ich bin pandemiebedingt ein wenig ausgebrannt. Deshalb erscheint mein üblicher Blick in die Verlagsvorschauen, auf die Titel des Frühjahr 2022, dieses Jahr ein wenig verspätet. Aber ich weiß, wie gern diese Beiträge aufgerufen werden. Und tatsächlich ist auch bei mir die Lust auf die Neuerscheinungen beim Durchschauen der Vorschauen angestiegen. Da der Gastlandauftritt Spaniens auf der Frankfurter Buchmesse 2022 sich auch bereits im Frühjahr ankündigt, habe ich entsprechende spanische, katalanische und baskische Neuerscheinungen entsprechend markiert.

Ich hoffe, auch ihr werdet ein wenig neugierig und wünsche euch viel Spaß beim Stöbern. Vor allem aber passt auf euch auf und bleibt gesund!

Weiterlesen “Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 – Neuerscheinungen”

Ali Smith – Sommer

„Wie tief die Dunkelheit auch sei, wir müssen das Licht selbst mitbringen“ (Stanley Kubrick) – mit unter anderen diesem Motto beginnt Ali Smith ihren Roman Sommer und beendet mit ihm zugleich ihre großartige Jahreszeiten-Tetralogie. Herbst, Winter, Frühling waren für sich schon beeindruckende Bücher, die in die Dunkelheit unserer unruhigen Tage hinabstiegen und versuchten, sie zumindest streckenweise zu beleuchten. Mit Sommer rundet sich das ganze Werk auf überraschende und geniale Weise. Weiterlesen “Ali Smith – Sommer”

Natascha Wodin – Nastjas Tränen

Nastja ist um die Fünfzig, Tiefbauingenieurin aus Kiew, als sie sich auf die Anzeige der Erzählerin im neuen Buch von Natascha Wodin, Nastjas Tränen, meldet, die eine Putzhilfe sucht. Wie auch in ihren vorangegangenen Romanen Sie kam aus Mariupol und Irgendwo in diesem Dunkel,  in denen sie sich auf die Spuren ihrer Eltern begibt, steckt viel Autobiografisches in diesem Text. Weiterlesen “Natascha Wodin – Nastjas Tränen”

Andreas Moster – Kleine Paläste

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.“ Was für ein erster Satz, der sofort auf den neuen Roman von Andreas Moster, Kleine Paläste, neugierig macht. Und es ist nicht gespoilert, wenn ich verrate, dass es Lupus, sollte es wirklich seine Absicht gewesen sein, gelingt. Schon zu Beginn liegt Sylvia zerschmettert am Fuß der Treppe, die sie, über den dort liegenden Bullmastiff stolpernd, hinuntergestürzt ist, während ihr dementer Mann Carl im Wohnzimmer vor dem Fernseher im Rollstuhl sitzt. Weiterlesen “Andreas Moster – Kleine Paläste”