Éric Vuillard – Der Krieg der Armen

Éric Vuillard ist ein Meister der Verknappung von historischem Material. Seine eigentlich nie die 150 Seiten übersteigenden Bücher behandeln alle charakteristische Momente in der Historie und verdichten sie extrem. Der Autor  wählt oft einen originellen Blickwinkel und schafft dadurch trotz der Kürze eine sehr bereichernde und universelle Sicht, ein vergegenwärtigendes historisches Erzählen. Doch was in „Die Tagesordnung“ und auch „14.Juli“ mit den Vorbedingungen des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Französischen Revolution fulminant funktionierte, will Éric Vuillard mit „Der Krieg der Armen“ nicht recht gelingen. Weiterlesen „Éric Vuillard – Der Krieg der Armen“

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Es beginnt wie eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert, ein wenig altmodisch, behäbig fast und märchenhaft. Doch damit narrt der Autor Ingo Schulze die Leser*innen seines neuen Romans „Die rechtschaffenen Mörder“ ganz gehörig.

„Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ Weiterlesen „Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder“

Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Die Geschichte, die Dirk Kurbjuweit in seinem Kriminalroman „Haarmann“ erzählt, ist eine ungeheuerliche und noch dazu eine wahre. Kein Wunder, dass sie seit fast einhundert Jahren eine riesige (negative) Popularität besitzt und in unzähligen Adaptionen in Theater, Kino, bildender Kunst, Musik und Literatur aufgenommen wurde. Fritz Langs berühmter Film „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 ist an sie angelehnt, ebenso „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ von 1973. 1995 entstand „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar mit Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann. Der österreichische Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf einen Haarmann-Zyklus und einen Haarmann-Fries. Das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ wurde ein echter Gassenhauer und existiert auch in einer etwas makabren beschwingten Jazz-Version von Hawe-Schneider. Weiterlesen „Dirk Kurbjuweit – Haarmann“

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen – Rezension

In mittlerweile 23 Romanen hat die 1941 geborene Anne Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die ganz großen Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für „Atemübungen“ der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Für ihren neu erschienenen Roman „Der Sinn des Ganzen“ wollte Anne Tyler eine Ausnahme machen und im März zur LitCologne nach Köln reisen, dann kam Corona. Weiterlesen „Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen“

Franziska Hauser – Die Glasschwestern

Drei Schwestern, die völlig verschieden sind. Zwei davon sind Zwillinge, die dritte deutlich jünger und besitzt – im Verlauf des Buches deutet sich so etwas an – vielleicht einen anderen Vater. Ein Familiengeheimnis und dazu noch ein wenig dunkle DDR-Geschichte – leider geht das Konzept von „Die Glasschwestern“ von Franziska Hauser für mich nicht auf. Weiterlesen „Franziska Hauser – Die Glasschwestern“

Jonathan Coe – Middle England

Bevor die Corona-Krise das gesellschaftliche Erschrecken auf eine ganz neue Dimension gehoben hat, haben wir bereits etliche Szenarien durchlebt, die man sich noch vor wenigen Jahren gar nicht vorstellen konnte und die nun Realität geworden sind. Ob das das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut mit Wahlsiegen der extremen Rechten und Anschlägen auf Politiker, nach „Migrationshintergrund“ aussehenden Mitbürgern und Synagogen war. Oder die Wahl eines ungehobelten, intellektuell eher dürftig ausgestatteten und extrem narzisstischen Mannes zum Präsidenten des mächtigsten Staates weltweit. Oder aber die Lossagung von „Good Old England“ von der Europäischen Union. All diese Dinge haben alte Überzeugungen vom zivilisatorischen Fortschritt, vom Zusammenwachsen der Menschheit, von der Überwindung nationalstaatlicher Hürden tief erschüttert und wir stecken noch mittendrin in diesen Entwicklungen. Über den Brexit hat Jonathan Coe nun einen Roman veröffentlicht, „Middle England“. Weiterlesen „Jonathan Coe – Middle England“

Anna Burns – Milchmann

Der geniale Anfangssatz von „Milchmann“, dem 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman von Anna Burns, lautet so:

„Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.“

Zugegeben, es dauert eine kleine Weile, bis man sich an die Art von Anna Burns, ihre Geschichte zu erzählen, gewöhnt hat, dann aber entwickelt der Roman einen großen Sog und am Ende bleibt man erstaunt und beglückt zurück: So kann man also auch einen Roman schreiben. Weiterlesen „Anna Burns – Milchmann“

Monika Helfer- Die Bagage

Es beginnt fast wie ein Märchen: am Ende eines finsteren Tals im tiefen Bregenzerwald lebte einmal eine wunderschöne Frau. Diese Frau lebte mit ihrem feschen Mann in großer Armut auf kargem Grund. Die beiden hatten vier Kinder und waren trotz einiger Not eigentlich ganz zufrieden und glücklich. Sie lebten abseits vom Dorf und die Dorfbewohner, besonders die Frauen neideten ihnen ihr Glück und der Frau ihre Schönheit. Da der Mann aber stattlich, stark und fleißig war, ließen sie sie in Ruhe. Dann kam der Große Krieg und der Mann musste fort. Davon erzählt Monika Helfer in ihrem schmalen, aber nachhaltigen Roman „Die Bagage“. Weiterlesen „Monika Helfer- Die Bagage“

Michael Kumpfmüller – Ach Virginia

Die Fiktionalisierung von Biographien bekannter Persönlichkeiten ist immer eine Gradwanderung, die mal mehr, mal weniger gut gelingt. Sie ist umso schwieriger, je bekannter und verehrter die gewählte Person ist und je tiefer sich der Autor in die Gefühle und Gedanken des/der Porträtierten versenkt, ohne darüber verlässliche Informationen zu besitzen. Sich dafür eine Ikone wie Virginia Woolf auszusuchen, ist geradezu mutig. Michael Kumpfmüller ist mit „Ach, Virginia“ dieses Wagnis eingegangen, nachdem ihm etwas Ähnliches mit Franz Kafka 2011 in „Die Herrlichkeit des Lebens“ bravourös geglückt ist. Weiterlesen „Michael Kumpfmüller – Ach Virginia“