Sally Rooney – Normale Menschen

Die irische Autorin Sally Rooney ist ein Phänomen. Schon ihr Erstling Gespräche mit Freunden, der 2017 erschien, war ein sensationeller Erfolg für die 1991 geborene damalige Studentin am Trinity College in Dublin. Verlage überboten sich schon im Vorfeld, der renommierte Faber&Faber erhielt schließlich den Zuschlag, die britische Literaturkritik überschlug sich, diverse Zeitungen machten das Buch zum Book of the year und der Verkaufserfolg blieb nicht aus. Ich habe das Buch durchaus gern gelesen, der Hype erschloss sich mir aber nicht. Der 2018 erschienene zweite Roman von Sally Rooney, Normal people, jetzt als Normale Menschen auch auf Deutsch erschienen, versprach noch phänomenaler zu werden. Longlist des Man Booker Prize, Gewinn zweier British Book Awards und des Costa Awards – ein Wahnsinnserfolg für das zweite Buch einer so jungen Autorin. Weiterlesen „Sally Rooney – Normale Menschen“

Lektüre September 2020

Meine Lektüre im September 2020 war wieder sehr gemischt. Ein sehr gehypter Titel hat mich eher enttäuscht. Aber das war fast vorhersehbar. Gute internationale Kritiken für Sally Rooneys Normale Menschen und eine Longlistplatzierung für den Man Booker Prize haben mich dennoch verleitet, das Buch zu lesen. Ein Ärgernis war es nun gerade nicht, aber doch eher unbedeutend.

Ein bei uns fast unbekannter, in Irland aber fast auf einer Stufe mit dem großen James Joyce stehender Autor wollte von mir entdeckt werden. Ehrlich gesagt, konnte er mich aber kaum erreichen. Auch wenn der Text durchaus Stärken besaß.

Sehr angetan war ich vom Buchpreis-Kandidat Thomas Hettche und auch Queenie konnte mich bezaubern. Ein Roman von Sorj Chalandon und einer von Alexa Hennig von Lange haben mich auch weitgehend überzeugt. Während ein von mir sehr geschätzter Autor hinter meinen Erwartungen zurückblieb.

Aber nun zur Lektüre im September 2020 im Einzelnen: Weiterlesen „Lektüre September 2020“

Sorj Chalandon – Wilde Freude

Der französische Autor Sorj Chalandon hat (nicht nur) mich im vergangenen Jahr mit seinem Roman Am Tag davor sehr begeistert, ein Grund für mich, mir auch sein neues Buch Wilde Freude anzuschauen. Und das, obwohl das in den Vorschauen annoncierte Cover, das vier Frauen von hinten/oben in pastellfarbener Umgebung zeigt, mich so gar nicht ansprach. Ein Cover, das so sehr nach „Frauenroman“ schreit, dass ich es ohne den Autor zu kennen, sicher nicht angeschaut hätte. Dem Verlag scheinen auch Bedenken gekommen zu sein, denn nun liegt das Buch mit einem gänzlich anderen Titelbild – reine Schriftgestaltung in starken, feurigen Farben – vor.

Eine gute Entscheidung. Denn wenn die Hauptprotagonisten auch vier Frauen sind, die sich mit typisch weiblichen Krebserkrankungen herumschlagen müssen, die Männer hier meist ein äußerst armseliges Bild abgeben und es um weibliche Selbstermächtigung und Solidarität geht, handelt es sich um alles andere als einen sentimentalen oder gar trivialen Roman. Weiterlesen „Sorj Chalandon – Wilde Freude“

Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige

Johanna I. von Kastilien, 1479 in Toledo als drittes Kind der „Katholischen Könige“ Isabella und Ferdinand II. geboren, als 17jährige aus machtpolitischen Gründen mit dem einzigen Sohn des späteren römisch-deutschen Kaisers Maximilian, dem Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund Philipp dem Schönen verheiratet und mit 28 Jahren bereits Mutter von sechs Kindern, erhielt schon recht früh ihren Beinamen „die Wahnsinnige“. Bis zu ihrem Tod 1555 war sie nur sehr kurze Zeit gemäß ihrem Titel „Königin von Kastilien und Aragon und den angegliederten Gebieten“, der ihr nach dem Tod ihrer Mutter 1504 zustand, eine der mächtigsten Regentinnen der damaligen Zeit. Vielmehr wurde sie zunächst von ihrer Mutter, dann von Ehemann, Vater und später Sohn verdrängt, festgesetzt und der Regierungsunfähigkeit bezichtigt. Ihre berührende Geschichte erzählt Alexa Hennig von Lange in Die Wahnsinnige. Weiterlesen „Alexa Hennig von Lange – Die Wahnsinnige“

Manuel Vilas – Die Reise nach Ordesa

Bevor das Corona-Virus so ziemlich alles durcheinanderwirbelte, war Spanien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2021 geplant. Nun heißt es ein weiteres Jahr warten, denn die Auftritte der Gastländer wurden um jeweils ein Jahr nach hinten geschoben. Es bleibt zu hoffen, dass bis dahin die Anzahl der Veröffentlichungen aus den spanischen Sprachen (das heißt vor allem aus dem Kastilischen und Katalanischen) deutlich ansteigt. Bisher werden gefühlt noch mehr Romane aus dem südamerikanischen Spanisch übersetzt als aus dem Mutterland selbst. Warum sich der deutsche Buchmarkt mit Literatur aus Spanien so schwer tut, wäre der Untersuchung wert. Einer der 2020 erstmals auf Deutsch erschienenen Romane ist „Die Reise nach Ordesa“ von Manuel Vilas. Um es gleich vorweg zu nehmen: Er hat es der Leserin nicht leicht gemacht. Weiterlesen „Manuel Vilas – Die Reise nach Ordesa“

Annie Ernaux – Scham

Am 1. September wurde die französische Autorin Annie Ernaux 80 Jahre alt. Ihre autobiografischen Texte sind mittlerweile zu großen Teilen auch auf Deutsch erschienen – allerdings in abweichender Reihenfolge. Zuerst erschien aufgrund seiner Popularität das relativ späte Die Jahre (Original 2008). Da Annie Ernaux mit ihren stark soziologisch geprägten, analytischen Texten auch bei uns mittlerweile eine große Leser:innenschaft besitzt, folgten auch andere Texte. Nach ihren Erinnerungen eines Mädchens (2018, Original 2016) waren das die Bücher über ihre Eltern, Der Platz (2019, Original 1983) und Eine Frau (2019, Original 1988), nun erschien Die Scham von 1997. Und auch, wenn man denkt, schon viel über das Leben und vor allem die Jugend von Annie Ernaux gelesen zu haben, packt Die Scham erneut. Weiterlesen „Annie Ernaux – Scham“

Candice Carty-Williams – Queenie

„Ach, Queenie“, nicht nur einmal entfuhr der Leserin des Debütromans von Candice Carty-Williams dieser Stoßseufzer. Queenie, die 25 jährige Protagonistin des bei den British Book Award als Book of the Year ausgezeichneten Erstlings sucht ihren Platz im Leben. Und stellt sich dabei nicht nur äußerst ungeschickt, sondern auch selbstzerstörerisch an. Letzteres verbietet auch eigentlich den von der britischen Presse herangezogenen Vergleich, den einer „Schwarzen Bridget Jones“ nämlich. Weiterlesen „Candice Carty-Williams – Queenie“

Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen „Thomas Hettche – Herzfaden“

Ray Bradbury – Fahrenheit 451

Fahrenheit 451, vom US-amerikanischen Autor Ray Bradbury 1953 in nur neun Tagen zu Papier gebracht und im gleichen Jahr veröffentlicht, zählt schon lange zu den klassischen dystopischen Romanen. Wie seine „großen“ Brüder Schöne neue Welt von Aldous Huxley (1932) und 1984 von George Orwell (1949) zeichnet Fahrenheit 451 eine düstere Zukunftsvision, indem er bestimmte gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen antizipiert oder auch nur weiterentwickelt. Dabei ist es ihm weniger um technische Errungenschaften als um das Zusammenleben der Menschen auf der Erde und die Organisation ihrer Beziehungen in bestimmten Gesellschaftssystemen zu tun. Weiterlesen „Ray Bradbury – Fahrenheit 451“