Im August erscheint Madeleine Prahs Roman „Die Letzten“ bei DTV, auch eine „Nachbar“geschichte um ein Haus, das „leergewohnt“ werden soll. Prahs Debüt „Nachbarn“ hat mir 2014 ausgesprochen gut gefallen, ihre Personenschilderung fand ich ausgezeichnet. Deshalb freue ich mich sehr auf die Neuerscheinung und möchte hier mit meiner Rezension von 2014 ein wenig neugierig machen. In ihrem Debütroman „Nachbarn“ blättert Madeleine Prahs die Geschichte von sechs Menschen auf.
„Sechs Menschen, deren Leben untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden sind.“, wie es auf dem Umschlagstext heißt.
Und so geht es tatsächlich auch um Republikflucht, Stasitätigkeit, um Wendeverlierer und -gewinner. Und doch bilden diese Dinge nur den Rahmen für das Leben dieser Menschen, auf das in kurzen Kapiteln, aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven die Jahre 1989/1990, 1994, 2001 und 2006 in unterschiedlich großem Umfang Schlaglichter geworfen werden. Dabei nimmt das Jahr 2006 den meisten Raum ein.
Dieses Verfahren der häufigen Perspektiv- und Zeitwechsel macht es dem Leser am Anfang nicht leicht, in die Geschichte hineinzufinden, zumal zu den sechs Hauptfiguren noch eine Anzahl Nebenfiguren kommen, die von der Autorin gekonnt skizzenhaft entworfen werden.
Allmählich nähert man sich aber, kristallisieren sich die Hauptmotive heraus, entdeckt man zwei Dreiecksverbindungen.
Da ist zunächst einmal die klassische der zwei DDR-Studienfreunde, die beide dieselbe faszinierende Frau lieben. Dabei bekommt sie natürlich der charismatische, männliche Hans, während der zurückhaltende Matthias zunächst leer ausgeht. Zunächst, denn nachdem Hans, von der Stasi bedrängt, von trüben Zukunftsaussichten geplagt, eine wissenschaftliche Reise nach Rom zur Republikflucht nutzt, zieht die schöne Hanna bei Matthias ein. Ein scheinbares Glück, das erst durch den Mauerfall erneut bedroht wird.
Das andere Dreieck ist ungewöhnlicher und besteht aus der kurz vor der Wende mit der Mutter und dem Bruder, aber ohne den Vater in den Westen geflüchtete, dort aber irgendwie nie richtig angekommene Anne, ihrer Tochter Marie, die sie alleinerziehend neben dem Job als Altenpflegerin und der Putzstelle mehr schlecht als recht groß zieht, und schließlich dem von Anne betreuten Rentner Fritzsche, dem typischen Wendeverlierer – Arbeit verloren, Ideale verloren, Taxijob wegen Depressionen weg und schließlich auch noch die Frau gestorben. Voller Wut und Hoffnungslosigkeit ersehnt er eigentlich nur noch seinen Tod.
Eines Tages weiß sich Anne keinen anderen Rat und bringt ihm ihre sechsjährige Tochter, damit er aufpasst während sie putzen geht.
Die Autorin trifft den Ton ihrer Figuren genau, entwirft mit ihren Leben, Träumen und Enttäuschungen ein, wenn auch nicht repräsentatives, so doch beeindruckendes Panorama deutschen Alltags.
Überrollt von der Geschichte nennt man das manchmal, aber eben auch überrollt von den simplen Schrecknissen des Lebens allgemein.
Einmal fragt Hans seinen ehemaligen Freund Matthias in einer Konfrontation
„Du lässt mir keine Wahl, nicht wahr?“ „Man hat immer eine Wahl, oder?“antwortet dieser.
Ob das tatsächlich für alle Protagonisten zutrifft, mag der Leser selbst beurteilen.
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In Rückblenden, Gedanken und Beobachtungen kommen die Personen nur langsam näher, muss der Leser viele Bruchstücke auch selbst zusammensetzen. Schließlich entsteht aber ein stimmiges Bild von sechs Menschen, die zwar Nachbarn im Leben sind, am Ende aber auch ziemlich verlassen dastehen. Einsamkeit ist das große Thema.
Das Ende ist ein wenig offen, verhalten hoffnungsvoll.
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Madeleine Prahs – Nachbarn
dtv Literatur September 2014, gebunden, 352 Seiten, 19,90 €
auch als Taschenbuch bei dtv 9,90 €