Ein Abend mit Arundhati Roy

Literaturhaus Frankfurt, Deutschlandpremiere von „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy, jenem Roman, auf den die literarische Welt zwanzig Jahre wartete. 1997 war ihr erster Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ erschienen und gleich ein Riesenerfolg geworden. Internationale Publikationsrechte für 21 Länder wurden verkauft und der renommierte Booker Prize gewonnen. Zu Recht, die Geschichte um eine christliche Familie im südindischen Kerala, die zugleich Einblick in die Politik und Gesellschaft Indiens, in das Kastenwesen und die Rolle der Frauen eröffnete, ist einer der großen Romane des ausgehenden 20. Jahrunderts.

Arundhati Roy engagierte sich, bewusst auch ihre Bekanntheit nutzend, für gesellschaftliche und soziale Fragen. Als Friedens-, Umweltschutz- und globalisierungskritische Aktivistin veröffentlichte sie zahlreiche Essays. Gerade ihr Eintreten gegen den wachsenden Hindunationalismus in Indien brachten ihr auch erbitterte Gegner ein. Ernstzunehmende Drohungen waren die Folge.

So begann der Abend auch mit für eine Lesung eher ungewöhnlichen Taschenkontrollen und einem Aufgebot an Sicherheitskräften. Der Leiter des Frankfurter Literaturhauses Hauke Hückstädt nutzte seine Eröffnungsansprache dann auch zu einem Appell für Diversität und Zivilcourage.

Moderiert wurde der Abend sehr angenehm und sachkundig von dem Lektor Hans Jürgen Balmes. Er gab eine kurze Einführung zum Werk Arundhati Roys und betonte dabei auch ihre Rolle als Aktivistin und Bürgerrechtlerin, die sich auch in ihren Essays niederschlägt. Von „staunender Wahrnehmung“ war da die Rede.

Dann berichtete Roy von ihrem kleinen Schreibapartment, eher einem winzig kleinen Raum in Shahjahanabad, der ummauerten Altstadt Dehlis, wo auch der neue Roman beginnt. Es ist ein Raum, der ihr Sicherheit bietet, aber auch einen ganz besonderen Rhythmus, den sie zum Schreiben braucht. Hier steht sie auch nach Beendigung ihrer Werke immer noch mit den Figuren im Gespräch. Diese sind im Buch sehr zahlreich, ja, die ganze Stadt soll zeitweise als Person auftreten, vom Hintergrund in den Vordergrund treten und aus all den kleinen Scherben soll die Geschichte entstehen. Wie Arundhati Roy sagte, soll der Leser durch ihren Roman wie durch eine Stadt streifen, hier und da mit den Menschen eine Zigarette rauchen und mit ihnen ins Gespräch, in den Austausch kommen.

 

Immer wieder nach Anteilen von „Magischem Realismus“ in ihrem Werk gefragt, betont Roy, dass für sie darin wenig Magisches vorhanden ist. Die Lebenswirklichkeit in Indien mutet für viele Menschen in anderen Kulturkreisen vielleicht ein wenig magisch an, aber für die Menschen vor Ort ist sie Realismus, oftmals bedrückender Fakt. Indien erscheint vielen Beobachtern von außen wie der Inbegriff von Anarchie und „Buntheit“. Arundhati Roy betont aber, dass diese Anarchie und Unordnung nur auf den Straßen, bei der Müllbeseitigung etc. herrscht, dass die Gesellschaft selbst dagegen eisernen Regeln unterworfen ist. Das strenge Kastensystem ist ein brutales Beispielt dafür. Auch heute noch werden maximal 5% aller Ehen außerhalb der Kastengrenzen geschlossen.

Für Roy dient ein Roman dient aber nicht als Informationsvermittler, sondern ist immer Fiktion. Wenn er aber präzise gearbeitet ist, dann wird er universell. Durch einen fiktionalen Roman kann man oft die Atmosphäre eines Landes, einer Zeit und ihre Probleme viel besser fassen als durch nicht-fiktionale Texte. „Fiction is truth!“

Die Schauspielerin Anna Böger las anschließend eine Passage aus dem „Ministerium“, die den Zuhörern einen der Handlungsorte, den Friedhof, der zum Zuhause der Hauptfigur wie so vieler anderer wurde, vorstellte.

 

Hans Jürgen Balmes zeigte sich daraufhin erneut begeistert von der Musikalität der Sprache, auch in der deutschen Übersetzung von Anette Grube. Arundhati Roy sprach von der Besonderheit ihres Werkes, das im Original mit den verschiedenen indischen Sprachen, Urdu, Hindi, Kashmiri und auch der teilweise „versehrten Grammatik“ des gebrauchten Englisch spielt, den Personen auch dadurch unterschiedliche Charaktere verleiht und gerade dadurch viel von seiner Authentizität erhält. Das in eine homogene Sprache wie das Deutsche zu übersetzen ist schwierig. Anette Grube ist es anscheinend sehr gut gelungen. Insgesamt wird der Roman in 40 Sprachen übersetzt, u.a. auch in die indischen Sprachen, was Arundhati Roy vorkommt, als käme das Buch nach Hause. Sprache ist für die Autorin wie Musik, die sie beim Schreiben wie eine Tonspur nebenherlaufen hört. Das Buch als Teich, unter dessen ruhiger Oberfläche die Fische der unterschiedlichen Sprachen schwimmen. Deshalb sind Übersetzungen für sie so spannend und sie arbeitet auch eng mit den Übersetzern zusammen.

 

Nach einer zweiten Lesepassage kommt Hans Jürgen Balmes noch einmal auf den Sicherheitsaspekt zurück und fragt die exponierte Autorin nach ihrem Sicherheitsgefühl. Roy betont, dass sie ihre Popularität und Veranstaltungen wie Lesungen als eine Art militärische Taktik nutzt. Je mehr Bekanntheit und Solidarität ihr entgegengebracht wird, um so sicherer fühlt sie sich, um so höher ist die Schwelle, die für einen Angriff auf sie überschritten werden muss.

Diese Solidarität und Unterstützung zu gewähren, ist bei deiner derart sympathischen, humorvollen, unprätentiösen Autorin sicher für jeden Zuhörer und Leser selbstverständlich.

Nach den Plänen für einen weiteren Roman gefragt, betont sie, dass Fiktion das Gegenteil von Dringlichkeit ist, im Gegenteil zu den Essays Zeit braucht, sich zu entwickeln. Vielleicht kommt es dazu, vielleicht aber auch nicht.

Nach einem typischen Tag in ihrem Autorenleben gefragt, würde sie zunächst antworten, dass sie kein Bürokrat ist und es von daher keinen „typischen Tag“ gebe. Wenn, dann aber würde der Besucher in ihrer Wohnung wahrscheinlich auf Menschen treffen, die entspannt auf dem Boden lägen, zur Decke blicken und sich hin und wieder anstupsen würden: „Kannst du dir vorstellen? Alle anderen arbeiten jetzt?“ „Ich bin keine sehr ambitionierte Schriftstellerin“, meint Arundhati Roy noch.

Eine sehr sympathische schon.

Alle Fotos Eigene Werke.

Emeraldnotes war von ihrer Lesung in Tübingen genauso begeistert wie ich.

8 Gedanken zu „Ein Abend mit Arundhati Roy

  1. Danke, Petra dass Du mich mitgenommen hast zu dieser Veranstaltung. Mein Herz schlägt für Indien und ich habe letztens einen Beitrag gesehen, der sich mit den „Unberührbaren“ im heutigen Indien beschäftigt hat. Ja, mit Buntheit hatte das wirklich gar nichts zu tun. Damit die Welt den Blick aus der Verklärtheit heben kann, wenn sie auf Indien schaut ist dieses Buch wichtig. Um dieses Autogramm beneide ich Dich glühend 🙂 LG Petra

  2. Ich war auch neulich auf einer Lesung mit ihr. Sehr interessant und eine sehr sympathische, kluge Frau. Sie klingt wie ein Mädchen 😉 Danke für Deinen Bericht.

  3. Ich habe sie in München gehört und gesehen. Leider war dort der Interviewpartner nicht ganz so toll wie wohl in Frankfurt, wenn ich deinen Bericht so lese. Trotzdem war es ein toller Abend, zumal Eva Mattes die deutschen Passagen gelesen hat.

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