Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

„Romane sind Eintöpfe“, so betitelte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit Arundhati Roy vom Sommer dieses Jahres. Eine Aussage, der mancher Schriftstellerkollege und so mancher Kritiker und Leser sicher gerne vehement widersprechen möchte. Und so hat der lang erwartete Roman der Autorin, die 1997 mit ihrem Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ einen phänomenalen, weltweiten Erfolg hatte und den Booker Prize gewann, nicht nur positive Kritiken erhalten. „Gescheitert“, „ihrem Stoff nicht gewachsen“, am häufigsten „chaotisch“ waren einige der Urteile. Vielleicht keine Eintopfliebhaber, oder zumindest nicht in der Lage, die subtilen Geschmäcke der einzelnen Zutaten und ihren manchmal ungewohnten Zusammenklang zu genießen. Nicht nur in der Küche gibt es Freunde der Trennkost oder des Simple Food. Diese tun sich mit dem „Ministerium des äußersten Glücks“ wahrlich keinen Gefallen. Arundhati Roy packt allerhand Zutaten in ihren „Romaneintopf“, würzt mit unzähligen Aromen und kreiert einen so poetischen wie politisch scharfen literarischen Hochgenuss.

India – Delhi – 003 – The view of Paharganj by McKay Savage (CC BY 2.0) on Flickr

Die 56jährige studierte Architektin Roy gilt seit ihrem literarischen Erfolg Ende der neunziger Jahre als eine der wichtigsten Stimmen Indiens. Und diese hat sie immer wieder erhoben, wenn es galt, gegen politische oder religiöse Ausgrenzung, Menschenrechtsverletzungen, Pogrome oder den erstarkenden Hindunationalismus in ihrer Heimat vorzugehen. Anders als viele ihrer Kollegen lebt die Autorin immer noch in Delhi, reist viel durchs Land, kommt mit den Leuten ins Gespräch. Sie ist eine erklärte Globalisierungskritikerin und engagierte Umweltaktivistin. Spätestens seit ihrem Engagement im immer noch schwelenden Kaschmir-Konflikt gilt sie für viele Nationalisten als Volksfeindin.

Aber Arundhati Roy betont immer wieder, in ihren politischen Essays sowohl wie im vorliegenden Roman, dass Indien eben nicht nur das Land der Hindus, das der höheren Kasten ist. Sie preist die Vielfalt, das Zusammenleben, von Hindus, Moslems, Christen sowohl wie das der unterschiedlichen Kasten, die sie als eins der Grundübel der indischen Gesellschaft auch im modernen Indien entdeckt. So sind beispielsweise auch heutzutage nur wenige Ehen kastenübergreifend.

Im „Ministerium des äußersten Glücks“ erzählt Roy eigentlich zwei unterschiedliche Geschichten, die sie am Ende zusammenführt. In beiden erzählt sie von den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten in der indischen Gesellschaft. Da tauchen sowohl das Giftgasunglück in Bhopal 1984, als auch die schweren Ausschreitungen im Bundesstaat Gujarat 2002 auf, bei denen nach einem Brandanschlag auf einen Zug mit hinduistischen Pilgern unter Duldung der Regierungspartei BJP regelrecht Hatz auf die muslimische Bevölkerung gemacht wurde (der Spiegel titelte damals „Blutrausch wie im Mittelalter“). Massaker an den unberührbaren Kasten der Dalits und Adivasis sind genauso Thema wie die zunehmende Islamfeindlichkeit nach 9/11 und der Kaschmirkonflikt, der seit 1947 schwelt (oder auch zeitweise lichterloh brennt). Ziemlich viele politische Themen, die Arundhati Roy unter den Nägeln brennen und die sie hier, wie ich finde, großartig in eine oder wie gesagt zwei Geschichten einflicht.

Hidras of Panscheel Park-New Delhi By R D´Lucca from Caracas, Venezuela [CC BY 2.0 ], via Wikimedia Commons
Da ist einmal die Geschichte von Anjum, die als kleiner Junge Aftab auf die Welt kam, deren Eltern aber zu ihrem großen Entsetzen feststellen mussten, dass das Kind nicht nur ein Geschlecht besitzt, sondern sowohl Junge als auch Mädchen ist. Hijra werden in Indien diese inter- oder transsexuellen Menschen genannt und es gibt (zumindest auf den Wahlzetteln) neben männlich und weiblich noch die Option „anderes“. Wer allerdings denkt, dass die indische Gesellschaft hier mit mehr Toleranz reagiert, irrt. Zwar werden Hijras teilweise aus Aberglauben gefürchtet, aber gesellschaftlich weitgehend geächtet, leben oft in Kommunen zusammen und haben als Broterwerb oft nur die Prostitution oder Bettelei zur Auswahl.

Anjum kommt diese Furcht zu Hilfe, als sie dadurch nur knapp einem Massaker entkommt. Sie zieht sich daraufhin ganz auf einen Friedhof in Alt-Delhi zurück, lebt zwischen den Gräbern, zieht nach und nach andere Außenseiter, für die auch kein Platz in der Gesellschaft zu sein scheint, an. Das Jannat („Paradies“) Gästehaus entsteht, Arundhati Roys Lob auf die Unkonventionalität, die Abweichung, sowohl was Geschlecht als auch Religion oder Kaste angeht. Die Protagonisten sind zerrissen wie ihr Land, auch durch sie gehen unsichtbare Grenzen hindurch.

Ladakh – Kaschmir via Pixabay CC0

Die zweite Geschichte, die erzählt wird, ist noch komplexer. Sie handelt von vier Freunden, drei Männern, die alle die gleiche Frau lieben, die Studentin Tilottama. Sie entwickeln sich in Laufe der Jahre alle sehr unterschiedlich. Der eine wird kritischer Journalist, später Regierungsinformant und heiratet Tilo; der andere geht in den Untergrund, um im Kaschmirkonflikt gegen die Regierung zu kämpfen und bleibt Tilos große Liebe; der dritte wird Mitglied des Inlandgeheimdienstes. Letzterer ist die wohl am meisten negativ besetzte Figur. Dennoch gestaltet Roy ihn nicht nur äußerst ambivalent, weder gut noch böse, sondern sie verleiht ihm als einzigem die Ich-Perspektive. Ein interessanter Schachzug. Die Geschichte der Drei in unruhigen, politisch instabilen Zeiten bildet den mittleren Teil des Buchs. Ab hier wird die Geschichte disparat, bietet nicht nur zwei Perspektiven, sondern fügt auch anderes Textmaterial wie Akten, Notizen, Pamphlete, Gedichte und Lieder hinzu. Außerdem bekommt sie ein höheres Tempo. Manch Leser fühlt sich ein wenig wie in ein Labyrinth von Figuren, Geschehnissen und Fakten gezogen. Die Autorin behält aber alle Fäden fest in der Hand und vereinigt die beiden Erzählstränge man Ende zu einer Art Märchenschluss. Trotz all des Chaos und der Widersprüche, all des Elend und der Grausamkeit ist Hoffnung für sie möglich, ja sogar „äußerstes Glück“. Vielleicht liegt es hier in der kleinen Gegengesellschaft auf dem Jannat-Friedhof.

South-Park-Street-Cemetery By Giridhar Appaji Nag Y from Bangalore, India (20061008_132521) [CC BY 2.0 ], via Wikimedia Commons
Arundhati Roy hat ein Anliegen, nein, sie hat sogar viele. Das ist bei einer solch engagierten, politischen Person nicht verwunderlich. Durch ihre poetische Sprache, ihre Liebe zum Detail und ihre Figuren, durch ihren Humor und die Genauigkeit ihres Blicks wird daraus aber nie ein Dozieren, ein Pamphlet, sondern ein wunderbarer literarischer Eintopf mit vielen delikaten Aromen.

Arundhati Roy - Das Ministerium des äußersten Glücks„Ich wollte keinen folgsamen, zivilisierten Roman schreiben, so wie sich die Leute einen Roman vorstellen, sondern wollte die Erwartungen brechen, denn die Dinge sind brüchig hier, bei uns, in dieser Welt. Ich erzähle eine zertrümmerte Geschichte.“

Arundhati Roy
Das Ministerium des äußersten Glücks
Übersetzer: Anette Grube
S. Fischer August 2017, gebunden, 560 Seiten, € 24,00 
 
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Einen Eindruck von ihrer Lesung im Frankfurter Literaturhaus hier

 

Beitragsbild: Jüdischer Friedhof mit Tuk Tuk im Vordergrund by David Kirsch (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Ich danke dem S. Fischerverlag sehr für das Rezensionsexemplar!

9 Gedanken zu „Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

  1. Ich muss nun wirklich einmal ernsthaft damit anfangen. Ich habe immer etwas kürzeres dazwischen gelesen und so kam ich nie in die Geschichte hinein. Empfehlen kann ich zum Thema auch die Romane von Shumona Sinha. Vor allem in „Kalkutta“ befasst sie sich auch mit der politischen Lage.
    Viele Grüße!

  2. Der Gott der kleinen Dinge hatte mich vor Jahren auch eingefangen. Vor diesem ihrem neuen Roman stehe ich noch zögerlich, dass er ein so unterschiedliches Meinungsbild hervorruft stört mich dabei nicht, im Gegenteil! Vielen Dank für Deine Sicht und den wunderbaren Beitrag, wie immer mit stimmungsvollen Fotos angereichert. Jetzt bin ich der Meinung ich muss ihn lesen, oder vielleicht auch hören, aber zum passenden Moment … Lieben Dank, Petra!

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