Verena Boos – Kirchberg

Es ist eine Heimkehr.

Johanna kehrt nach Jahren, die sie in Berlin, New York und Italien gelebt hat, zurück in die kleine Gemeinde im Schwarzwald, in der sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Das alte Schulhaus steht nach dem Tod der Großeltern schon ein paar Jahre leer, aber es atmet noch Vertrautes. Auch die Nachbarn und der Jugendfreund Patrizio sind bald zur Stelle. Für Hanna ist es eine Reise in ihre Kindheit und Jugendzeit, in glückliche Jahre, aber auch zurück zu schmerzvollen Erinnerungen. Erinnerungen daran, dass ihre Mutter sie nicht hat haben wollen. Daran, dass die Großeltern sie nur knapp vor einer Adoption bewahrt haben. Daran, dass die Mutter sich auch später, auch heute, kaum um sie kümmert. Selbst heute nicht.

Es ist auch eine Flucht.

Flucht aus der Großstadt Berlin, Flucht vor der gescheiterten Liebesbeziehung zu Leo, der in Glasgow lebt, zwar geschieden, aber durch vier Kinder gebunden und alles andere als bereit für eine feste, zuverlässige Partnerschaft. Flucht vor allem aber vor dem Zustand, in dem sich Hannas Körper nach einem Schlaganfall befindet. Die Vierzigjährige leidet unter starken Bewegungseinschränkungen auf der einen Körperseite, vor allem aber ist ihr die Sprache abhandengekommen, zumindest der ungehinderte Zugriff auf sie. Wie ein krankes Tier verkriecht sie sich nun in dem alten Haus in der Provinz ihrer Kindheit, sucht sich dort einen Rückzugsort.

Schwarzwald September 1985 by Barbara Ann Spengler (CC BY 2.0) on Flickr

Dass diese Flucht nicht gelingen kann, liegt auf der Hand. Johanna nimmt nicht nur ihre Behinderung, sondern auch ihre Verletzungen und Erfahrungen ja mit sich, zudem prasseln gerade hier unzählige Erinnerungen auf sie ein. Auch die Frage nach ihrem Vater, dessen Identität ihre Mutter bisher nicht preisgeben wollte, steht wieder im Raum. Außerdem arbeitet sie sich an der Trennung von Leo ab.

Ihre stete Introspektion und Selbstbefragung steht dabei in krassem Widerspruch zu der Unfähigkeit, sich umfassend mitzuteilen. Auch das Haus selbst ist nicht mehr der Zufluchtsort von früher, ist ausgeräumt, ungastlich.

Und doch kommt Johanna hier ein wenig zur Ruhe. Vor allem die Menschen ihrer Umgebung, allen voran Patrizio und seine Mutter, aber auch die Nachbarin Sabrina, begegnen ihr mit großer Empathie. Genau wie der Leser erfahren sie erst nach und nach von der Vorgeschichte des Schlaganfalls und dem ernsten Zustand, in dem sich Johanna befindet.

Der Roman pendelt zwischen den Monaten, die Johanna im Schwarzwaldhaus verbringt und den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und denen an ihre Zeit mit Leo. Verena Boos trifft bei den gegenwärtigen Episoden, besonders bei der Schilderung der Krankheit und Johannas Leiden wunderbar einen Ton der tiefen Empathie, der aber nie ins mitleidige oder gefühlsduselige abgleitet. Intensiv, eindringlich und doch zurückhaltend erzählt sie davon. Auch die Kindheitserinnerungen passen sich sehr gut ein. Das sind Passagen, die sicher noch lange nachhallen werden, gerade, weil sie auch nicht alle bis ins Letzte auserzählt werden und weil sich die Autorin dafür Zeit nimmt.

Was ihr weniger gut gelingt, und das war auch schon in dem von mir sehr geschätzten Erstling „Blutorangen“ der Fall, sind die Liebesszenen. Die geraten oft ein wenig schwülstig. Die verzweifelte, hoffnungslose Liebe zu Leo, von dem sie sich letztendlich trennt, hätte es für mich nicht gebraucht.

 

Winged Lion via Pixabay CC0

Zwar kommt Verena Boos auch sonst nicht ganz an Stereotypen vorbei (Patrizio stammt aus einem Haus von Pizzabäckern, arbeitet in italienischem Design und fährt mit ihr schließlich nach Venedig – natürlich über die Passstraße – zum Löwen von San Marco, ihrem Sehnsuchtsort der Kindheit), und gegen Ende verliert sie sich kurzfristig in einem Kapitel, das 2024 spielt, in futuristischen Spielereien, die ein wenig albern wirken, aber was von diesem Roman ganz sicher bestehen bleiben wird, sind die starken Szenen über Johannas Kindheit, über ihre Familie und ihr körperliches Leiden. Szenen über Heimat, die Suche nach dem Platz im Leben, über Lebenspläne und Lebenswege, über Freundschaft, Familie und Tod. Starke Szenen, eindrückliche Szenen.

Beitragsbild: Das alte Schulhaus by Falk Lademann (CC BY 2.0) on flickr


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In diesem Falle danke ich aber dem Aufbau Verlag für das Exemplar!

Verena Boos - Kirchberg

 

 

Verena Boos – Kirchberg

Aufbau Verlag September 2017, Hardcover, 366 Seiten, 22,00 € 

0 Gedanken zu „Verena Boos – Kirchberg

  1. Liebe Petra,
    ist diese Rezension von dir tatsächlich an mir vorbei gegangen… In vielem sind wir uns einig. Auch, dass der in der Zukunft spielende Teil nicht hätte sein müssen (habe das in meiner Rezi gar nicht erwähnt) aber er war irgendwie ein Goodie. Die aufreibende Liebe zwischen Hanna und Leo sehe ich aber doch anders. Ich finde sie gelungen, zeigt sie doch auf außergewöhnliche Weise, wie sehr sich Hanna nach wahrer Liebe verzerht hat. So intensiv, dass sie bereit war, das alles durchzumachen, wie es letztendlich mit Leo passiert ist. Es zeigte aber auch, wie Patrizio am Ende erwähnt, dass die kalte und scheinbar unerreichbare Hanna gar nicht so kalt war. Im Gegenteil, sie war zu so viel mehr fähig, wie kaum ein anderer. 😉
    GlG vom monerl

    1. Liebes monerl, meine Kritik an der Liebesgeschichte ist ja Jammern auf hohem Niveau. Ich finde das Buch auch sehr gelungen. Aber mit Frauen, die sich nach unerfüllbaren Lieben verzehren habe ich einfach ein wenig Schwierigkeiten 😉 Aber man kann das durchaus anders sehen. Schön ist doch, dass wir beide das Buch sehr mochten. Ich wünsche dir viele schöne Lesestunden und schicke liebe Grüße!

      1. Ja, liebe Petra, wir beide fanden das Buch sehr gelungen. Das habe ich auf jeden Fall aus deiner Rezension herausgelesen. Das war eindeutig. 🙂 Wobei ich auch denke, dass Patrizio in dieser Sache ihr absolutes Pendant ist. Er hätte wahrscheinlich das Gleiche gemacht, hätte sie ihn gelassen. Meinst du nicht auch?
        Herzliche Grüße aus Langen!

          1. Das denke ich auch. Sie hat ihm nie eine richtige Chance gegeben, sich als Partner zu beweisen. Sehr schade eigentlich. Wahrscheinlich hätten sie glücklich werden können. Mit „Pendant“ meinte ich, dass er ihr vielleicht ebenso sehr verfallen wäre, wenn sie nicht aus seinem Leben verschwunden wäre. Sie wäre auch so ein Leo gewesen. Verstehst du, was ich meine?

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