Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts

„Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“). In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel des große Romans von Madeleine Thien über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – Sag nicht wir hätten gar nichts – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten.

Denn diese Zeilen stehen in engem Bezug zum Erzählten. Auf fast 650 Seiten, auf denen die Autorin die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten ausbreitet, werden diese wie der Leser immer wieder schmerzlich darauf gestoßen, wie wenig die Menschen in China „masters of the world“, ja noch nicht einmal die Meister ihres eigenen kleinen Lebens und das ihrer Familien sein durften. Dass sie im Gegenteil sogar noch weniger als nichts galten in jenem Land der Kulturrevolution, das die Ausrottung des Individualismus auf seine Fahnen schrieb.

Zudem spielte „Die Internationale“ auch eine große Rolle bei den Studentenprotesten im Jahr 1989 in China, deren Niederschlagung als „Tiananmen Massaker“ in die Geschichte einging. Sie wurde von den Studenten bei der Räumung des Platzes durch das Militär gesungen.

Hiermit sind auch zwei der Eckdaten der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie in „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ erzählt wird, benannt. Das dritte große geschichtliche Ereignis und der „Urgrund“ ist der zweite chinesisch-japanische Krieg, der mit großer Grausamkeit von 1937 bis 1945 geführt wurde, schließlich als Teil des Zweiten Weltkriegs.

Madeleine Thien beginnt Sag nicht wir hätten gar nichts allerdings wesentlich später, mit den Erinnerungen Li-Lings oder Maries oder Ma-Lis im kanadischen Vancouver. Sie ist, wie viele ihrer Schicksalsgenossen und -genossinnen und wie die Protagonistinnen aus den vergangenen Büchern Thiens (z.B. „Flüchtige Seelen„) auch, zerrissen zwischen ihrer westlichen und östlichen Identität. Tochter von chinesischen Eltern, die nach Kanada flüchteten, steht sie irgendwo dazwischen und muss schmerzlich erfahren, wie wenig sie doch von ihrer Abstammung, Familie, ja gar von ihren Eltern weiß.

„In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm. In diesem Jahr, 1989, flog meine Mutter nach Hongkong, um meinen Vater auf einem Friedhof nahe der Grenze zu China zur Ruhe zu betten. Danach kehrte sie verstört nach Vancouver zurück, wo ich allein zu Hause geblieben war. Ich war zehn Jahre alt.“

Ein zutiefst verstörendes Erlebnis, fühlte sich Li-Ling doch bis dahin von ihrem Vater geliebt, geborgen in einer gesicherten, friedvollen Existenz. Auch als erwachsene Frau im Jahr 2016, und das ist eine weitere Zeitebene, die Thien kunstvoll mit derjenigen von 1989 und der aus den Jahren Mao Tse-tungs verschränkt, fragt sich Li-Ling/Marie, was den Vater wohl zu diesem schrecklichen Schritt im Alter von nur 39 Jahren bewogen haben könnte. Mit einer Reise nach Hongkong, während der sie die Hinterlassenschaften des Vaters erhält, öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit. Sie erinnert sich nicht nur an die Zeit der Trauer, sondern auch an das Mädchen Ai-Ming, das 1989 plötzlich in das Leben Maries und ihrer Mutter trat. Marie ist sich aber durchaus der Unsicherheit ihrer Erinnerungen bewusst.

„Trotz meiner Bemühungen weiß ich es bis heute nicht. Es ist möglich, dass ich mich an alles falsch erinnere.“

Denn auch Ai-Ming verschwand irgendwann aus ihrem Leben und kann ihr heute beim Zusammensetzen des Puzzles genauso wenig helfen wie ihre Mutter, denn diese lernte den Vater erst in Kanada kennen.

Monument Tiananmen Square – 1989 by Robert Croma  (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Ai-Ming geriet im Jahr 1989 in Folge der Studentenproteste in Schwierigkeiten und musste fliehen. Ihre Mutter wandte sich hilfesuchend an Maries, denn die beiden Väter waren einst sehr gute Freunde. Mit Ai-Ming erreichen auch bisher unbekannte Tatsachen die behütete Welt in Kanada. Geschichten über Maries Vater, der als einziges Familienmitglied die große Hungersnot, die in China in den Jahren 1958 bis 1961 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und über 40 Millionen Menschenleben gefordert hatte, überlebte. Fatale Witterungsbedingungen, aber auch große politische Fehlentscheidungen während Maos Kampagne „Der große Sprung nach vorn“, führten zu dieser verheerenden Katastrophe. Nur dank eines „Professors“ in Shanghai, der Maries Vater Jiang Kai bei sich aufnahm, konnte dieser die Zeit überstehen. Er wurde zu einem begabten Pianisten an der Hochschule für Musik. Dort lernte er Ai-Mings Vater kennen, der sein Lehrer wurde und selbst ein sehr talentierter Komponist war. Die Dritte im Freundschaftsbunde war Zhuli, dessen Cousine und ihrerseits leidenschaftliche Violinistin.

An dieser Stelle sei eine Kritik meinerseits erlaubt, die sich auf die Namensgebung in der deutschen Übersetzung bezieht. Während die Personen im Original mit ihren Spitznamen „Sparrow“, „Swirl“, „Big Mother“ usw. benannt werden, hat sich die Übersetzerin für die weitaus weniger geschmeidigen „Kleiner Sperling“, „Wirbelwind“, „Große Mutter Messer“, „Alte Katze“ usw. entschieden. Für mich litt dadurch nicht unerheblich die Flüssigkeit des Textes, da die Namen sehr oft vorkamen. Eine Entscheidung, die vielleicht dem chinesischen „Flair“ geschuldet sein mag, für mich aber nicht zwingend erscheint.

Rund um die drei Freunde und ihre Familien erleben wir nun nicht nur die dramatischen geschichtlichen Ereignisse während der Herrschaft Mao tse-tungs und der vorsichtigen Öffnungs- und Reformpolitik unter seinem Nachfolger Deng Xiaoping. Die Studentenproteste 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die, hervorgegangen aus Trauerfeierlichkeiten um den Reformpolitiker Hu Yaoang, bald in die Forderung nach mehr Demokratie mündeten und deren Niederschlagung durch die Armee vermutlich mehrere tausend Opfer, Verhaftungen und Hinrichtungen zur Folge hatte (wenn auch fälschlicherweise vom Massaker auf dem Tiananmen-Platz gesprochen wird, da die Studenten auf dem Platz friedlich abziehen konnten. Die Opfer entstanden an Barrikaden und Kämpfen in der Stadt) bilden den dramatischen, spannenden Höhepunkt des Romans.

Tiananmen
The Morning After The Night Before Outside Tiananmen – 4th June 1989 by  Robert Croma  (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Ein wichtiges Motiv ist auch die Musik, der die Freunde leidenschaftlich ergeben sind. Bachs Goldberg Variationen, Prokovjev, Schostakovitch und Debussy durchziehen mit ihren Kompositionen das gesamte Buch. Die Liebe zu dieser „westlichen“ Musik und die Träume der jungen Musiker bilden nicht nur den, musikalisch ausgedrückten und im Text immer wieder betonten, „Kontrapunkt“ zu den Unterdrückungen, Verfolgungen, Schikanen, Folterungen und Hinrichtungen, die während der Kulturrevolution 1966-1976 geschätzt „1,5 bis 1,8 Millionen Todesopfer, die gleiche Anzahl von dauerhaft körperlich Versehrten, 22 bis 30 Millionen direkt politisch Verfolgte; über hundert Millionen der von „Sippenhaft“ Betroffene“ forderte. (1) Sie führte auch unmittelbar dazu, dass die drei Freunde selbst zu den Verfolgten gehörten. Diese klassische westliche Musik galt plötzlich als dekadent und individualistisch (was Mao aber nicht davon abhielt in Peking ein eigenes hochklassiges Symphonieorchester aufbauen zu lassen), wurde verboten und verfolgt. Vielleicht lag es daran,

„dass sie so viele Gefühle in uns aufwühlen, dass sie uns veranlassen, uns nicht nur zu fragen, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen.“

Zhuli, deren Vater, Wen, der Träumer, als Schriftsteller selbst vor den Verfolgungen als „Volksfeind“ fliehen musste, traf es dabei am härtesten. Jiang Kai passte sich an, konnte in Peking weiterhin als Musiker arbeiten. Sperling wurde zur Arbeit in einer Radiofabrik bestimmt.

Eindrücklich erzählt Madeleine Thien von der Verschwendung von Talent und Energie durch die Verfolgung von Intellektuellen, Künstlern, Lehrern, „Bürgerlichen“. Den Verlust von Identitäten, Selbstvertrauen, der Schizophrenie, in die sich die Menschen begeben mussten: in die öffentliche Person, die in endlosen Selbstkritiken und Denunziationen sich selbst, Freunde und Familie anklagen und beschuldigen musste, wenn dies auch oft nur oberflächlich und mechanisch geschah, und die private Person zuhause. Den Belastungen, unter denen die Familien, Ehen und Freundschaften oftmals zerbrachen. Der Einzelne zählte nichts, durfte nicht über sein Leben bestimmen, Arbeitsplatz, Ehe, Reiseerlaubnis, Wohnort, alles wurde von den Machthabern bestimmt. Ganz nach der Leitlinie „Um das Denken zu verändern, musste man nur seine Lebensumstände ändern.“

Jiang Kai gelingt als einzigem die Flucht aus China. Er gründet in Kanada eine neue Existenz, eine Familie. Aber vergessen kann auch er seine Heimat, seine Jugend, die Opfer, die seine Anpassung dort forderten, nicht. Mit Sperling verband ihn zudem, wie im Laufe der Erkundigungen Maries und der Puzzleteilchen, die bereits Ai-Ming beigesteuerte, offenbar wird, eine zarte homosexuelle Liebe.

Wall | Shadow | Mao by  Robert Croma  (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Madeleine Thien verhandelt viele verschiedene Themen in ihrem großen Epos Sag nicht wir hätten gar nichts. Es geht um politischen Wahn und Machtlosigkeit, Anpassung und Widerstand, Aufrichtigkeit und Wahrheit, Verlust und Erinnerung. Und nicht zuletzt um Kunst, speziell um Musik, die, wenn auch nur beschränkt, ein Rettungsanker sein kann.

Ein weiteres „künstlerisches“ Motiv ist „Das Buch der Aufzeichnungen“, von Wen dem Träumer gesammelte und aufgeschriebene Geschichten, die im Verlauf des Romans unzählige Male abgeschrieben, umgewandelt und ergänzt, zeitweise als kodierte Botschaften in Umlauf gebracht werden und die beiden Familien verbindet. Es ist ein Symbol für die Widerständigkeit von Literatur, dafür, dass auch unterdrückte Wahrheiten überdauern. Es wird schließlich, zumindest in Auszügen bei Marie in Kanada landen.

Für die Erzählerin Marie ist es wie ihre eigenen Aufzeichnungen

„zurückzuführen (…) auf diesen beharrlichen Wunsch: die Zeit zu verstehen, in der wir leben. Die Aufzeichnungen zu machen, die gemacht werden müssen, und sie am Ende loszulassen. Das würde ich meinem Vater sagen. Darauf zu vertrauen, dass eines Tages jemand anderes die Aufzeichnungen fortsetzt.“

„Es ist töricht zu glauben, dass eine Geschichte endet. Es gibt so viele mögliche Enden wie Anfänge.“

„Sag nicht wir hätten gar nichts“ von Madeleine Thien ist ein überwältigender Roman – in Hinsicht auf seine Themenfülle und der Eindringlichkeit und Klarheit, mit der die geschichtlichen Ereignisse geschildert werden. Seine Verflechtungen der Zeitebenen und seine Personenfülle fordern den Leser. Auch treten, wie bei den meisten Romanen dieses Umfangs, besonders im Mittelteil gelegentliche Längen auf. Er zählt für mich aber zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen dieses literarisch eh schon hochklassigen Jahres. Er entwickelt einen ungeheuren Sog, ist eindringlich, voller Leben und Empathie, ohne jegliche Sentimentalität, detailreich, poetisch und vor allem großartig konstruiert. Er spielt mit der Sprache, den chinesischen Schriftzeichen, zieht mit dem „Buch der Aufzeichnungen“, das auf ein ebenso verfolgtes literarisches Werk aus dem Jahr 91 v.Chr., den „Historical Records“ von Sima Qian anspielt, eine Metaebene ein und liefert nicht zuletzt eine zutiefst berührende Familien- und Freundschaftsgeschichte.

Madeleine Thien stand 2016 mit Sag nicht wir hätten gar nichts auf der Shortlist des Man Booker Prize. Bekommen hat sie den Preis nicht. Verdient hätte sie ihn schon.

 

(1) Vor 50 Jahren begann die chinesische Kulturrevolution von Norbert Seitz, im Deutschlandfunk 04.05.2016

Beitragsbild: Sparrow on barbed wire by See-ming Lee (CC BY-NC 2.0) on flickr


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Madeleine Thien - Sag nicht wir hätten gar nichts

 

Madeleine Thien – Sag nicht wir hätten gar nichts

Aus dem Englischen von Anette Grube 
Originaltitel: Do Not Say We Have Nothing
Luchterhand Literaturverlag September 2017, Gebunden, 656 Seiten,  €24,00

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