Leïla Slimani – Dann schlaf auch du

2016 gewann der Roman „Chanson Douce“ (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt – nun liegt er als Dann schlaf auch du auf Deutsch vor. Bereits davor war das Buch ein großer Publikumserfolg. Er schien einen Nerv zu treffen.

Das kann nicht nur am leicht reißerischen Auftakt liegen, der den Ausgang des Geschehens vorwegnimmt.

„Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde.“

Sicher ist die Tötung von Kindern immer noch etwas besonders grausames, aber unzählige Thriller überbieten sich mittlerweile mit blutrünstigen Einstiegen. Außerdem nimmt das Spektakuläre des Romans sehr bald ab, er wird nüchtern und protokollarisch. Ihn einen Thriller zu nennen würde deswegen auch nicht ganz die Wahrheit treffen.

Wahrscheinlich sind es die Umstände, die beschrieben werden und die so sehr den Lebenswirklichkeiten und Ängsten vieler LeserInnen, gerade, aber nicht nur in Frankreich, zu entsprechen scheinen, die den enormen Erfolg des Buches erklären. Es ist eine wahre Tragödie, die ihr Ende bereits zu Beginn erreicht hat, und deren Anfang und Verlauf Leïla Slimani im Verlauf von Dann schlaf auch du mit fast chirurgischer Präzision äußerst nüchtern vor uns ausbreitet.

Myriam und Paul Massé sind ein Paar der gehobenen Mittelschicht in Paris, gut ausgebildet, sie Juristin, er Musikproduzent. Zwei Wunschkinder, natürlich ein kleines bezauberndes Mädchen und ein süßer Junge kommen auf die Welt, von den Eltern geliebt und verhätschelt. Doch bald nach der Geburt des zweiten Kindes, beginnt der gutaussehenden und talentierten Mutter die berühmte Decke auf den Kopf zu fallen. Eine Rezensentin sprach (zu meinem Missfallen muss ich hinzufügen, entspricht es doch zu sehr dem zurzeit so gängigen Bild des Lebens mit kleinen Kindern) von der „Ödnis des Wickeln-Füttern-Alltags“. Dass der Vater in seinem aufregenden Beruf nicht kürzer treten kann, ist selbstverständlich. Die Großeltern stehen nicht zur Verfügung, sondern verwirklichen ihre Träume vom Lebensabend auf dem Land. Also ist klar: Eine Nanny muss her, denn eine Krippe oder ein Hort ist nicht aufzutreiben. Eine Situation, mit der sich sehr viele (gerade gut situierte, gut ausgebildete – und häufiger lesende) Eltern identifizieren können, in Frankreich, wo die überwiegende Anzahl der Frauen schon sehr bald nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückkehren, schon seit geraumer Zeit; mittlerweile aber auch in Deutschland.

Kinderwagen „Eden“ by Helena (CC BY 2.0)

Generalstabsmäßig wird das „Casting“ möglicher Kinderfrauen durchgeführt und tatsächlich ist ihnen das Glück hold. Louise erscheint zu gut, um wahr zu sein. Denn obwohl Myriam und Paul natürlich liberale, offene und im Falle von Paul sogar einem linksorientierten Haushalt entstammende Menschen sind, stellen sie an ihr „Personal“ doch ganz konkrete Anforderungen. Auf keinen Fall „Sans Papiers“ – als Handwerker oder meinetwegen Putzfrauen gerne, aber doch nicht für die Kinder; dazu möglichst ungebunden, keine eigenen Kinder, denn man fordert Flexibilität, was Verfügbarkeit bedeutet, wann immer man diese benötigt.

„Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht so dröge, dass sie schuftet, damit wir schuften können.“

Es ist die Arroganz der Vermögenden, der Zahlenden, die bei den Massés sehr bald durchbricht. Und Louise ist die Erfüllung all ihrer Erwartungen, eine wahre Mary Poppins: in mittlerem Alter, alleinstehend, Französin, mit besten Referenzen. Die Kinder lieben sie sofort, der Haushalt läuft bestens, abends steht wunderbares Essen auf dem Tisch, die Kleinen sind gebadet, frisch gekämmt, müde von den Erlebnissen des Tages und zufrieden. Sehr bald können sich die Massés ein Leben ohne ihre „Nounou“ nicht mehr vorstellen. Aus Bequemlichkeit geben sie immer mehr Zuständigkeiten ab, ignorieren auch zunehmend unheilvolle Zeichen.

Denn Louise ist eine psychisch labile Frau. Von ihrem verstorbenen Mann mit einem Berg an Schulden in äußerst prekären Verhältnissen zurückgelassen, von der sozial auffälligen Tochter ignoriert, kommt sie mit ihrem Haushälterinnengehalt kaum über die Runden, droht ihr die Kündigung ihrer elenden Wohnung in einem der Pariser Banlieus. Diese Labilität verbirgt sie hinter einer äußerlichen Perfektion, die sowohl ihr Äußeres als auch ihre Tätigkeit umfasst und die bald beängstigende Ausmaße erreicht.

„Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“

Karussel Trocadero
Manège du Trocadéro by Julien Ricard (CC BY 2.0) on Flickr

Die Familie Massé wird immer mehr ihr Lebensmittelpunkt. Dabei ist die Beziehung von einem seltsamen, aber typischen Ungleichgewicht geprägt. Während Louise alles über ihre Arbeitgeber weiß, interessieren diese sich überhaupt nicht für ihr Leben, ihre Sorgen, auch nicht, als sie allmählich in eine ausweglose Situation gerät.

Leïla Slimani erzählt von dieser unglücklichen Entwicklung spannend und trifft damit den angesprochenen Nerv. Denn wie viele Eltern überlassen nicht jeden Tagen ihre Kinder anderen Menschen, denen sie dahingehend vollkommen vertrauen müssen? Zudem ist das Buch von einem realen Fall aus New York inspiriert worden. Gründe, warum das Buch so interessiert, so erfolgreich ist. Außerdem macht es gesellschaftliche Gegebenheiten sehr deutlich. Man hört immer wieder, dass gerade in Frankreich, vielleicht ähnlich wie in den USA, die sozialen Unterschiede und die Trennung der Schichten deutlicher ausgeprägter sind als bei uns in Deutschland. Aber auch hierzulande prägt sich diese Kluft zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ immer weiter aus. Die Autorin hat mit „Dann schlaf auch du“ einen deutlich soziologisch angelegten Roman verfasst. Der ist dadurch naturgegeben ziemlich konstruiert. Auch die Personen sind für sich genommen recht wenig interessant, sondern eher exemplarisch.

 

Darin liegt mein Kritikpunkt an diesem ansonsten spannenden und aktuellen Roman. Leïla Slimani analysiert und erklärt in Dann schlaf auch du ihre Figuren und ihre Handlungen fortwährend, anstatt sie zu entwickeln oder literarisch zu durchdringen. Positiv ist, dass sie dabei Uneindeutigkeiten stehen lässt, kein Schwarz/Weiß malt. Aber die große Distanz, die sie zu den Personen einnimmt, ihre nüchterne, stets kommentierende Sprache, deren protokollarische Art sie durch eingestreute Zeugenaussagen noch unterstreicht, verhindert, dass man irgendeinem von ihnen auch nur annähernd nahekommt. Und damit verweigert sie dem Leser letztendlich jegliches tieferes Verstehen. Deshalb hat mich der Roman schließlich eher enttäuscht zurückgelassen.

 

Noch mehr Meinungen zum buch findet ihr bei Letteratura, Literaturleuchtet und  auf Vanessas Bücherecke als Hörbuch.

 

Leïla Slimani - Dann schlaf auch du.

Leïla Slimani – Dann schlaf auch du

Aus dem Französischen von Amelie Thoma 

Luchterhand Literaturverlag August 2017, gebunden, 224 Seiten, € 20,00 

 

 

Beitragsbild: Kinderwagen by Oliver Hallmann (CC BY-NC 2.0) on Flickr

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das Rezensionsexemplar!

5 Gedanken zu „Leïla Slimani – Dann schlaf auch du

  1. Ich habe das Buch auch gerade gelesen. Deine kritischen Argumente kann ich voll und ganz unterschreiben. Trotzdem komme ich insgesamt zu einem positiveren Fazit. Vielleicht ein Buch der Stunde, das mich mit klugen Beobachtungen zu gesellschaftlichen Spannungen unserer Aktualität gefangen genommen hat und außerdem sehr spannend zu lesen ist. Ob es literarisch auf Dauer Bestand hat, ist tatsächlich eine andere Frage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.