Richard Russo – Ein Mann der Tat

Der US-amerikanische Autor Richard Russo wurde in Deutschland erst in den letzten Jahren so richtig bekannt. Sein 2010 bei Dumont erschienener, übrigens großartiger Roman „Diese alte Sehnsucht“ ging noch relativ unter. Erst mit der Veröffentlichung von „Diese gottverdammten Träume“, der breites Kritikerlob und mediale Öffentlichkeit bekam, aber auch die Herzen vieler LeserInnen eroberte, wurde er hierzulande richtig populär.

Verwunderlich genug, denn bereits 2002 erhielt Russo für dieses Buch (Originaltitel: „Empire falls“) den Pulitzer-Preis. Und auch davor war der Autor kein Unbekannter. Sein 1993 erschienener Roman „Nobody´s fool“ wurde sehr erfolgreich, unter anderem mit Paul Newman, verfilmt. Der Bastei-Lübbe Verlag brachte daraufhin die deutsche Übersetzung unter dem etwas merkwürdigen Namen „Die Straße der Narren“ heraus. Vielleicht wollte man an John Steinbecks „Straße der Ölsardinen“ anknüpfen, mit der der Roman durchaus Ähnlichkeiten aufweist. Genützt hat es eher weniger, auch ein 1996 nachgeschobenes Werk („Der Sohn eines Diebes“) führte nicht zum Durchbruch. Umso schöner, dass sich nun der Dumont Verlag sehr erfolgreich dieses Autors annimmt. Spielt er doch für mich in einer Liga mit den ganz Großen, wie zum Beispiel Richard Ford oder Stewart O´Nan. Ein klein wenig unterhaltender, ein klein wenig weniger tiefschürfend, vielleicht ein klein wenig mehr Hollywood.

down the bar by opacity (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Denn nicht umsonst dienten seine Bücher als Vorlage für erfolgreiche Verfilmungen (auch „Empire Falls“ wurde zu einer Fernsehserie). Sie sind sehr szenisch geschrieben, warten mit viel Situationskomik, treffsicheren Pointen, stimmigen Dialogen und skurrilen Typen auf – Drehbücher über das Leben in Provinzstädten an der amerikanischen Ostküste. Es sind die sogenannten „Kleinen Leute“, oftmals gescheitert, abgehängt, desillusioniert, die versuchen, ihr Glück zu finden und zu bewahren, allen Widrigkeiten zum Trotz, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Das ist auch kein wirklich neues Sujet, aber Autoren wie Richard Russo schaffen es, immer wieder neue Funken daraus zu schlagen und es zu etwas Allgemeingültigem, uns alle betreffenden Thema zu machen.

„Glaubst du an Reinkarnation?“ „Du meinst, man stirbt und muss dann den ganzen Scheiss noch mal durchstehen?“ „Ja, so ungefähr.“

North Bath, irgendwo im Norden des Staates New York, war auch bereits Schauplatz von „Nobody´s fool“, das fast zeitgleich diesen Herbst unter dem Titel „Ein grundzufriedener Mann“ (meiner Meinung nach auch keine glückliche Titelwahl) erschien. Vor Jahrzehnten wegen seiner heißen Quellen zu einem prosperierenden Kurort geworden, sind diese seit einiger Zeit versiegt und die Stadt im Niedergang begriffen. Das große, prächtige Hotel steht schon eine Weile leer, das Projekt zu einem großen Freizeitpark ist gescheitert und stinkende Dämpfe unklaren Ursprungs wabern von Zeit zu Zeit über den Ort, besonders an heißen Tagen. Und an einigen dieser heißen Tage rund um den Memorial Day Ende Mai, irgendwann Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts (genaues wird nicht genannt, man kann es nur an Kleinigkeiten erkennen; so gibt es zwar schon Mobiltelefone, aber verbreitet sind sie noch nicht; irgendwie scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein) spielt „Ein Mann der Tat“. Sehr viel schöner passt auch hier der Originaltitel „Everybody´s fool“, der auch deutlicher an den Vorgängerroman anknüpft. Mit diesem hat das Buch einiges an mittlerweile gealtertem Personal gemeinsam.

Hillside cemetry by Daniel Case at the English language Wikipedia  (CC-BY-SA-3.0) , via Wikimedia Commons

Zu Beginn befinden wir uns mit Polizeichef Douglas Raymer auf dem Hilldale Friedhof. Richter Barton Flatt wird zu Grabe getragen und Raymer, der diesen noch nie ausstehen konnte, muss zusammen mit Bürgermeister Gus Moynihan „Präsenz zeigen“. Dabei gehen ihm ganz andere Gedanken durch den Kopf: die Trauer über seine vor einem Jahr verstorbene Frau Beckie; die quälende Eifersucht auch heute noch auf den Mann, für den sie ihn kurz vor ihrem tödlichen Unfall verlassen wollte und die durch eine in ihrem Auto unlängst aufgetauchte fremde Garagenfernbedienung wieder aufgewallt ist; seine ambivalenten Gefühle für seine Kollegin Charice und ihren Bruder Jerome; seine Betroffenheit über die geistige Verwirrung von Bürgermeisters Ehefrau Alice, die er an dem Morgen erst desorientiert im Park aufgegriffen hat; und immer wieder die von ihm empfundene eigene Unzulänglichkeit, sein Versagen, das für ihn nicht nur in den fälschlich für den Wahlkampf gedruckten Visitenkarten – „Wie sind erst zufrieden, wenn sie nicht zufrieden sind“ – zum Ausdruck kommt. Er ist „Everybody´s fool“, dabei bemüht er sich redlich. Seine Selbstzweifel verbessern sich kaum dadurch, dass er, von der Hitze in Uniform übermannt, am Grab ohnmächtig wird und in dieses hineinstürzt.

Ein gefundenes Fressen für die Presse des konkurrierenden und seit vielen Jahren an Bath vorbeiziehenden Nachbarorts Schuyler Springs. Hier sprudeln die Heilquellen noch, hier pulsiert das kulturelle Leben, hier boomt der Tourismus. Und hier herrscht eine ordentliche Portion Häme gegenüber dem gescheiterten Bath.

Pickup by Whatknot  (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Wie diese Eingangsszene zeigt, mangelt es dem Roman nicht an Action. Eine einstürzende Fabrikmauer, eine hochgiftige Korallenschlange, wegen der ein ganzes Hochhaus evakuiert werden muss, häusliche Gewalt, ein brennender Wohnwagen, Dauerregen, der den Friedhofshang und mit ihm die Toten ins Rutschen bringt und immer wieder die Garagenfernbedienung, die Raymers Frage nach dem Liebhaber seiner verstorbenen Frau endlich beantworten könnte, die er aber wohl bei seinem Sturz ins Grab verloren hat – das schreit geradezu nach Verfilmung. Dabei ist das Buch selbst keineswegs rasant. Es ist eher langsam, unaufgeregt, sehr detailreich und hat dafür auch 686 Seiten Zeit. Zeit, die sich der „gnadenlose Realist mit dem menschenfreundlichen Blick“ Richard Russo nimmt, um seine Figuren zu entwickeln. Er schont sie nicht, viele sind nicht unbedingt Sympathieträger, wie sie da oft in den Kneipen abhängen, voll Selbstmitleid stecken, herumgranteln, ihre Familien vernachlässigen. Manche rackern sich ab, das Beste aus ihrem Leben zu machen, meist mit recht wenig Erfolg.

„War sie selbst nicht ein gutes Beispiel dafür, wie schwer es war, am richtigen Ort anzukommen, wenn man am falschen gestartet war, selbst wenn man alle seine Sinne beisammen hatte?“

Manche dagegen sind richtig böse und fies. Aber Richard Russo stellt seine Figuren nicht bloß, er hat Respekt vor fast allen von ihnen, selbst vor den absoluten Versagern und dem inkontinenten Hund. So entsteht ein Netz von eigenwilligen, oftmals skurrilen, aber immer glaubwürdigen Figuren. Das ist sehr unterhaltsam, aber nie oberflächlich, eine stete Mischung aus Komik und Tragik, und lässt einem die Figuren so sehr ans Herz wachsen, dass das Happy End herbeigesehnt wird. Zum Glück kommt auch das ganz ohne Kitsch und Schmalz daher. Ein wunderbares Buch!

Beitragsbild: Small town by ellenm1 (CC BY-NC 2.0) on flickr

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Richard Russo – EIN MANN DER TAT

Übersetzung: Monika Köpfer

Dumont Verlag Mai 2017, 688 Seiten,  € 26,00

 

 

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

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