Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter

Das Hogarth Shakespeare Projekt, jener Versuch, die Stücke des berühmten William Shakespeare durch renommierte zeitgenössische Autoren in die Gegenwart zu versetzen und damit ihre Zeitlosigkeit zu demonstrieren und gleichzeitig eine Würdigung dessen Werkes darzustellen, geht in Deutschland in eine neue Runde.

Nach Jeannette Wintersons, Howard Jacobsons, Ann Tylers und Margaret Atwoods Beiträgen erscheint nun Edward St. Aubyns Version von „King Lear“: „Dunbar und seine Töchter“.

Ich finde die Idee des Projekts nach wie vor sehr reizvoll, auch wenn einige der bisher erschienenen Titel nicht ganz den hohen Erwartungen entsprachen, die ich in sie gesetzt hatte. Auch der neueste Band der Reihe bildet da leider keine Ausnahme.

Dabei ist die Wahl St. Aubyns nahezu perfekt. Er selbst entstammt dem englischen Hochadel und hat einige autobiografisch gefärbte Romane über dysfunktionale Familien geschrieben. Er kennt sich aus mit Machtspielen, Intrigen und Gefühlskälte und erscheint damit prädestiniert, die Geschichte des mächtigen britannischen Königs zu erzählen, der am Ende seines Lebens sein Reich aufteilen und seine Macht übertragen möchte. Doch weniger Vernunft bestimmt diesen Akt als vielmehr Eitelkeit, denn vorher verlangt er von seinen drei Töchtern Bezeugungen ihrer Liebe und Ergebenheit. Ein Wettbewerb, den die beiden von Machtgier getriebenen älteren Schwestern durch Schmeichelei und Heuchelei gegen ihre bescheidene, ihrem Vater aber in ehrlicher Liebe zugeneigte Schwester gewinnen. Diese wird verstoßen. Die schrecklichen Folgen der väterlichen Fehleinschätzung kennen wir aus Shakespeares herausragender Tragödie.

Three daughters of King Lear by Gustave Pope By Guerrace01 (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Bei St. Aubyn ist es der achtzigjährige kanadische Medienmogul Henry Dunbar, der sein milliardenschweres Imperium und seine beträchtliche Macht an die Schwestern Abigail und Megan übertragen hat. Diese haben ihn dazu überredet, nicht nur ihre Halbschwester Florence, sondern auch seinen treu ergebenen engsten Mitarbeiter und Vertrauten, Wilson, zu verdrängen. Mit Hilfe von Medikamenten, die der willfährige Dr. Bob verschreibt, und die Dunbar verwirren und Halluzinationen hervorrufen, haben die Schwestern ihren Vater daraufhin sofort für unzurechnungsfähig erklären lassen und in ein luxuriöses Sanatorium im unwirtlichen Lake District Großbritanniens abgeschoben, um in aller Ruhe die Umstrukturierung des Konzerns zu planen. Florence macht sich auf die Suche nach dem geheimen Aufenthaltsort ihres Vaters, während es diesem gelingt, mit dem sich auf Alkoholentzug befindenden Fernsehkomiker Peter Walker aus der geschlossenen Abteilung zu fliehen. Letzterem ist aber nur an einem Pubbesuch gelegen, so dass sich Dunbar allein aufmacht, um durch die winterliche Gebirgslandschaft in den nächsten Ort zu gelangen. Die verständigten Schwestern machen sich ihrerseits auf die Suche nach dem Flüchtigen und es entwickelt sich eine regelrechte Jagd daraus. Wer findet Dunbar zuerst und bringt ihn unter seine Kontrolle?

Das Buch entwickelt regelrecht Thrillerqualitäten. Dabei hält es sich sehr nah an den Originalstoff, entfernt aber den zweiten Erzählstrang rund um den Vater/Söhne-Konflikt im Haus Gloucester. Es konzentriert sich ganz auf Lear/Dunbar und seine Töchter. Die Umsetzung des Königshauses in ein Medienimperium und seine Macht empfinde ich als sehr gelungen. Auch die im Originaltext die Geschehnisse von außen bedrängende bevorstehende französische Invasion Britanniens durch eine drohende feindliche Übernahme des Konzerns umzusetzen, ist sehr passend. Nebenbei erfährt man da noch so einiges aus dem Wirtschaftsleben.

Auf psychologischer Ebene gerät manches recht holzschnittartig. Das ist auch im berühmten Vorbild nicht völlig anders. Gut und Böse sind nicht nur strikt getrennt, sondern die Guten (Florence, Wilson und dessen Sohn Chris) sind auch makellos gut, die Bösen hingegen (Abigail, Megan, Bob) abgrundtief böse. Nur die Komparsen wie Peter Walker, das Krankenhauspersonal oder Abigails Mann Marc sind etwas ambivalenter. Auch Dunbars Reue über sein Verhalten gegenüber Florence, ja seine Vergangenheit an sich, ist zu plötzlich, zu schön, um wahr zu sein und nicht wirklich überzeugend. Aber erstens passt dieses Schwarz/Weiß ein wenig zur Dramatik des alten Stoffs und zweitens würzt St. Aubyn das Ganze mit viel Sarkasmus, Spott und Satire. Ein wenig manieriert ist es schon, auch ein wenig oberflächlich in der Behandlung seiner Thematik, aber sprachlich brillant und unterhaltsam.

Wie bei allen bisher erschienenen Titeln erwächst die Freude am Text direkt aus dem Bezug zum Original. Die Art der Übertragungen in die Gegenwart, die Parallelitäten, Entsprechungen und Unterschiede sind es, die dem Shakespeare kundigen Leser Spaß machen. Für sich alleine stehend erscheint mir der Text dagegen eher künstlich und reichlich überzogen. Aber vielleicht sollte man das von einem Buch dieser Reihe einfach nicht erwarten.

Beitragsbild: Dunbar by foolfillment (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

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Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter

Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen 
Knaus Verlag November 2017,  gebunden, € 20,00

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