Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt.

Auf der Farm von Roscoe Martin und seiner Frau Marie lebt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch eine schwarze Familie, die von Wilson und Moa. Schon Maries verstorbener Vater, von dem sie das Land geerbt haben, hatte mit ihnen ein eher freundschaftliches Verhältnis, Moa war für die kleine Marie nach dem frühen Tod der Mutter die Hauptbezugsperson. Und auch Roscoe, der eigentlich viel lieber in seinem Beruf als Elektriker arbeiten und in der Stadt leben würde, verlässt sich bei vielen Arbeiten auf Wilson. Die Farm ist ihm ein Graus und ein Bürde.

Eines Tages hat er die Idee, sein Haus und damit auch die Dreschmaschine illegal zu elektrifizieren und an die Leitungen der Alabama Power anzuschließen. Eine Arbeit, die ihn nicht nur beflügelt, sondern auch der Farm sehr zugute kommt. Eine Zeitlang läuft alles blendend, die Umsätze steigen und auch die angeschlagene Ehe und das Verhältnis zu seinem Sohn Gerald entwickeln sich positiv.

Da geschieht ein schrecklicher Unfall und ein Arbeiter der Elektrizitätswerke stirbt an den illegalen Leitungen. Wir erfahren dies bereits im ersten Satz.

„Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwas zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.“

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Ein Unglück, das alles verändert. Roscoe wird verhaftet und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Wilson, der trotz der Unschuldsbeteuerungen Roscoes gleich mit verhaftet wird, ergeht es noch schlimmer. Schwarze Gefangene wurden in Alabama regelmäßig als Leiharbeiter an Kohlebergwerke geschickt. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen so hart, dass viele nicht überlebten.

A southern chain gang  [Public domain], via Wikimedia Commons
Die folgenden schrecklichen Jahre im Gefängnis, die Schuld, die Roscoe niederdrückt, die unbarmherzige Verurteilung durch seine Frau Marie, die jeden Kontakt zu ihrem inhaftierten Mann ablehnt, die kleinen Freuden, die beispielsweise die Tätigkeit in der Gefängnisbücherei bereitet, werden alternierend von Roscoe selbst und einem Erzähler in der dritten Person geschildert. Dabei liegt der Fokus stark auf dem Inhaftierten, selten schwenkt er zu Marie oder Wilsons Familie.

Neben einem eindrücklichen Roman über die Verhältnisse in den Gefängnissen zur damaligen Zeit, die Rechtsprechung und die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen vor Gericht, zeichnet das Buch ein Gesellschaftsporträt Alabamas und der Südstaaten, mit ihrem Rassismus und ihrer ländlichen Prägung. Virginia Reeves macht das schnörkellos und eindringlich und stand mit dem Buch 2016 auf der Longlist des Man Booker Prize. Die Figuren des Roscoe, seiner Mitinsassen im Gefängnis, von Wilson und seiner Familie gelingen ihr ausgesprochen gut. Die Schilderung seines Kampfes mit Schuld und Verantwortung, seine Selbstzweifel, sein Hoffen und Verzagen, aber auch sein Wegducken und sich Anpassen werden sehr einfühlsam geschildert.

„Ein Vogel zwitscherte, ein eigentümlicher, hoher Gesang. Ich hätte wissen müssen, was es für einer war. Ich konnte alle Pflanzen um mich herum benennen, die Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser. Ich konnte Masten aufstellen und ein verlassenes Haus verkabeln. Ich konnte ein Dach abdecken und inmitten von jahrealter Fäulnis stehen, sie trocknen, damit ich sie verbrennen konnte. Aber ich wusste nicht, ob ich meinem Sohn ain Vater sein konnte.“

Dabei bleiben alle Protagonisten ambivalent und authentisch. Lediglich Marie mit ihrem unbeugsamen Zorn und ihrer bitteren Unnachgiebigkeit hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen dieses ansonsten sehr gelungene Debüt.

Beitragsbild: U.S. Department of Agriculture Public Domain via Flickr

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Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN.

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Originaltitel: Work like any other

Übersetzung: Simone Jakob, Hannes Meyer

Dumont April 2018, 320 Seiten, gebunden,  € 23,00

 

 

0 Gedanken zu „Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

  1. Ja klingt wirklich toll, ich habe mich auf Fb, wo ich grad nix posten kann, gefragt ob es etwas in die Richtung auch im deutschsprachigen Raum an Literatur gibt – ich merke das ich total amerikanisiert bin, deswegen ist e smir ein Anliegen. also auch von einer autorin, auch was über die 20iger, vielelicht auch was über Gefängniss in der Zeit oder Unterdrückung z.b. von Frauen oder armen Menschen, oder den Kindern in den Kohlegruben….aber dieses Buch hier würde ich auch lesen. Es erinnert mich etwas an den Film Mudbound, den ich mir kürzlich angeschaut habe. (ohne Kohlen und Gefängniss)

    1. Ok, muss ich mal überlegen, so spontan fällt mir nichts ein. aber wenn mir noch was einfällt, melde ich mich. Ich hatte auch Probleme, bei Facebook zu antworten. Was da wieder los ist??? Viele Grüße!

      1. Ich wurde gesperrt weil ich ein Fotografieprojekt geteilt, habe wo man weibliche Haut gesehen hat – es ging eigentlich um das aufbrechen von Schönheitsidealen…nunja.

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