Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans.

Nach dem Studium an ausländischen Eliteuniversitäten als Investmentbanker zu Geld gekommen, ist dieser nun Miteigner einer kleinen Privatbank, die hauptsächlich im M&P Geschäft tätig ist. Mergers & Acquisitions (M&A) ist ein Sammelbegriff für Transaktionen im Unternehmensbereich wie Fusionen, Unternehmenskäufe, Betriebsübergänge, fremdfinanzierte Übernahmen. Also für all diese für den Normalsterblichen undurchschaubaren und leicht anrüchigen Geschäfte, die das ganz große Geld bringen. So bewegt sich auch Victors Jahresverdienst bei geschätzt 30 Millionen Euro, sein Vermögen dürfte das Zehnfache betragen. Glücklich ist er dabei aber, das ist für einen Roman vorhersehbar, eher nicht. Von der Mutter seiner vergötterten Tochter Victoria lebt er schon länger getrennt, mit der Nachbarin hat er eine eher lieblose heimliche Affäre und ansonsten lässt er sich im Spa-Bereich gerne mal über das normale Maß hinaus „verwöhnen“. Von seinen Angestellten spricht er bevorzugt als von „Galeerensklaven“, die Tag für Tag auf dem Galeerendeck schuften. Neben seinem ausgeprägten Zynismus ist ihm noch ein gehöriger Ennui eigen, diese große, allgemeine Langweile, verbunden mit einer guten Portion Verachtung für Umwelt und Mitmenschen. Dabei sieht er seine persönliche Situation durchaus kritisch, spricht sogar von „nicht zu rechtfertigenden Privilegien“. Ein Kritiker nannte das ganz zutreffend „reflektierte moralische Verkommenheit“. Denn auch wenn er konstatiert, dass viel mehr der reine Zufall über einen Lebensweg entscheidet als jedes selbstbestimmte Handeln,

„Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild. Man konnte sich unter Druck setzen, sich dazu zwingen, in seinem spezifischen Wettbewerb zu den Siegern zu gehören. Aber es kam immer darauf an, von wo man ins Rennen ging und in welches Rennen.“

nimmt er doch ohne mit der Wimper zu zucken jede Annehmlichkeit in Anspruch, fegt andere Verkehrsteilnehmer mit seinem Porsche Shere Khan von der Überholspur, ordert auch mal eine Flasche Wein für 2400 Euro und schaut auf den „Normalbürger“ mit einer riesigen Arroganz herab, auf jene „Befehlsempfänger“,

„(…) lebenslängliche Untertanen, deren Vorgabe es war, die Wirklichkeit in Zahlen zu übersetzen, um sich mit der daraus resultierenden Finanzkraft von sich selbst ablenken zu können.“

„(die ihr) Dasein der Mitwirkung an einer fortwährenden finanziellen Umschichtung widmen müssen.“

Porsche  by Victor Rivera (CC BY 2.0) via Flickr

Und dennoch regen sich in ihm Ideen, die in eine scheinbar ganz andere Richtung gehen, und die sich in der Niederschrift eines „Manifests“ niederschlagen, einem „Manifest“ zugunsten Deutschlands.

„Ein radikales Projekt war vonnöten, so dachte Victor, um das deutsche Volk zu einen. Es würde darum gehen müssen, die nationalen Ressourcen in ein kognitives Upgrade der Mehrheit umzuleiten, um das Land vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren.“

Weg vom Privatisierungstrend soll es gehen, besonders die so wichtige Infrastruktur soll wieder in die Hände des Staates gelangen. So handelt er einen „Deal“ mit dem Finanzminister aus, der ein erster Schritt in diese Richtung sein soll, die Verstaatlichung eines Pumpspeicherkraftwerks am Schluchsee, der noch viele weitere folgen sollen. Weitere Programmpunkte des Manifests sind der breite Ausbau des Sozialstaats, die Einführung einer Reichensteuer und vor allem die „Obergrenze“. Ab einem Vermögen von 25 Millionen Euro soll das Geld in einen Fond fließen, die GINA (German Investment Authority). Mit Hilfe dieses Fonds soll Deutschland international vor allem gegenüber den USA, China und den arabischen Staaten konkurrenzfähig bleiben und vor allem auch wieder ausreichend investieren können. Die Leserin ertappt sich sehr bald dabei, dass sie zustimmend nickt, viele der Gedanken gut heißt, die dieser Unsympath da äußert, über Inkorrektes zunehmend hinwegsieht, ja sogar amüsiert ist. Und tatsächlich

„Ließ ein derartiges Misstrauen in das Gemeinwesen nicht eineundemokratische, ja, asoziale Gesinnung erahnen?“

Auch bei Ali Osman, einem alten Studienfreund Victors, Nachkomme eines Dönerimperiums (nicht nur hier wird auch gerne mal die eine oder andere Sterotype herangezogen) und bisheriger Bundestagsabgeordneter der Grünen, trifft das Manifest auf große Begeisterung. Es ist 2017, die Bundestagswahl steht bevor und Osman gründet basierend auf Victors Programm eine neue Partei, die „Deutschland-AG“. Eigene Ideen werden beigemischt, ein wenig Islam- und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel, und das Ganze zu einer populistischen Mischung zusammengerührt. Die Leserin fühlt sich nun schon ein wenig ungemütlicher, aber auch jetzt kann sie etlichen Standpunkten die Zustimmung nicht versagen. Ertappt!

Wahlen  CC0 via Pixabay

Der Wahlausgang wird nicht verwundern. Die Deutschland-AG siegt, Osman wird Bundeskanzler und Victor sein neuer Superminister.

Alexander Schimmelbusch schreibt mit „Hochdeutschland“ einen ungeheuer klugen, intellektuell anregenden und pointiert formulierten Roman. Aktuell, böse, witzig und satirisch nimmt er den modernen neoliberalen Kapitalismus und populistische Politik ins Visier, den

„Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Wie viel davon nur ironisch gemeint ist, wie viel Standpunkt des Autors, der viele Eckdaten, besonders Ausbildungs- und Berufskarriere mit Victor gemein hat, darüber kann die Leserin nur spekulieren.

So manches Lachen blieb ihr im Hals stecken. Wie schnell populistische Verführung, geschickt verpackt, verfangen kann, wird zumindest recht schnell deutlich. Linke und rechte Gedanken werden hier so heftig miteinander verquirlt, dass einen schwindelt. Das gleicht manchmal ein wenig einem politisch-gesellschaftlichen Essay, dem Manifest, das Victor verfasst. Auch bleiben die Nebenfiguren recht blass und stereotyp. Insgesamt ist „Hochdeutschland“ aber sehr erhellend, anregend und macht auch einfach Spaß.

Im letzten Abschnitt allerdings geht es mit Alexander Schimmelbuschs Fabulier- und Imaginationslust für meinen Geschmack ein wenig zu sehr durch. Er ist 15 Jahre später angesiedelt, führt in eine leicht dystopische Zukunft und wartet mit der einen oder anderen Albernheit auf. Damit nimmt er sich selbst ein wenig die Brisanz und Dringlichkeit seiner Beobachtungen und Analysen. Das ist schade.

Beitragsbild by Thomas Wolf (Der Wolf im Wald) (CC BY 3.0) via Wikimedia Commons

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Klett-Cotta Verlag  Mai 2018, 214 Seiten, gebunden, € 20,00

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