Lektüre Mai 2018

Ein richtiger Wonnemonat war dieser Mai meistenteils. Sommerliche Temperaturen, viel Sonnenschein und ein wahres Blütenfeuerwerk im Garten. Leider habe ich dennoch kaum dort gelesen, denn es gab viel hier draußen zu tun, die DSGVO hat einige Aufmerksamkeit erfordert und auch ansonsten stand allerlei an. Dennoch fiel die Lesebilanz, dann eben abends auf der geschützten Terrasse oder auf dem Sofa, ganz ordentlich aus.

 

Guadalupe Nettels Roman „Nach dem Winter“ hatte ich zunächst nicht auf dem Schirm, sondern er wurde mir von Verlag angeboten. Liebesgeschichten sind normalerweise eher nicht mein Beuteschema, aber diese mit Settings in Paris und New York und einem Bezug zu Friedhöfen, insbesondere dem Père Lachaise, weckte dann doch meine Neugier.

Zwei Menschen fern von ihrer Heimat, zwei moderne Migranten. Der Kubaner Claudio arbeitet als Lektor in New York und verbirgt hinter seiner frauenverachtenden Machoattiüde und pedantischer Lebensordnung nur ungenügend ein versehrtes Leben. Die aus Mexiko stammende Studentin Cecilia fasst im winterlichen Paris nur langsam Fuß und Freundschaft zu anderen Migranten. Vor allem mit Nachbar Tom verbindet sie die Liebe zur Literatur, Musik und Friedhöfen. Doch eines Tages ist Tom für unbestimmte Zeit verschwunden. Und Cecilia lernt Claudio kennen. Ein unsentimentaler, aber feinsinniger, melancholischer (Anti)Liebesroman über das Fremdsein, den Platz im Leben und das kleine Glück.

Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN

 

Alabama in den Zwanziger Jahren. Roscoe Martin hasst sein Leben auf der Farm, die sein Schwiegervater ihm und seiner Frau Marie vermacht hat. Viel lieber würde er weiter als Elektriker arbeiten. Diese noch relativ neue Technik fasziniert ihn. Kühn beschließt er, sein Land illegal an die Stromtrasse anzuschließen. Eine Entscheidung, die eine Tragödie nach sich zieht und nicht nur sein Leben für immer verändert. Sittenbild, Familiengeschichte und ein Roman über Schuld und Moral. 2016 stand die Autorin damit auf der Shortlist des Man Booker Prize. Virginia Reeves-Ein anderes Leben als dieses – ein gelungenes Debüt.

 

Alexander Schimmelbusch hat einen interessanten, klugen politischen Roman geschrieben, der sich am Ende leider ein wenig verläppert.
Victor ist einer der großen Player, Miteigner einer Investmentbank, eigentlich ein beziehungsgestörtes, arrogantes A*loch. Aber: Er analysiert seine Lage so genau und scharf wie die des ganzen Landes, verfasst gar ein „Manifest“, um Deutschland „vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren“, Hauptpunkt: die Vermögensobergrenze, ab der alle Privatvermögen in einem staatlichen Investitionsfond aufgehen sollen. Freund und Grünen-Bundestagsabgeordneter Ali Osman springt auf den Zug auf, gründet auf diesem Programm die neue Partei DeutschlandAG. Breite populistische Unterstützung erhält er durch Beimischung von ein wenig Fremdenfeindlichkeit und Globalisierungskritik. Eine üble Rechts-Links-Suppe. Und doch ertappt sich der Leser dabei, vielen Standpunkten zustimmen zu müssen. Das ist amüsant, zynisch und klug. Nur der Ausblick in eine leicht dystopische Zukunft im Jahr 2032 hat mir nicht gefallen. Hier gräbt sich der Autor durch Albernheiten das Wasser ein wenig selber ab. Dennoch: Lesenswert!

 

Heimliche Versuchung Donna Leon

Jedes Jahr im Frühling kommt ein neuer Brunetti-Fall bei Diogenes heraus. Donna Leon arbeitet pünktlich wie ein Uhrwerk. Und auch wenn ich nicht jeden Band tatsächlich lese und die einzelnen Bände auch in der Qualität schwanken – ich freue mich immer wieder, nach Venedig zu reisen und Familie Brunetti nebst Kollegen wieder zu begegnen. Ein wenig wie Familie, da sieht man auch gern über die eine oder andere Schwäche hinweg, wenn die Chemie stimmt. Auch wenn Leons Venedig-Abgesang ein bedenkliches (und leicht nervendes) Maß erreicht hat, ich habe auch diesen Fall rund um krumme Pharmamachenschaften sehr gerne gelesen. Auch wenn sich die Spannung und die Nachhaltigkeit wie bei vielen Brunnetti-Fällen in Grenzen hielten.

 

Ähnlich ist es mit dem neuen Kluftinger des Allgäuer Autoren-Duos Klüpf/Kobr. Da habe ich auch anfangs alle Bände verfolgt, war auf amüsanten Lesungen der beiden Unterhaltungskünstler und habe mich immer prächtig amüsiert. Irgendwann kam dann ein gewisser Überdruss, aber nach einigen ausgelassenen Bänden auch immer wieder ein frohes Wiedersehen. Auch den zehnten Jubiläumsband, in dem Klufti selbst bedroht wird und endlich sein Vorname offenbart, habe ich wieder gern gelesen, trotz einigem Klamauk und Stereotypen und mäßiger Spannung. Auch hier gilt: Familienanschluss.

 

Der sechste Band des Hogarth Shakespeare Projekts, das die Stücke des großen Dramatikers von Bestsellerautoren neu erzählen lässt. Eine spannende Sache, von der ich, gerade auch in den liebevoll gestalteten Bänden bei Knaus, ein großer Fan bin. Obwohl ich eine gewisse Enttäuschung zugeben muss: Wenige der Neufassungen weisen über die reine Modernisierung wirklich hinaus. Das gilt auch für Tracy Chevaliers Beitrag „Der Neue“ (Othello). Am ehesten punktet die Schulhofgeschichte über Außenseitertum, Rivalität und Rassismus, die im Jahr 1974 angesiedelt ist, als einfühlsames Jugendbuch. Nun bin ich gespannt auf Jo Nesbøs Fassung des Macbeth, die als nächstes erscheinen wird.

 

Ralf Rothmann Der Gott jenes SommersEiniges an negativen Kritiken hat mich fast ein wenig ängstlich an Ralf Rothmanns neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“ herangehen lassen. Zu sehr schätzte und liebte ich sein „Im Frühling sterben“, für mich das Buch des Jahres 2015. „Der Gott jenes Sommers“ ist in der Zeit des zweiten Weltkriegs angesiedelt und erzählt von den letzten Tagen auf einem norddeutschen Gut aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens. Vielleicht kommt es in der Intensität nicht ganz an seinen Vorgänger heran, aber dennoch ist es sehr gut. Nächste Woche werde ich eine Lesung von Ralf Rothmann im Literaturhaus Frankfurt besuchen, dann folgt auch die Rezension. Für mich das beste Buch dieses insgesamt guten Lesemonats.

Im Juni freue ich mich neben der Rothmann Lesung natürlich auf die LitblogConvention in Köln – viele nette Blogkollegen, interessante Workshops und neue Anregungen –  und natürlich gegen Monatsende auf unseren Urlaub, mit hoffentlich ganz viel Lesezeit.

Einen schönen Sommermonat Juni euch allen!

 

 

 

 

 

 

0 Gedanken zu „Lektüre Mai 2018

    1. Schwächer auf jeden Fall, aber „Im Frühling sterben“ war für mich auch herausragend. Ich mochte auch dieses neue Buch und die Zwischenkapitel haben mich nicht groß gestört. Ihr Sinn hat sich mir allerdings auch nicht wirklich erschlossen. Am Dienstag gehe ich zu einer Lesung mit Ralf Rothmann, vielleicht gibt es da ein wenig Aufklärung. Viele Grüße!

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