Lektüre Juni 2018

Das Literaturereignis des Monats Juni war natürlich die LitblogConvention 2018 in Köln. Viele interessante Sessions, tolle Buchmenschen und nette Begegnungen machten den Tag zu einem schönen Erlebnis.

Zudem habe ich eine Lesung besucht, die von Ralf Rothmann im Literaturhaus Frankfurt. Ein sehr positiver Abend mit einem sympathischen Autor und einem überzeugenden Roman, Der Gott jenes Sommers.

Letzte Bücher aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm warteten noch darauf, gelesen zu werden, und auch ein paar länger aufgesparte, bevor im Juli schon wieder eine ganze Reihe Neuerscheinungen aus den Herbstprogrammen an der Reihe sein werden. Alle interessanten Titel zu lesen, ist wie immer definitiv nicht zu schaffen. Aber ich weiß nicht, ob man deswegen in die von manchen Literaturmenschen angestimmte Klage über ein „Zuviel“ einstimmen sollte. Ich empfinde es immer noch als ein großes Glück, aus einer solchen Vielzahl auswählen zu dürfen, auch wenn manche Bücher es dann doch nicht bis auf die Leseliste schaffen. Mehr bedeutet nicht schlechter, nur vielleicht schwieriger, was die Auswahl betrifft. Ich habe aber mittlerweile ein ganz gutes Händchen für meine Lektüre und wirklich wenig Fehlgriffe zu vermelden.

George Saunders – Lincoln im Bardo war sicher das Großereignis im Juni. Der mit dem Man-Booker-Prize ausgezeichnete erste Roman des für seine Stories sehr geschätzten amerikanischen Autors war auch das umfangreichste meiner Bücher dieses Monats.

Was für ein ungewöhnliches, großartiges Buch! Über 150 Personen, darunter nur drei Lebende, kommen zu Wort. Die anderen sind Verstorbene, die vom Leben nicht lassen können, irgendetwas hält sie fest, verwehrt ihnen den endgültigen Abschied und sie bevölkern nun den Oak Hill Cemetery in Washington D.C. Oder sie kommen in historischen Quellen zu Wort, echten oder fiktiven, das lässt der Autor unklar, wer mag, kann googeln. Es ist eine kalte Novembernacht im Jahr 1862, die USA stehen am Beginn eines blutigen Bürgerkriegs und ihr Präsident Lincoln hat einen schweren persönlichen Verlust zu verkraften: sein kleiner Sohn Willie ist an Typhus gestorben. Auch ihm fällt der Abschied ungemein schwer. Dreimal kehrt er ans Grab seines Sohnes zurück, öffnet es, hält noch einmal das Kind im Arm. Absolut ungewöhnlich in Blickwinkel und Aufbau, großartig in der Sprache, witzig, klug, berührend, hat mich das buch sehr für sich begeistern können.

In „Häuser aus Sand“ erzählt die amerikanische Schriftstellerin mit palästinensischen Wurzeln Hala Alyan eine Familiengeschichte, die geprägt ist von Verlusten. Die Heimat, die sich die aus Jaffa stammende Familie Yacoub in Nablus, Kuweit, Amman und Beirut aufzubauen versuchen, erweisen sich immer wieder als auf Sand gebaut. Dabei nehmen die zeitgeschichtlichen Umstände nur den Rahmen ein für eine ganz persönliche Familiengeschichte von vier Generationen, deren starke Frauen, der Konflikte zwischen Nähe und Entfremdung, dem Wunsch nach Freiheit und Zugehörigkeit. Die starke Beschränkung auf ihre Gesellschaftsschicht und die palästinensische Seit hat mich ein klein wenig gestört. Erzählt ist die Geschichte zwar konventionell, aber sehr schön zu lesen.

Ein Geburtstagsgeschenk des Verlegers war „Kaktus und Kanarienvogel“ von Sophie Heeger. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Eine zunächst merkwürdig anmutende Geschichte. Sie klingt zu Beginn fast ein wenig wie „Der kleine Prinz“. Anna ist unterwegs, der Gedanke an Flucht kam urplötzlich. Und auch wenn der Gedanke ihr fremd, ja sogar gefährlich vorkommt, lässt er sich so schnell nicht beiseite schieben. Anna bricht auf. Zunächst nach Venedig, denn es soll in ein warmes Land gehen und der Flug dorthin ist am günstigsten. Eine Frau im Reisebüro gibt ihr einen Kaktus mit auf den Weg. Er ist für einen Freund gedacht, der dort als Portier in einem Hotel arbeitet. Um Realitätsgehalt geht es nicht in der Erzählung. Ob ein Kaktus (oder später ein Kanarienvogel) mit ins Flugzeug genommen werden darf, interessiert so wenig wie die Tatsache, dass an allen Orten, die Anna aufsucht, anscheinend Deutsch gesprochen wird. Sehr bald wird klar, dass es hier um etwas Anderes geht. Eine Parabel, ein Gleichnis, eine naiv-fantastische Geschichte? Wie gesagt, mir drängte sich gleich „Der kleine Prinz“ als Vergleich auf. Anna lernt Menschen kennen, die sie ein Stück begleiten, manch weise Bemerkung von sich geben, um dann wieder zu verschwinden. Sie sind Clown, Tangolehrer oder Heiratsschwindler. Einer davon gibt Anna einen Käfig mit einem Kanarienvogel für seine Tochter in Amsterdam mit. Weitere Stationen sind Paris und London. Wie der kleine Prinz wandert Anna von einer zur anderen und lernt dadurch die Menschen und die Welt kennen. Ich muss zugeben, dass mich das Buch in seiner Naivität und der simplen Schreibweise zunehmend gelangweilt und fast ein wenig genervt hat. Ich war tatsächlich kurz davor, es abzubrechen. Irgendetwas hielt mich aber doch bei der Stange. Und dann kam etwas Dunkles in das Erzählte. Eine unausgesprochene Bedrohung. In Träumen, gewaltvollen Begegnungen deutet sich an, dass hinter der vermeintlich naiven Geschichte und der nicht näher erklärten „Flucht“ Annas etwas ganz anderes steckt. Eine traurige, erschütternde Geschichte. Das ist sehr raffiniert gemacht und ich war am Ende froh, dabei geblieben zu sein.

Gert Loschütz - Ein schönes Paar

Gert Loschütz ist ein Autor, der in seiner Jugend eine Weile in Dillenburg gelebt hat. In seinem neuen Roman „Ein schönes Paar“ erzählt er die Liebesgeschichte seiner Eltern, die es in den fünfziger Jahren aus der DDR in diese „enge Schieferstadt“ verschlagen hat. Wie auch mich vierzig Jahre später aus dem Rhein-Main-Gebiet. Dieser Umstand führte dazu, dass der Autor in unserer kulturell sonst etwas vernachlässigten Gegend las. Ein wirklich schöner Abend, der auch sehr gut besucht war.

Das Buch ist auch ohne diesen Standortbezug ganz wunderbar, es erzählt sehr leise und behutsam von dieser schwierigen Beziehung, die zum großen Teil durch Abwesenheit definiert war. Für mich eine Entdeckung, die mich auch noch einmal einen anderen Blick auf Dillenburg werfen ließ.

 

Brit Bennett - Die Mütter

Das letzte Frühjahrsbuch war dann Brit Bennett – Die Mütter. Ein Buch, das ich beinahe übersehen hätte. Die Mütter der Upper Church Gemeinde in Oceanside, einer Gemeinde in Südkalifornien, sehen alles, hören alles, wissen alles. Kontrolle und moralische Heuchelei ist ihr Metier genauso wie Lebensklugheit. Die rebellische Nadia hat es in ihrer Mitte nicht einfach. Erst recht nicht, als sie eine Affäre mit dem Pfarrerssohn beginnt und schwanger wird. Der Vater ist ihr keine große Hilfe, zumal er sich in seinem Schmerz über den Selbstmord von Nadias Mutter vergräbt. Sie entschließt sich zur Abtreibung, eine Entscheidung, die sie nicht loslässt. Ihre Geschichte ist die zentrale in einem erstaunlichen Debütroman über Mutterschaft, Alltagsrassismus und fest verankerte patriarchale Strukturen.

 

Marion Poschmann - Die Kieferninseln

Endlich habe ich dann auch „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann gelesen. Ein seltsamer Vorfall führt einen seltsamen deutschen Wissenschaftler nach Japan, um dort einen seltsamen jungen Mann bei seinen Selbstmordplänen zu begleiten. Eine seltsame Geschichte, die mich zunächst gar nicht angesprochen hatte. Durch die Begegnung mit der Autorin auf der FBM 2017 und viele gute Kritiken habe ich mir das Buch dann doch vorgenommen und es hat mich durch seine Sprache und, ja gerade durch seine Seltsamkeit für sich gewinnen können.

 

Und dann, auch das von langer Hand geplant, endlich die beiden Teile 3 und 4 der Neapel-Trilogie von Elena Ferrante. Nachdem mein Urteil zu Teil 1 noch verhalten ausfiel, hat mich Teil 2 dann doch auch in den Sog hineingeraten lasse. Und ich habe es nicht bereut. Wirklich tolle Bücher über durchweg unsympathische Menschen, die eine durchweg negative, unangenehme Stimmung verbreiten. Merkwürdig: trotzdem ein großes Lesevergnügen.

 

 

Mein Urlaub dauert noch eine Woche, ich hoffe noch die Vernon Subutex Bücher hier in Frankreich lesen zu können. Und dann ist die Manege frei für die kommenden Herbstbücher.

Euch allen noch einen schönen Sommer!

0 Gedanken zu „Lektüre Juni 2018

    1. Liebe Christiane, da stimme ich dir absolut zu. Die Figuren sind permanent schlecht gelaunt, wütend, aggressiv, völlig egoistisch und wehleidig. Ich fand vor allem die Erzählerin unausstehlich. Dass ich die Bücher dennoch mochte, muss dann wohl das Verdienst von Elena Ferrante sein. (Obwohl sie diese Typen erschaffen hat ; ) )

  1. Hallo Petra,

    schöne Bücher hast du gelesen, wobei mich sofort „Die Kieferninseln“ und „Die Mütter“ ansprechen.

    Mit Ferrante kann ich mich nicht anfreunden, deine Beurteilung: „unsympathische Menschen, die eine durchweg negative, unangenehme Stimmung verbreiten.“ trifft es vollkommen. Ich fand den 2. Teil wirklich sehr unbedeutend mit vielen Belanglosigkeiten und die Geschichte wirkte auf mich wie eine banale Plauderstunde. Vielleicht bin ich einfach nur nicht der richtige Lesertyp dafür.:-)

    Liebe Grüße und einen schönen Juli,
    Barbara

    1. Liebe Barbara, das kann ich gut verstehen. Trotzdem hat mich die Saga gepackt und ich habe sie sehr fasziniert gelesen. Vielleicht gerade wegen der echt unsympathischen Protagonisten. Ich hätte sie permanent schütteln mögen. Liebe Grüße, Petra

  2. Hallo,

    bei „Lincoln im Bardo“ stehe ich noch auf der Warteliste meiner Bibliothek. Im Moment sind noch fünf Leser vor mir, es könnte also etwas dauern. Aber ich freue mich schon sehr auf das Buch.

    „Die Mütter“ liegt noch da hinten und wartet darauf, dass ich es endlich lese…

    Wenigstens von „Die Kieferninseln“ kann ich sagen, dass ich es schon gelesen und geliebt habe. Da mein Mann lange Haiku schrieb und sich auch mit Basho beschäftigte, war das Buch für mich Pflichtprogramm.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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