Züfü Livaneli – Unruhe

Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.

„Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“

Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei.

Auch wenn sich die Stimmung im Land langsam verschärft, dürfte man in der Metropole Istanbul davon ähnlich wenig direkt betroffen sein wie wir Westeuropäer. Ibrahim allerdings wird recht unsanft mitten hinein gestoßen.

Old town, Mardin, Turkey by Senol Demir (CC BY 2.0) via Flickr

Auslöser ist eine kurze Nachrichtenmeldung aus den USA. Dort wurde ein Türke aus Mardin ermordet, ein rassistischer Hintergrund wird vermutet. Ibrahim stammt selbst aus dieser Stadt in Südostanatolien, nur 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, ist aber bereits als junger Mann aus deren Enge geflohen. Nun stolpert er über diese Meldung. Der Ermordete war gleichaltrig und hieß Hüseyin. Sehr bald erweist sich, dass es sich tatsächlich um Ibrahims alten Schulfreund handelt. Die Zeitung ist interessiert an der Geschichte, zeitgleich wird die Sondergesandte der UNO-Flüchtlingshilfe in der Gegend unterwegs sein, und so schickt sie ihn mit Kameramann in die Provinz zur Berichterstattung. Für ihn wird es nicht nur eine Reise in die eigene Vergangenheit, sondern auch eine Reise in das Flüchtlingselend und vor allem in die Geschichte der Jesiden, einer kurdisch sprechenden religiösen Gemeinschaft, die außerhalb der Weltreligionen steht und besonders vom IS brutal verfolgt wird. Inzwischen kann von einem regelrechten Völkermord gesprochen werden.

Hüseyin hat sich seit einiger Zeit als Helfer in den Flüchtlingslagern betätigt. Dort hat er, wie Ibrahim durch Gespräche mit alten Schulkameraden und Hüseyins Familie erfährt, eine junge Jesidin mit einem blinden Baby kennengelernt und sich in sie verliebt. Seine Verlobung mit Safiye hat er daraufhin gelöst, was ihm nicht nur Probleme mit deren, sondern auch der eigenen Familie einbrachte. Und da waren noch die islamischen Fundamentalisten, die diese Verbindung auch nicht gerne sahen und Hüseyin bedrohten. Einen Anschlag überlebte er nur knapp. Daraufhin schickte ihn die Familie in die USA zu seinen Brüdern, die dort schon eine Weile lebten. Dass dies kein gutes Ende nahm, erfuhr der Leser ja bereits zu Beginn.

Jesidische Pilger By Levi Clancy [CC BY-SA 4.0], from Wikimedia Commons
Für Ibrahim setzt sich die Geschichte in den Bruchstücken zusammen, die er von verschiedenen Erzählerfiguren in Gesprächen erhält. Er erfährt darüber hinaus auch einiges über die Geschichte der Jesiden, ihre Verfolgung und vor allem das Schicksal der jungen Meleknaz und ihrer Freundin Zilan, die vom IS verschleppt, missbraucht und verkauft wurden, und denen die gefährliche Flucht über das Sindschar-Gebirge in die Türkei gelang. Hinzu kommen noch Briefe und Gedichte, die Hüseyin an seine Geliebte schrieb. Am Ende gelangt Ibrahim derart in den Bann der Geschichte der unbekannten Meleknaz, dass er auf eigene Faust ihren Spuren nach Istanbul folgt.

Zülfü Livaneli will mit seinem Roman das Schicksal der Jesiden ansprechen, aufklären und aufrütteln. Das ist für ein solches wichtiges, und tatsächlich bisher wenig bearbeitetes Thema, unbedingt richtig. Diese Erzählabsicht tut einem Roman aber nicht immer gut. Einige Kritiker bemängelten das Thesenhafte, die Nähe zur Kolportage, ja, sehen sogar „infamen Kitsch“. Das lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen, aber greift meines Erachtens auch nicht gänzlich.

Zülfü Livaneli ist der Zwiespalt zwischen anteilnehmendem Erzählen und sachlicher Berichterstattung durchaus bewusst. Und er thematisiert sie sogar im Roman selbst. Das allzu Gefühlige versucht er durch einen sachlichen Ton, durch kurze Kapitel und die Aufsplitterung des Erzählten in verschiedene Erzählerfiguren, in meinen Augen erfolgreich, zu vermeiden. Er thematisiert zudem das Erzählen.

„War es wirklich so? So musste es doch gewesen sein, oder dachte ich mir da manches nur hinzu?“

Dschabal Sindschar By Anonymous Soldier of US 1 st Marine Division 3d Light Armored Reconnaissance Battalion (http://www.i-mef.usmc.mil/DIV/3LAR/COPhotos.asp) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
Dennoch ist es ihm um das Allgemeingültige, eben um die Botschaft seines Erzählens, zu tun. Ein wenig ähnelt sein Roman einer Art Parabel. Die Zerrissenheit des orientalischen Menschen, zwischen Ost und West, zwischen Gefühl und Verstand, Tradition und Moderne, ist dabei ein bestimmendes Thema. Er benennt das daraus erwachsende mangelnde Selbstvertrauen als einen Grund für Nationalismus, religiösen Fundamentalismus und Terrorismus.

Dabei spürt er diese Zerrissenheit sehr deutlich auch in sich selbst. Einerseits verdammt er die fundamentalistischen Strömungen im Nahen Osten, die Grausamkeit der Verhältnisse, andererseits romantisiert er bestimmte orientalische Gefühle und Traditionen.

Einerseits ist für ihn der Orient der Vergangenheit ein Ort der Toleranz:

„In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islam.“

Andererseits erzählt er auch von dem alten tradierten Ehrbegriff, der den Bruder des Nachbarn Hasan dazu brachte, seinen ehebrechenden Bruder zu erschießen und die aus der Affäre hervorgegangenen neugeborenen Zwillinge qualvoll verhungern zu lassen. Ohne dass irgendeiner der Nachbarn eingegriffen hätte.

„So eine Gegend ist das hier, in der es nie an Blut und nie an Grausamkeit fehlt.“

Toleranz oder Grausamkeit? Den Westen verdammt er in recht platter Konsumkritik.

„Ich hielt es nicht mehr aus, dass der konsumierende Mensch viel mehr galt als der schaffende, produzierende.“

Auch auf westliche Hilfsprojekte schaut er äußerst kritisch, hier am Beispiel des Besuchs von Angelina Jolie in einem Flüchtlingslager. Über die Rolle Gottes urteilt er hingegen relativ milde.

„Was tat eigentlich der Gott so vieler Religionen, während all das geschah, fragte ich mich und hatte die Antwort auch gleich parat. Er ruhte sich wohl aus, denn es musste der siebte Tag sein; in sechs Tagen hatte er die Welt erschaffen, und nun, am siebten Tag, hatte er sich zum Ruhen zurückgezogen. Und darum vermutlich die Schreie nicht gehört.“

Soll uns das trösten? Oder ist das Ironie?

Refugee girl by DFID – UK Department for International Development (CC BY 2.0) via Flickr

Immer wieder thematisiert der Erzähler seine eigene Zerrissenheit. Dabei zitiert er einen Roman, den er vor ein paar Jahren gelesen hat – Glückseligkeit, aus der Feder von: Zülfü Livaneli. Darin vergleicht er türkische Intellektuelle mit Trapezkünstlern, die ins Leere fallen, „denn das östliche Trapez haben sie losgelassen und das westliche nicht erwischt.“ Seine Hinwendung zum Orient nennt der Erzähler dabei seine „Hüseyinisierung“.

Wie die Position des Autors ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dass er diese Zerrissenheit anspricht, ist neben der aufrüttelnden Geschichte über die Jesidin Meleknaz und das Schicksal ihres Volkes sicher ein großes Verdienst dieses schmalen, aber wichtigen Buchs.

Auch wenn der Erzähler diese aufklärende Absicht bestreitet:

„Nicht um der Welt etwas mitzuteilen, nicht um die Menschen aufzurütteln, das kann Angelina Jolie nämlich tausendmal besser. Ich schreibe vielmehr, um mich selbst zu therapieren, um wieder die Kraft zu schöpfen, die ich für ein Leben unter den Wesen, die sich Menschen nennen, so dringend brauche. Zumindest kommt mir das so vor.“

Weitere Besprechungen findet ihr auf Literatur leuchtet und bei Sören Heim

Beitragsbild: Umgebung von Mardin CC0 via PXhere

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Zülfü Livaneli – Unruhe

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Klett-Cotta Juli 2018, 169 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 18,00

0 Gedanken zu „Züfü Livaneli – Unruhe

  1. Liebe Petra,
    nun bin ich hin- und hergerissen. Hingerissen, weil das Thema und die inhaltliche Konzeption des Romans ja sehr aktuell und interessant sind. Hergerissen, weil du ja durchaus eigene – und fremde – Kritik geäußert hast. Und weil die Lesezeit zu knapp ist, um sich auf so wackeliges Terrain zu begeben. Also mal schauen, ob dir „Unruhe“ es zu mir schafft.
    Viele Grüße, Claudia

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