Rachel Cusk – Kudos

„Kudos“ – ein im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlicher, aus dem Griechischen stammender Begriff für Anerkennung,  vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“ – ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.

„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle. Oft wird geschrieben, dass Cusks Romane keinerlei Plot besitzen. Aber alle diese Gespräche enthalten eine komprimierte Geschichte, manchmal tragisch, manchmal lächerlich, manchmal alltäglich.

Am Ende ist die Leserin dieser Faye, die ihrer Autorin Rachel Cusk in sehr vielen Aspekten gleicht, mehr als 600 Seiten gefolgt. Sie ist ihr dabei aber tatsächlich kaum näher gekommen und meint sie doch zu kennen. Rachel Cusk ist es nicht um ein Porträt oder eine Charakterstudie zu tun, dafür gibt sie zu wenig von ihrer Protagonistin preis. Und doch spürt man deren tiefe Verunsicherung und Verletztheit. Es ist diejenige der Rachel Cusk, die nach ihren radikal offenen autobiografischen Essays über das Muttersein, über ihre scheiternde Ehe und die Scheidung von der Öffentlichkeit hart angegangen wurde. „Rücksichtsloser Exhibitionismus“ wurde ihr vorgeworfen. Eine Frau tut so etwas nicht. Bei einem Karl Ove Knausgard hingegen darf man es bewundern.

In „Outline“ war die Erzählerin tatsächlich nur ein „Umriss“, sie diente lediglich als Echoraum für die Monologe der Menschen, die sie bei einem Schreibseminar, das sie in Griechenland leitete, traf. Ihre schmerzhafte Scheidung, die öffentlichen Turbulenzen lagen für Erzählerin und Autorin noch nicht weit zurück. In „Transit“ kamen wir Faye etwas näher. Sie richtete sich in London ein neues Heim ein, war tatsächlich als Person etwas präsenter, auch wenn ihre Zuhörerrolle im Vordergrund blieb.

Ich muss zugeben, dass ich an den dritten Teil der Trilogie nun eine gewisse Erwartung hatte – nämlich die, noch ein Stückchen näher heranzurücken, als Fortführung von Transit auch die Überwindung ihrer tiefen Krise mitzuerleben. Das geschieht nun aber eher nicht und hat mich anfänglich ein wenig enttäuscht.

Gerade dass „Transit“ zwar von seinem innovativen Erzählansatz „Outline“ glich, aber doch, gerade auch im Setting, anders war, machte für mich den Reiz aus und ließ mich „Kudos“ mit Spannung erwarten.

Doch „Kudos“ gleicht „Outline“ auf den ersten (und auch zweiten) Blick sehr. Wieder ist Faye unterwegs, diesmal auf Literaturfestivals in verschiedenen Städten Europas, um ihr neues Buch zu promoten, auf der Suche nach Anerkennung, Kudos. Orte werden wie üblich keine direkt genannt, das eine ist aber eine deutsche Stadt, die zweite unverkennbar Lissabon. Die Eröffnungsszene verweist direkt auf „Outline“. Hier wie da ist die Erzählerin im Flugzeug unterwegs und hört ihrem Sitznachbarn zu. War es im ersten Band ein kleiner, älterer Grieche, so ist es diesmal ironischerweise ein stattlicher Mann mit enormer Körperlänge. Der erste Hinweis darauf, dass es sich also nicht um eine Weiterentwicklung von „Transit“ handelt, sondern eher um ein Triptychon, in dem dieses die Mitteltafel bildet und „Outline“ und „Kudos“ flankieren.

Es folgen wieder etliche Gespräche, situationsbedingt fast ausschließlich mit Menschen aus der Literaturbranche, die einiges an scharfzüngigen, sarkastischen Seitenhieben abbekommt, vom selbstverliebten Journalisten bis zu den überforderten Organisatoren, die die Literaturschaffenden in einem abgelegenen Betonklotz von Hotel untergebracht haben, aus dem sie dreimal am Tag mit dem Bus zu zweifelhaften Mahlzeiten gefahren werden. Oder die merkwürdige Verzehrbons verteilen. Interviewer, die ihre Interviews schon geschrieben haben und die Gesprächspartner dann gar nicht zu Wort kommen lassen – jede Menge absurde, amüsante Sitationen.

In den Gesprächen geht es außer um den Literaturbetrieb vor allem um die Brüchigkeit von Partnerschaft und Familie, um Lebenskrisen und immer wieder um die Machtverhältnisse von Mann und Frau, bei denen die Frauen, zumal die mit Kindern, immer als die Verlierer dastehen. Ein neuer Aspekt ist der Brexit, der immer wieder als großer Fehler durchschimmert. Ein Kongressteilnehmer geht mit den Briten hart ins Gericht:

„Sie verschanzen sich in Ferienanlagen und auf Partymeilen, sind unfähig, in irgendeiner Sprache als der eigenen zu kommunizieren, und ahnen nicht, welch schlimme Konsequenzen ihre stumpfe Dummheit nach sich ziehen wird.“

Die Begegnungen, die die Grundlage für das Erzählte bilden, sind von einer enormen Kühle. Die Menschen scheinen, auch wenn sie sich der Erzählerin verblüffend öffnen, sehr vereinzelt. Vielleicht verleitet sie gerade diese Anonymität zu ihrer Offenheit. Die Atmosphäre ist ein wenig trostlos. Lichtblicke sind die präzisen Beschreibungen von Orten, seien sie pointiert und ein wenig boshaft wie die vom Lissaboner Hotel oder aber auch elegant wie die der bezaubernden Stadt selbst.

Lisboa CC0 via Pixabay

In vielem gleicht „Kudos“ also „Outline“. Es ist genauso brillant und scharfsinnig und voller großartiger Szenen.

Ob eine Mutter ihre Tochter am Telefon abkanzelt:

„Ich kann nicht glauben, dich zu einer Frau herangezogen zu haben, die sich von einem Mann vorschreiben lässt, was mit den Haaren ihres Kindes zu geschehen hat.“

Oder ein Kongressteilnehmer eine Lanze für körperliche Perfektion bricht:

„Warum sollte man den Körper behandeln wie eine Tragetasche für das Gehirn?“

Allerdings ist die Erzählerin in „Kudos“ doch ein wenig präsenter als zu Beginn. Sie antwortet ihren Gesprächspartnern öfter, in einer längeren Passage erzählt sie sogar von sich und ihrer Familie. Am Ende wirft ihr ihre Verlegerin vor, wieder geheiratet zu haben.

„Obwohl Sie doch wissen, was Sie wissen. Sie haben es in Worte gefasst (…) und damit festgeschrieben.“

Ich wolle das Gesetz überwinden, sagte ich, ohne es zu brechen. Einmal habe mein Sohn das Gemälde kopiert, das dort an der Wand hing (Anm.: Gentileschis Enthauptung Johannes des Täufers durch Salome), sagte ich, allerdings habe er auf die Details verzichtet und sich stattdessen auf die groben Umrisse und die räumlichen Verhältnisse konzentriert. Interessanterweise sage das Bild, ließe man die Details und die Geschichte, die es erzählt, außer Acht, nichts über Mordlust aus, sondern über die Komplexität der Liebe.“

Das könnte fast ein hoffnungsvolles Ende sein, was das Verhältnis von Mann und Frau betrifft, nach all den erzählten Lebenskrisen zuvor. Zumal sich daran ein liebevolles, fürsorgliches Telefongespräch mit dem Sohn anschließt (dieser ist wieder mal allein, wieder mal der Vater nicht zu erreichen). Aber ganz so versöhnlich kann es bei Rachel Cusk (noch nicht) enden. Das Schlussbild ist wieder eines von der rücksichtslosen, primitiven Dominanz des Mannes.

Rachel Cusk hat mit ihrer Trilogie internationale Beachtung erfahren und einiges an Erfolg. Sie ist eine innovative Stimme, brillant, scharfsinnig, subtil. Ihre Bücher sind angefüllt mit philosophischen Überlegungen, die man oft erst auf den zweiten Blick entschlüsselt. Sie stellt Fragen nach der Erzählbarkeit des eigenen Lebens, nach dem, was dem, was alle ihre Protagonisten hinter all ihren Geschichten verbergen, die eigentlich abgrundtiefe Verzweiflung, das Scheitern. Ihr fehlt jede Versöhnlichkeit, gerade im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Das unterscheidet sie sehr von einem Buch, das ich unlängst gelesen habe und das sich den Feminismus aufs Banner geschrieben hat („Das Weibliche Prinzip“). Das ist nicht unbedingt leicht konsumierbar, aber Rachel Cusks Trilogie wird bleiben. Kudos!

Beitragsbild: Flugzeug CC0 via Pixabay

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Rachel Cusk - Kudos.

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Rachel Cusk – Kudos 
Aus dem Englischen von Eva Bonné

Suhrkamp Juli 2018, Gebunden, 215 Seiten, € 20,00

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