Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

Beerdigungen sind ein immer wieder gewählter Ausgangspunkt für Erzählungen. Durch den Tod eines mehr oder weniger nahestehenden, eines mehr oder weniger geliebten Menschen werden Reisen in die eigene Vergangenheit angetreten, räumlich und emotional. Protagonisten kehren an die Orte der Kindheit und Jugend zurück, treffen alte Freunde, Bekannte, Verwandte und nicht selten kommen lange verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein, brechen alte Verletzungen oder Konflikte auf oder entstehen neue. Wenn es beispielsweise um Erbschaften geht.

Sylvie Schenk nutzt für ihren neuen Roman „Eine gewöhnlich Familie“ genau diese Erzählsituation. Die Protagonistin Celine reist im TGV von Frankfurt nach Lyon zur Beerdigung ihrer Tante Tamara und ihres Onkels Simon, die beide mit wenigen Stunden Abstand gestorben sind. Die Familie der Geschwister Cardin, von Celine, Aline, Pauline und Philippe, kennen wir bereits, wenn auch unter anderem Namen. Es ist relativ wenig verschlüsselt diejenige der Autorin Sylvie Schenk und diejenige ihrer Protagonistin Louise im Vorgängerroman „Schnell, dein Leben“.

Die Zahnarztpraxis des Vaters in den französischen Alpen, die unglückliche Ehe der Eltern, der begüterte, herablassende väterliche Familienzweig in Lyon, der bescheidenere der Mutter, sie selbst Adoptivkind – all das war bereits in der wunderbaren, poetisch-knapp erzählten Lebensgeschichte, die Schenk 2016 in Auszügen beim Ingeborg-Bachmann Preis vorstellte, Thema gewesen.

Nun treffen die Geschwister zur Beerdigung der beiden hochbetagten Verwandten aufeinander und auf eine Schwester der Tante, Kati, und deren Sohn, Cousin Bernard. Celine, die zweitälteste und wie die Autorin von einem Deutschen geschieden, von Beruf Dolmetscherin und mittlerweile Anfang sechzig, hat eher losen Kontakt zu ihren Geschwistern. Die Eltern sind schon eine Weile tot, nun auch Tante und Onkel. Das Originaltestament, das das nicht unbeträchtliche Vermögen der beiden auf alle Nichten und Neffen gleich verteilen sollte, ist verschwunden. Somit ist Tamaras Schwester Kati, und mit ihr Cousin Bernard, die Alleinerbin. Eine Tatsache, die nicht wenig Konfliktpotential in sich birgt.

Sylvie Schenk macht diese Erbschaftsstreitigkeit aber nicht zum Hauptthema ihres Buchs, sondern nutzt sie nur als Randerscheinung für ihr genaues, psychologisch feines Familienpsychogramm.

Ausgehend von der Beerdigung wird in Rückblenden das Beziehungsgeflecht vor allem zwischen den Geschwistern beleuchtet, noch einmal auf die unglückliche, aber beständige Ehe der Eltern geschaut und auf die herablassende Art der bourgeoisen Vaterfamilie.

Das hat nicht ganz die innovative Kraft von „Schnell, dein Leben“, das auf gerade mal 160 Seiten ein ganzes Leben erzählte und die eher ungewöhnliche Du-Perspektive virtuos umsetzte. Dennoch kommen auch hier die Stärken der Autorin Sylvie Schenk deutlich zum Vorschein. Nachdenklich und klug, mit manchmal ein wenig bösem Witz, aber immer liebevoll und ehrlich, erzählt sie auch hier poetisch-knapp von einer ganz „gewöhnlichen Familie“, die doch so besonders und eigenständig wie eben jede Familie ist.

Höchste Zeit, die Autorin Sylvie Schenk, immerhin schon Jahrgang 1944, zu entdecken.

Beitragsbild: CC0 via pxhere

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Sylvie Schenk - Eine gewöhnliche Familie.

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Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie
Hanser Verlag Juli 2018 , 160 Seiten, Fester Einband, 18,00 €

0 Gedanken zu „Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

  1. Danke, dass Du mich auf Sylvie Schenk aufmerksam gemacht hast. Ich habe gerade „Schnell, Dein Leben“ gelesen und bin ganz begeistert. Eine gewöhnliche Familie gibt es leider noch nicht in der Bibo. liebe Grüsse

    1. Liebe Biggi, das freut mich wirklich sehr, da ich finde, Sylvie Schenk verdiente viel mehr Aufmerksamkeit. Schnell, dein Leben ist großartig. Ganz kommt das neue Buch da nicht ran, meiner Meinung nach, ist aber immer noch sehr lesenswert. Liebe Grüße, Petra

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