Jo Nesbø – Macbeth

Das Hogarth-Shakespeare-Projekt wurde zum 400. Todesjahr des großen englischen Dramatikers 2016 ins Leben gerufen. Gedacht als eine große Verbeugung vor dem Meister und als Beweis dafür, dass seine Dramen durchaus auch in der heutigen Zeit Aktualität und Gültigkeit haben, wurden acht renommierte zeitgenössische Autoren gebeten, ein Werk ihrer Wahl in einer Neubearbeitung vorzulegen.

Eine großartige Idee und die Autoren, die zusagten, wie Ann Tyler, Margaret Atwood und Howard Jacobson, versprachen eine spannende Auseinandersetzung mit Shakespeares Werk.

Ich muss nun, bei Erscheinen des siebten von insgesamt acht geplanten Büchern, zugeben, dass meine anfängliche stürmische Begeisterung recht bald ein wenig abflaute. Sah das Ergebnis doch eher durchwachsen aus.

Sehr gelungen fand ich vor allem die Umsetzungen von Margaret Atwood und Jeanette Winterson. Howard Jacobsons Fassung des „Kaufmanns von Venedig“ war zwar auch spannend, aber nicht ganz so gut lesbar. Tracy Chevalier und Edward St. Aubyn haben eher schwache Umsetzungen geliefert, Ann Tyler, die ich ansonsten sehr schätze, hat mich ziemlich enttäuscht. Ich weiß nicht genau, welche Vorgaben die Autoren bekommen haben, insgesamt waren aber die meisten Neufassungen ziemlich brav, viel zu eng an der Vorlage, lediglich ein Transfer in unsere Zeit, ein Abarbeiten an originellen Modernisierungen, so dass sie für mich fast alle nur im direkten Dialog mit dem Klassiker funktionierten und der Spaß sich oft darauf beschränkte, wie der Autor die Details umsetzte. Ausnahme war für mich eigentlich nur Margaret Atwoods „Hexensaat“.

Und nun „Macbeth“, in der Version des norwegischen Krimiautoren Jo Nesbø. Dieses blutige Mordstück scheint geradezu prädestiniert für eine Bearbeitung des vor brutalen Verbrechen auch in seinen eigenen Werken nicht zurückschreckenden Nesbø. Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin kein großer Freund dieser Art von Kriminalliteratur, habe auch länger gezögert, mir diesen Macbeth vorzunehmen, auch, weil ich die von den bisher erschienenen Büchern der Reihe stark abweichende Aufmachung (der Übertragung der Rechte vom verschwundenen Knaus Verlag auf Penguin geschuldet, und wohl auch dem Marketingkonzept für einen „Thriller“) bedauere.

Aber die Kritiken sind durchweg positiv, wenn auch nicht euphorisch, und so habe ich mich doch überzeugen lassen.

Einen Thriller zu verfassen, dessen Handlung bis ins Detail und vor allem dessen Ende allgemein bekannt ist, und der trotzdem so etwas wie Spannung beinhaltet, ist natürlich keine leichte Aufgabe. Und so lag für mich das Interesse am Buch mal wieder in der Umsetzung. Wie transportiert Nesbø den 400 Jahre alten Tragödienstoff vom Königsmörder und seiner Frau, der in einen wahren Blutrausch mündet, in die heutige Zeit?

Drugs  CC0 via Pixabay

Und das fing eigentlich ganz vielversprechend an. Nesbø siedelt die Handlung nicht im Heute und nicht im ganz Realen an. Vieles spricht dafür, dass die Siebziger Jahre den Rahmen bilden, auch wenn nicht explizit von ihnen die Rede ist. Der Ort ist ein fiktiver, nordischer, an dem es permanent regnet, und der merkwürdig gespalten ist in die Hauptstadt Capitol und das Umland mit der nicht näher bezeichneten Stadt, in der sich die Geschichte abspielt, völlig heruntergekommen, von Arbeitslosigkeit beherrscht, verdreckt, von giftigen Gasen und anderen Umweltgefahren bedroht, von Rattenheeren bevölkert und von Drogen regiert. Zumindest im einen Teil der Stadt. Jenseits einer Grenze, in Fife, wo die Reichen, Mächtigen wohnen, ist die Luft klar, die Häuschen sind ordentlich.

Das Setting ist extrem überzeichnet, und genauso verfährt Nesbø mit den handelnden Personen. Vom Königshof werden sie in eine Polizeibehörde versetzt. Macbeth ist ein junger, die Spezialeinheit SWAT leitender Beamter, seine Geliebte ist die Casino- und Bordellbetreiberin Lady. Das „Böse“ wird verkörpert durch die zwei rivalisierenden Drogenkartelle, die Norse-Riders unter ihrem Anführer Sweno, eine brutale Motorradgang, die relativ bald ausgeschaltet wird, und den Ring um Hecate, der die Wunderdrogen Brew und Power herstellt und damit große Teile der Bevölkerung beherrscht, sehr bald auch Macbeth und Lady, die ihre Drogenkarriere eigentlich hinter sich gelassen hatten, im Laufe des Geschehens aber rückfällig werden. Die Hexen des Originals werden durch drei Frauen aus Hecates Drogenküche verkörpert. Sie stoßen das Geschehen an. Für Hecate ist nämlich der neue Chief Police Comissioner Duncan wegen seiner Redlichkeit ein Dorn im Auge. Er trauert den guten alten Tagen des plötzlich verstorbenen alten, diktatorischen und höchst korrupten Chefs Kenneth nach. Deshalb lässt er Macbeth, den er glaubt wegen seiner Drogensucht manipulieren zu können, einflüstern, er würde der kommende Chief Commissioner und Bürgermeister, und macht in zugleich von seiner Droge Power abhängig. Nach dem ersten Mord an Duncan folgt das bekannte Gemetzel von Freund und Feind, wobei die gespenstischen, übersinnlichen Anteile des Originalstücks diversen Drogenräuschen zugeschrieben werden. Eigentlich eine gelungene Idee, die Handlung ins leicht Fantastische zu verschieben. Aber gleichzeitig verbleibt die Handlung zu sehr im Realen, wird alles explizit erklärt, ja, der desolate, und für mich völlig unglaubwürdige Zustand der Stadt, in so etwas wie Kapitalismuskritik verpackt. Diese Unentschiedenheit zwischen Realitätsnähe und Fantastik empfand ich als ungemein störend. Die Wandlung des treuen und relativ unbescholtenen Macbeth in einen im Blutrausch tobenden Junkie war für mich genauso wenig überzeugend wie die völlige Skrupellosigkeit, Brutalität und Moralfreiheit bei großen Teilen der Polizei. Auch an die völlige Unbedarftheit der restlichen Polizeibehörde und der Öffentlichkeit angesichts der Machenschaften ihrer Mitglieder oder die selbstlose Liebe zwischen Macbeth und Lady konnte ich nicht wirklich glauben. Manchmal muss man sich vielleicht doch ein wenig weiter weg entfernen vom Originalstoff, um überzeugend zu bleiben. Oder aber den fantastischen Weg konsequenter beschreiten. Ein wenig scheint auch der Autor mit diesem Dilemma gekämpft zu haben. So benötigt Nesbø über 600 Seiten, um die Handlung und Personen irgendwie zu erklären (im Vergleich: Shakespeare benötigte dafür keine einhundert).

Recreation  CC0 via pxhere

Zugegeben, die Anlage der Personen und Handlung ist reizvoll und einfallsreich, auch ein wenig der unheilvollen Atmosphäre des klassischen Dramas findet ihren Weg in Nesbøs Roman. Leider funktionierte das für mich überhaupt nicht mit der Unausweichlichkeit des Geschehens, der Schicksalshaftigkeit  von Shakespeares Drama, dem Getriebensein von Macbeth. Nesbø versucht dies vergeblich durch die Drogensucht der Protagonisten zu ersetzen. Auch herrscht im Buch ein merkwürdiges Frauenbild zwischen Femme fatale und treusorgender Ehefrau/Liebender/Mutter. Die Umsetzung und Entwicklung der Handlung konnte mich insgesamt wenig überzeugen und machen diese Neufassung für mich zur misslungendsten der bisherigen Reihe. Ein Kritiker sprach von einer Umsetzung, die viel von einem Marvel Film hätte. Damit kann ich auch nichts anfangen, vielleicht liegt es daran.

Hoffen wir, dass die Umsetzung von Hamlet durch Gillian Flynn, die für 2021 angekündigt ist, wieder eher meinen Geschmack trifft. Aber die Zeitspanne bis dahin ist unverständlicherweise so lang, dass man sich an das so positiv gestartete Shakespeare-Projekt vielleicht gar nicht mehr erinnern wird. Schade.

 

Mikka liest sieht es ähnlich, Constanze von Zeichen und Zeiten hat dieser Macbeth sehr viel besser gefallen, hier findet ihr ihre Rezension

 

Beitragsbild CC0 via pexels

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Macbeth von Jo Nesbo

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Jo Nesbø – Macbeth
Blut wird mit Blut bezahlt

Aus dem Englischen von André Mumot
Penguin August 2018, Hardcover, 624 Seiten, € 24,00

0 Gedanken zu „Jo Nesbø – Macbeth

  1. Ich war von dieser Umsetzung sehr enttäuscht. Das Fazit meiner Rezension lautete:

    „Jo Nesbø überträgt Shakespeares vielleicht düsterstes Drama in die 70er Jahre. Auf 620 Seiten wäre eigentlich viel Platz dafür gewesen, aus dem modernen Macbeth einen Charakter zu machen, der in seinem tragischen Abstieg glaubhaft ist und bis zu einem gewissen Punkt vielleicht sogar nachvollziehbar handelt, stattdessen ist die Geschichte eine endlose Abfolge von Gewaltorgien.

    Nesbøs Macbeth wandelt sich binnen weniger Kapitel von einem guten, aufrechten Mensch mit Prinzipien zu einem eiskalten Killer, der nicht davor zurückschreckt, enge Freunde, Frauen und Kinder umzubringen – und das ‚funktioniert‘ für mich einfach nicht.“

    Ich habe diese Rezension jetzt auch in meinem Beitrag verlinkt:
    https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/04/rezension-jo-nesbo-macbeth-blut-wird-mit-blut-bezahlt/

    1. Ich stimme dir absolut zu. Die Entwicklungen und Motivationen waren absolut unschlüssig, psychologisch völlig unglaubwürdig und es ging meiner Meinung nach nur darum, eine Bluttat nach der anderen „abzuarbeiten“. Wirklich richtig schade.

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