Bettina Wilpert – Nichts was uns passiert

Bettina Wilpert erzählt in ihrem Debütroman „Nichts, was uns passiert“ eine Geschichte, von deren enormer Brisanz in Zeiten der #MeToo-Debatte sie zum Zeitpunkt der Niederschrift nichts ahnen konnte. Sie greift ein Thema auf, das mehr als relevant ist, aber dennoch vergleichsweise selten in den Prosaarbeiten junger Autoren vorkommt: sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung.

Dafür wählt sie einen sowohl exemplarischen als auch zumindest in der Literatur und unserem Denken eher außergewöhnlichen Fall. Wider besseres Wissen (80% der Vergewaltiger stammen aus dem sogenannten „sozialen Nahraum“ der Opfer) verbinden wir mit Vergewaltigung oft dunkle Straßen, Überfälle, körperliche Gewalt. Dass es in vielen Fällen ganz anders aussieht, das macht uns Bettina Wilpert mit ihrem Roman deutlich. Und dass es sich dennoch um eine Vergewaltigung handelt.

Anna und Jonas begegnen sich das erste Mal auf der Party eines gemeinsamen Bekannten. Es ist der Sommer 2014, das Jahr der Fußballweltmeisterschaft, es wird kräftig und fröhlich gefeiert, Alkohol und Drogen sind im Spiel, herrliches Wetter, allgemeine Ausgelassenheit. Beide entstammen dem Leipziger Universitätsmilieu und sind ca. Ende Zwanzig, also keineswegs mehr völlig naiv und unerfahren. Anna hat soeben ihr Studium beendet und schwebt ein bisschen in der Luft, kellnert ab und zu. Jonas ist Dozent an der Uni. Liebe oder auch nur Verliebtheit ist nicht im Spiel, als sie das erste Mal zusammen im Bett landen, eher eine ungeheure Menge an Alkohol, den besonders Anna recht regelmäßig zu konsumieren scheint. Zumindest ist von zahlreichen Abstürzen in der jüngeren Vergangenheit die Rede. Beide fanden diese Nacht nicht berauschend und keiner hat Interesse an mehr. Besonders der eher sensible und zurückhaltende Jonas trauert einer kürzlich beendeten langjährigen Beziehung nach. Man trennt sich einvernehmlich am Morgen.

Alkohol  CC0 via pexels

Doch Leipzig ist nicht so groß, als dass man sich nicht früher oder später wieder über den Weg läuft, besonders, wenn man im selben Milieu verkehrt. Wieder eine Party, wieder Unmengen an Alkohol, wieder am Ende das Bett. Aber nun ist es anders. Anna will eigentlich nicht, behauptet auch, vehement „Nein“ gesagt zu haben, war aber völlig betrunken, konnte sich nicht wirklich wehren, ließ die Sache über sich ergehen. Jonas behauptet, dass es sich um einvernehmlichen Sex handelte.

Anna leidet, aber wochenlang passiert nichts. Nachträglich erfahren wir, dass sie zwischenzeitlich sogar per Telefon freundschaftlich-unverbindlichen Kontakt zu Jonas gesucht hat. Dann kommt es zu einer zufälligen Begegnung im Supermarkt und Anna wird klar: Das war eine Vergewaltigung und ich will das anzeigen.

In klarem, schnörkellosem und dennoch kunstvollem Protokollton lässt Bettina Wilpert sowohl Anna und Jonas als auch Freunde, Bekannte, Verwandte und Kollegen zu Wort kommen. In Gesprächen mit einem vollkommen zurückgenommenen, nicht näher charakterisierten Erzähl-Ich wird dabei deutlich, was der Vorfall nicht nur mit den beiden unmittelbar Beteiligten, sondern auch mit ihrer Umgebung macht. Jeder muss sich in irgendeiner Form dazu in Stellung bringen. Während manche Annas Aussage in Anbetracht der Umstände in Zweifel ziehen, vorverurteilen ebenso viele Jonas als brutalen Vergewaltiger. Annas Qual auf der Polizeiwache und ihre Scham gegenüber sich und der Außenwelt werden dabei genauso deutlich wie Jonas Verzweiflung, weil sich immer mehr Menschen von ihm zurückziehen, er sein Ehrenamt, für das er sich jahrelang engagiert hat verliert und auch seine Dozentenstelle nicht verlängert wird.

Doch was ist wirklich geschehen? Für den Roman ist das eigentlich eher zweitrangig. Auch wenn Wilpert keinen Zweifel daran lässt, dass es tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen ist, gibt es so viele Umstände, die die Außenstehenden wie die Leserin zum differenzierten Nachdenken bringen können. So wenig die Erzählinstanz über das Geschilderte urteilt, so sehr fühlen wir uns gedrängt, eine Position einzunehmen. Und diese liegt gefühlsmäßig natürlich, gerade für eine Frau, beim Opfer.

Rape, Abuse by Senior Airman Clayton LenhardtReleased  Public

Nun macht es uns Bettina Wilpert in Nichts was uns passiert aber nicht gerade leicht. Jonas ist eben kein brutaler, sexistischer Prolet, sondern ein durchaus sympathischer, sensibler und sozial engagierter Intellektueller. Ihm gegenüber steht eine launische, ihr Leben alles andere als im Griff habende, oft genug hemmungslos alkoholisierte Anna. Dazu kommen die Umstände. Partystimmung, beide fast bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, einvernehmlich auf Jonas  Zimmer, kein Schreien, kein Rufen, kein massives Wehren, die danach zusammen verbrachte Nacht, monatelang keine Reaktion (außer ein paar SMS) – und dann die Anzeige. Es war dennoch eine Vergewaltigung. Und Nein heißt Nein! Wer würde da nicht zustimmen? Und dennoch… Und schon hat die Autorin die Leserin erwischt.

Das ist enorm raffiniert und differenziert gemacht. Und schon allein dafür gebührt der Autorin alles Lob.

Wie wichtig ein dialektisches Nachdenken über dieses Thema von Nöten ist, verdeutlichen nicht nur die aktuell geschilderten Fälle in der #MeToo-Debatte. Besonders der Fall der Gina-Lisa Lohfink hat Bettina Wilpert nach eigenen Angaben beschäftigt. Auch wir werden immer wieder nach unserer Position befragt. Und die ist in der Bevölkerung leider gar nicht so eindeutig, wie man das glauben möchte. Weltweit nicht, natürlich, aber auch nicht in der EU oder auch nur deutschlandweit. Anlässlich des Aktionstages „Nein zu Gewalt an Frauen“ in 2016 gaben 27% der 27.818 befragten EU-Bürger an, dass „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ in manchen Situationen gerechtfertigt sei (6% der Schweden, 55% der Rumänen, immerhin 27% der Deutschen). Genannte Situationen sind dann auch, „wenn die Frau unter Alkohol- oder Drogeneinfluss gestanden hat“, „wenn die Frau freiwillig zu jemandem nach Hause mitgegangen ist“, „wenn die Frau nicht deutlich genug „Nein“ gesagt hat“ oder sogar, „wenn sie sich zu freizügig gekleidet oder geflirtet hätte.“ (Quelle: die Welt v. 28.11.2016) Mag sein, dass sich da in den letzten zwei Jahren angesichts der Debatte etwas geändert hat, erschreckend sind die Ergebnisse dennoch. Das macht ein Buch wie „Nichts, was uns passiert“ so wichtig. Aber es zeigt auch, wie schwer die Beurteilung einer solchen Tat durch den Umkreis der Beteiligten fällt und wie weitreichend die Folgen für Täter und Opfer sind. Das macht Bettina Wilpert in ihrem beeindruckenden, detailreichen, kunstvoll uneitlen und enorm relevanten Roman deutlich.

Bettina Wilpert erhielt für Nichts was uns passiert im Oktober 2018 den Aspekte Literaturpreis, gewann den Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und landete auf der Hotlist 2018. Unlängst wurde ihr auch der Bloggerpreis für Literatur – Das Debüt 2018, an dessen Juryarbeit ich teilnehmen durfte, zugesprochen.

 

Beitragsbild: Yes CC0 via Pixabay

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bettina wilpert - nichts was uns passiert.

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Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert
Verbrecher Verlag Februar 2018, Hardcover, 168 Seiten, 19,00 €

0 Gedanken zu „Bettina Wilpert – Nichts was uns passiert

  1. Liebe Petra,
    die Rezi ist dir wundervoll gelungen! Ich habe das Buch schon sehr lange auf meiner Wunschliste und bin sicher, dass ich es dieses Jahr noch lesen werde! Ein wichtiges Thema hat die Autorin da ausgewählt. Ich bin sehr gespannt, wie der Inhalt und die Umsetztung auf mich wirken werden.
    GlG, monerl

  2. Liebe Petra,
    mir gefällt vor allem, und so lese ich deine Besprechung, dass die Autorin es schafft, alle Seiten – auch die des Lesers – zu verunsichern beim Be- oder Verurteilen der Tat. Und das ist ja, gerade in diesem Fall, in dem ja der Täter kein Monster zu sein scheint, auch gute und gerade auch literarische Herangehensweise an dieses Themenfeld. Denn genau durch diese Offenheit entstehen dann die Leerstellen zur (leidenschaftlichen) Auseinandersetzung und Diskussion.
    Viele Grüße, Claudia

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