Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Es gibt Bücher, da weiß man bereits nach wenigen Sätzen: „Ja, das könnte was werden, das scheint zu passen.“ (Hin und wieder wird man dann dennoch enttäuscht.) Bei Daniela Krien und ihrem von fast allen Seiten hochgelobtem Roman Die Liebe im Ernstfall kam mir dagegen bereits auf Seite 18 der Verdacht, dass wir keine Freunde werden würden.

Da verirrt sich am Vorabend der Hochzeit ein kleiner Vogel in das von der Braut so wenig geliebte gemeinsame Loft und findet trotz geöffnetem Fenster nicht mehr hinaus. Eine Holzhammer-Metapher! Drei Seiten weiter bricht sich eine Taube in eben jener Wohnung den Flügel. Nun ja.

Was tut man da? So früh schon abbrechen? Nein, das wäre ungerecht und dann ist da noch das viele Lob. Aber wann dann? Vielleicht wenn die zweite Tochter dieses Paars, Paula und Ludger, als Baby am plötzlichen Kindstod stirbt – nach einer Schutzimpfung (das wird so in den Raum gestellt)? Oder, da ist das Buch schon ziemlich fortgeschritten, wenn mit ziemlich viel Einfühlung und Verständnis der Vater einer der Protagonistinnen vorgestellt wird, dessen Ansichten politisch ziemlich weit rechts angesiedelt sind –

„Aber erst seit die Medien über Ostdeutschland herfielen und es den Menschen zum Vorwurf machten, dass sie die Demokratie beim Wort nahmen.“

Der politisch links stehende Torben hingegen ist das größte A*loch des Buches und zudem noch ein naiver Trottel mit esoterischen Neigungen.

Überhaupt die Männerfiguren im Text. Sie sind weitestgehend westlich sozialisiert, während die fünf Frauengestalten, um die sich der Roman episodenhaft dreht und die durch Verwandtschaft, Freundschaft oder fünf Ecken miteinander verbunden sind, allesamt aus Ostdeutschland stammen. Den Männern wird hier allenfalls eine Nebenrolle eingeräumt, nämlich die als Verursacher großer Leiden im Leben der Frauen oder als Objekt großer Sehnsüchte. Sie sind mit einer Ausnahme allesamt egoistisch, rücksichtslos, materialistisch. Dafür erfüllen sie, zumindest zu Beginn der Partnerschaft, die Mindestanforderung, die sie in den Augen der Frauen zu erfüllen haben: Sie sind „ein Gott im Bett.“

Überhaupt definieren sich die fünf Frauen, die man altersmäßig alle so um die Vierzig verorten kann, fast ausschließlich über die Männer, das Begehren, das sie bei diesen auszulösen vermögen, die Reaktionen, die sie bei ihnen hervorrufen. Dabei besitzen alle doch aufregende, erfüllende Berufe, sind Buchhändlerin, Ärztin, Schriftstellerin, Musikerin oder Schauspielerin – was man sich als Frau halt so erträumt. Aber auch diese Berufe spielen höchstens eine Nebenrolle. Genauso wie die Kinder, die aus den Verbindungen mit den Männern hervorgegangen sind und die irgendwie zum glücklichen, erfolgreichen Leben dazuzugehören scheinen, im Alltag aber eigentlich nur stören, nerven, unzumutbare Forderungen stellen. Obwohl sie das Mutterherz ja durchaus zum Schmelzen bringen können, beispielsweise, wenn sie so ruhig schlafen, wie kleine Kätzchen. Die passionierte Reiterin Judith verweigert als einzige die typische Paarbindung, pflegt dafür liebevoll ihr Pferd. Da es aber ohne Mann nun einmal nicht geht, besucht sie obsessiv Dating-Portale. Überraschenderweise erweisen sich die dort tummelnden Männer oft als Enttäuschung.

Wo sind die „starken Frauen“, auf die in den Besprechungen zu diesem Roman so gern Bezug genommen wird? Die Frauenfiguren im Roman sind allesamt egozentrisch und wehleidig, als Lösung ihrer Probleme fällt ihnen meistens nichts anderes ein als Sex oder Heulen, oder beides zusammen. Selbst echte Schicksalsschläge, wie der Tod eines Kindes, können mich als Leserin da nicht mehr erreichen. Die fünf Charaktere gleichen sich zu sehr, das bleibt stets eindimensional, Distanz oder einen kritischen Blick der Autorin vermisse ich. Da wird lamentiert, erduldet und erlitten, anderen Frauen der Mann ausgespannt, geneidet und intrigiert. Wo bleibt die Emanzipation, wo modernes weibliches Selbstverständnis? Dieser Text hat mich zunehmend verärgert.

Dazu kommen Figuren, die Brida Lichtblau heißen, Katzen die auf den Namen Felicitas getauft sind, „vegane Tomatensoße“, ständig wird etwas Hochwertiges für die Küche eingekauft. Das finde ich prätentiös.

Am meisten hat mich aber gestört, dass ich Rollenprosa und Autorenstimme so wenig auseinander halten konnte. Als kritischen Blick auf die Frauen und ihre Verhaltensmuster, hätte der Text vielleicht auch für mich Bestand gehabt. Aber hier ist zu viel Identifikationsangebot, zu viel Nähe zu den Figuren, die ich einfach nicht mag. Und so bleibt das Buch für mich nur Befindlichkeitsliteratur.

Aber kann Daniela Krien denn schreiben? Ich denke schon. Dramaturgisch ist das Buch gut gemacht, die fünf Frauengeschichten geschickt ineinander gewebt. Die Sprache ist lakonisch, schlicht, gut lesbar. Aber das war mir dann letztlich leider egal.

Lektüre März

Positive Rezensionen gibt es zuhauf, schaut mal bei Nicoles Nachtundtagblog. Etwas verhaltener aber auch positiv bei Studierenichtdeinleben und Frau Lehmann.

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Daniela Krien - Die Liebe im Ernstfall.

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Diogenes Februar 2019, Hardcover Leinen, 288 Seiten, € 22,00

23 Gedanken zu „Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

  1. Ich habe nur zwei Frauen-Geschichten geschafft, dann war es mir zu unecht. Künstliche Frauengestalten, die Männer nur für Sex brauchen und sich darüber definieren. Sowas ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Und wird mir hoffentlich auch erspart bleiben. Die Geschichten beschreiben Klischees, die langweilen, weil sie so nicht real sind und nicht mal spannend erzählt sind. Unter guter Literatur verstehe ich was anderes.

  2. Hübsche Rezi, gut begründet. Mir hat das Buch besser gefallen als Dir, aber diese Rezi gefällt mir auch (und sie ändert nicht meine persönliche Beurteilung des Romans, 7/10).

    1. Hallo Henrik! Den meisten Leser:innen hat das Buch besser gefallen als mir 😉 Aber so ist es nun mal, die Geschmäcker sind verschieden. Danke für deine netten Worte. Und Beurteilungen sollen durch mich ja keinesfalls geändert werden. Viele Grüße!

  3. Ich bin froh eine kritische Stimme oder mehrere kritische Stimmen zu diesem Buch zu lesen, es ermüdet einem diesen Geschichten zuzuhören, diesen Menschen, die alle mit Musik oder Pferden beschäftigt sind und ganz gleich und welchen Berufen welcher familiären Position eigentlich immer unzufrieden sind oder betrogen wurden Punkt ein bisschen kommt es mir vor wie eine Serie im. ZDF.

  4. Schön, im Netz auch etwas Kritisches zu dem Buch zu finden. Vieles ist wirklich gut gemacht, die Geschichte von Malika und Jorinde vor allem. Die stets einseitigen politischen Kommentare sind aber derartig unmotiviert in den Text reingeklatscht, dass es wehtut und dass es eben nichts hilft, dass sie, wie die Wiener Zeitung wunderschön schreibt, alles sauber in Figurenrede gepackt hat. Wenn so etwas derartig breit abgefeiert wird, kann es mit der angeblichen cancel culture und angeblichen Einschränkung der Meinungsfreiheit für besorgte Bürger nicht so weit her sein. Um nicht missverstanden zu werden: Das Buch darf ruhig reaktionäres Gedankengut verbreiten, denn das ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Mich wundert nur, dass es fast niemandem aufzufallen scheint, obwohl es einen geradezu anspringt und die Autorin es darauf auch ersichtlich angelegt hat. Vielleicht wollen manche KritikerInnen mit großer Öffentlichkeitswirkung aber auch einfach nicht über jedes Stöckchen springen, dass ihnen hingehalten wird …

  5. Hallo, ich habe das Buch ebenfalls gelesen und kann der Rezension nur zustimmen. Es war kein Buch für mich. Allerdings lese ich jedes Buch zu Ende. Auch die, die mir nicht gefallen und mit denen ich mich schwer tue. Frei nach dem Motto: Strafe muss sein, es hat ja auch Geld gekostet. Aber nein, darum geht es nicht. Ich kann ein Buch, dass ich als schlecht empfinde, auch nur dann endgültig beurteilen, wenn ich es komplett gelesen habe. Verbunden mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch noch besser wird. Und wenn nicht, schreibe ich halte eine dementsprechende Rezension.

    1. Ich bin meist auch ein ZuEndeLeser, frage mich aber in letzter Zeit immer häufiger, ob sich das wirklich lohnt, besonders wenn Bücher sehr umfangreich sind. Muss meinen Weg da noch finden. Viele Grüße!

  6. Da schließe ich mich meinen Vorrednern an: Ging mir auch so!
    Meine Kollegin fand es ganz klasse und drückte es mir hochgelobt in die Hand. Ich kann mit dem Buch leider gar nichts anfangen.

  7. Liebe Petra,
    von diesem Buch habe ich tatsächlich sehr viele positive Rezensionen gesehen. Ich hatte schon gedacht, dass mir da ein wundervolles Buch untergeht. Doch deine Besprechung ist dir sehr gut gelungen. Die kritischen Punkte sind deutlich und auch nachvollziehbar. Deine letzten beiden Absätze finde ich sehr, sehr gelungen und zeigen, wie tief du dich mit dem Roman und er Autorin auseinandergesetzt hast. Ich denke, ich werde weiterhin Mut zur Lücke haben. 😀
    GlG, monerl

  8. Einen ähnlichen, vielleicht nicht ganz so negativen Eindruck hatte ich von Kriens „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“. Interessant, dass die jetzt bei Diogenes gelandet ist. In der Zeit von Daniel Keel wäre das wahrscheinlich nicht passiert.

    1. Den Erstling fand ich sogar noch eigentlich ganz gut. Hier konnte ich so gar nicht mitgehen. Es setzt so ganz auf Identifikation mit den tragischen Frauengestalten und wenn das nicht klappt, klappt das ganze Buch nicht (meiner Meinung nach). Schön, dass du wieder da bist 😉 Viele Grüße!

      1. Mit tragischen Frauengestalten (außerhalb des Kriminalromans) habe ich es nicht so. 😉 – Und Danke! Ist jedes Mal wie ein bisschen nach Hause kommen, wenn man wieder etwas Zeit in der Blogger-Community verbringen kann. Viele Grüße zurück!

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