OLGA TOKARCZUK – Unrast

Unrast – per Definition „die innere Ruhelosigkeit, die jemanden dazu treibt, sich ständig zu betätigen“. Ist dieser Zustand nicht derjenige, in dem wir moderne Menschen uns am häufigsten befinden? Diese Geschäftigkeit, Gereiztheit, Ungeduld, die man im positivsten Fall als Tatendrang oder Aufbruchsstimmung auffassen kann. Doch Aufbruch wohin?

Niemals in der Geschichte wurde leichter und häufiger gereist als heutzutage. Kontinenthopping und zwei innereuropäische Termine an einem Tag? Kein Problem. Doch welchen Einfluss hat dieses schnelle Reisen auf unsere Psyche? (Mal alle anderen Gesichtspunkte wie zum Beispiel Umweltaspekte beiseite lassend.)

Für die polnische Autorin Olga Tokarczuk, studierte Psychologin und Psychotherapeutin Jahrgang 1962, besteht kein Zweifel, dass die Bewegung und die damit verbundene Unrast der stärkste Ausdruck unserer modernen Zeit ist. In ihrem bereits 2007 in Polen und 2009 erstmals in Deutschland bei Schöffling erschienenen Buch versucht sie, dieses Phänomen vielfältig zu fassen und zu ergründen. Dabei gelingt es ihr kongenial, das Thema auch formal umzusetzen. Denn der Text, der mit der Gattung „Roman“ herzlich wenig gemein hat, ist selbst enorm disparat, unruhig, auseinanderstrebend. In ungezählten Fragmenten, die vom 1 ½ Zeiler bis zur längeren Kurzgeschichte reichen, trägt sie Material zusammen, das aus historischen und mythologischen Erzählungen, psychologischen Erkenntnissen, Notizen, Beobachtungen, Anekdoten und Kurzgeschichten besteht und im weiteren Sinn das Unterwegssein, das Reisen, sowohl in der Welt als auch im eigenen Körper und der eigenen Psyche, zum Thema hat.

Anatomiestunde von Dr. F. Ruysch 1670, Adriaen Backer [Public domain] via Wikimedia Commons
Viele Episoden haben den Flughafen als Mittelpunkt, jenen Schnittpunkt der Wege, der sich überall auf der Welt irgendwie gleicht. Tokarczuk geht aber auch weit hinein in die Vergangenheit und erzählt vom niederländischen Anatom Philip Verheyen, der im 16. Jahrhundert sein eigenes amputiertes Bein einer sorgfältigen Untersuchung unterzog und als Erster den Phantomschmerz definierte. Sie erzählt von der Reise, die Chopins Herz nach dessen Beisetzung auf dem Pariser Père Lachaise mit der Schwester Ludowiga heim nach Warschau machte. Und von den Bittbriefen, die die Baronin Josephine von Feuchtersleben an den österreichischen Kaiser Franz sandte, um ihren Vater, einen Nigerianer, der als Kammerdiener und Prinzenerzieher am Hof zu Ansehen gelangt war, nach seinem Tod aber als „ausgestopfter Mohr“ im Kuriosenkabinett des Kaisers ausgestellt wurde, beerdigen zu dürfen.

Sie erzählt vom Fährmann Eryk, der nach Jahren zuverlässigem Dienst plötzlich die Fähre mit Passagieren kapert und aufs offene Meer hinaussteuert, vom alten Professor, der sein Leben auf einem Kreuzfahrschiff beendet und vom Polen Kunicki, dessen Frau und Sohn auf der kleinen kroatischen Insel Vis spurlos verschwinden.

In der Titelgeschichte – im Original „Bieguni“ nach einer alten russisch-orthodoxen Sekte des 18. Jahrhunderts, die die Bewegung und Rastlosigkeit heiligsprach, Nomaden und Anarchisten – flieht eine Frau vor der Last, die nicht nur ihr behindertes Kind, sondern auch der aus dem Krieg (Russland/Ukraine?, nichts im Buch ist wirklich eindeutig) zurückgekehrte Mann ihr auferlegt. Tage bleibt sie verschollen, lebt mit Obdachlosen, hungert, wird verhaftet.

Eine Wundertüte an disparaten Texten, mit ruhelosem Tempo, wilden Sprüngen in Zeit und Raum, die sich für die Leser*in am Ende vielleicht zu etwas rundet, das eben „Unrast“ ausdrückt.

Gepäck von djedj auf Pixabay

Aber wer erzählt hier eigentlich? Auch wenn einiges Autobiografisches angenommen werden darf – ist die Erzählerin, die ein so ausgeprägtes Faible für das Abseitige, Dunkle, Abnorme, für die medizinischen Präparate in den naturhistorischen Museen, für den Roman Moby Dick und das Alleinsein pflegt, tatsächlich die Autorin Olga Tokarczuk?

Zu Beginn steht der kurze Text „Ich bin“, der sich an den Moment erinnert, als das kleine Mädchen zum ersten Mal eindeutig seine Existenz spürte.

„In einem einzigen Augenblick entdeckte ich die Wahrheit: Es lässt sich nicht mehr ändern – ich bin.“

Es folgt die erste „Reise“ des immer noch sehr kleinen Mädchens über die benachbarte Wiese und dann einiges über die nicht sehr sesshaften Eltern. Im Grunde ist es gleichgültig, ob Autorin und Erzählerin deckungsgleich sind. Der Text ist originell, kühn, intelligent und bietet reichlich Material, sich daraus die eigene Unrast herauszudestillieren, sich auf die Reise zum eigenen Ich zu machen. Ein Prozess, bei dem die Leser*in mitwirken muss, damit er funktioniert. Sonst bleiben die Texte leicht ein Sammelsurium. Ich denke, mir ist das größtenteils gelungen, ich habe das Buch mit Gewinn gelesen. Dennoch war oft der Wunsch da, dass gerade die längeren, intensiven Texte fortgeführt worden wären, die Autorin mit ihnen weniger „Unrast“ gezeigt hätte.

Im vergangenen Jahr erhielt die englische Fassung („Flights“) den renommierten Booker Prize für den besten übersetzten Text. Es ist sehr zu begrüßen, dass der Kampa Verlag daraufhin das Buch erneut aufgelegt hat.

Lektüre April

Beitragsbild via Pxhere

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OLGA TOKARCZUK - Unrast.

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OLGA TOKARCZUK – Unrast
Originaltitel: Bieguni
aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Kampa Verlag Februar 2019, 457 Seiten | Gebunden, € 24,–

2 Gedanken zu „OLGA TOKARCZUK – Unrast

  1. Liebe Petra,
    „Unrast“ liegt auch schon hier zum Lesen bereit. Bisher habe ich mich nicht an die vielen, vielen Seiten getraut. Nur immer mal wieder hineingeschaut, hier gelesen, dort geblättert. Nun gewährst du ja doch wichtige Einblicke, auch durch den Hinweis, dass die Gattung mit „Roman“ nicht ganz zutreffend beschrieben ist. Vielleicht muss das Buch noch bis zu längeren Ferien warten. Lesen möchte ich es aber nun nach der Lektüre deiner Besprechung unbedingt.
    Viele Grüße, Claudia

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