Lukas Hartmann – Der Sänger

Der Sänger, von dem der Schweizer Autor Lukas Hartmann in seinem neuen, gleichlautenden Roman erzählt, ist Joseph Schmidt.

Der lyrische Tenor wurde 1904 in Davideny, nahe Czernowitz in der Bukowina geboren. Schon früh zeigte sich sein stimmliches Talent und der junge Schmidt gab seinen ursprünglichen Traum von einer Schauspielkarriere 1925 für das Gesangsstudium an der Berliner Hochschule der Künste auf.

Die Zwanziger Jahre waren der Beginn des Radiozeitalters, in Deutschland startete am 29. Oktober 1923 der Unterhaltungsrundfunk. Durch zahlreiche Rundfunkauftritte wurde Schmidt bald zu einem der bekanntesten und beliebtesten Tenöre mit einer riesigen Fangemeinde auch außerhalb Deutschlands und bis nach Amerika. Bühnenauftritte dagegen waren eher selten, da er aufgrund seiner nur geringen Körpergröße von 1.54 m nur zögerlich besetzt wurde.

Dafür ging im Mai 1933 ein Traum für ihn in Erfüllung, als der Film „Ein Lied geht um die Welt“ in Berlin Premiere und großen Erfolg feierte. Ein letztes Mal Berlin. Denn dem jüdischen Sänger wurden fortan die Auftritte und die Arbeit in Deutschland weitestgehend verboten. Es folgten noch drei erfolgreiche Filme, die in Wien, wohin er Ende 1933 emigrierte, und in London Premiere hatten. Besonders die Damenwelt verehrte die von Schmidt interpretierten Filmschlager wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „Ein Stern fällt vom Himmel“ oder eben jenes „Ein Lied geht um die Welt.“

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Kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, verließ Joseph Schmidt das Land Richtung Brüssel, wo er bis 1940 lebte. Dann wich er der nahenden deutschen Armee nach Frankreich aus, wo ihn die Vichy-Regierung als Deutschen zwangsinternierte. Ein Visum für Kuba, das ihn 1941 erreichte, konnte er nicht mehr nutzen, da eine Überfahrt durch den Seekrieg unmöglich wurde. So versuchte er im Herbst 1942 mehrmals vergeblich, in die Schweiz zu gelangen.

Auf diesen kurzen Abschnitt in Schmidt Leben konzentriert sich Lukas Hartmann in seinem Buch „Der Sänger“. Anfang Oktober 1942 gelang Joseph Schmidt zwar der illegale Grenzübertritt, Mitte des Monats wurde er aber wie alle auf diese Weise eingereisten Flüchtlinge, interniert, und zwar im Lager Girenbad in Hinwil bei Zürich. Die Zustände dort waren verheerend: Kälte, knappe Nahrungsversorgung, harte Arbeit und eine verbreitete Verachtung gegenüber den Insassen, die vorwiegend jüdischen Glaubens waren.

Eine legale Einreise in die Schweiz war spätestens seit August 1942 nicht mehr möglich, da das Land unter starkem Druck des Deutschen Reichs, mit dem es weiterhin Wirtschaftsbeziehungen aufrecht erhielt und von dem es seine Neutralität bedroht fühlte, die Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen hatte.

Diesen Sachverhalt und das menschenverachtende Vorgehen der Schweizer Behörden gegenüber den Flüchtlingen aus Deutschland ins Gedächtnis zu rufen und die immer noch verbreitete Mär von der neutralen Schweiz zu widerlegen, gelingt Lukas Hartmann mit seinem Text eindrücklich. Dass dabei Parallelen zum heutigen Umgang mit Flüchtlingen gezogen werden können, ist sicher beabsichtigt. Wie bekannt kommen doch die Ergebnisse der Konferenz von Evian 1938 vor, auf der sich alle Zweitaufnahme-Staaten weigerten, künftig einen Teil der von der Schweiz aufgenommenen Flüchtlinge zu übernehmen und darauf beharrten, keine Einwanderungsländer zu sein. Was dies zur Folge hatte, ist sattsam bekannt.

Auch in der Schweiz herrschte augenscheinlich kein Mangel an Antisemiten, wie dem Lagerkommandanten, der dem gesundheitlich stark eingeschränkten und psychisch angeschlagenen Schmidt eine angemessene medizinische Versorgung verweigerte. Zwar wurde er durch Intervention eines jüdischen Arztes ins Kantonsspital verlegt und seine akute Kehlkopfentzündung behandelt, der dortige Chefarzt weigerte sich aber, den Brustbeschwerden des Patienten nachzugehen und Untersuchungen des Herzens zu veranlassen und überwies ihn ins Lager zurück. Ein Antisemit offensichtlich auch er. Zwei Tage nach seiner erzwungenen Rückkehr nach Gierenbad starb Joseph Schmidt dort an Entkräftung und Herzversagen.

Eine erschütternde, traurige Geschichte, die viel zuwenig bekannt ist, steht sie doch stellvertretend für das Flüchtlingsschicksal vieler. Selbst ein so bekannter und privilegierter Mensch wie Joseph Schmidt konnte sich nicht retten. Dass er ein bestehendes Angebot für eine USA-Tournee 1938/39 nicht annahm, lag an seiner starken Bindung an die Mutter, die in Czernowitz zurückgeblieben war. (Und übrigens überlebte.)

Lukas Hartmann bleibt stets ganz nah dran an seiner Hauptfigur. Nur hin und wieder stehen kurze Abschnitte dazwischen, die Berichte einer jungen Schweizerin, die Schmidt als Sänger bewunderte, und eines Beamten der Polizeibehörde, der für Flüchtlingsfragen zuständig war. Diese stehen leider ein wenig isoliert und bindungslos im Text.

Hartmann lässt das Porträt eines nicht nur gesundheitlich völlig zerrütteten Menschen, der alle Lebensgewissheiten verloren hat und seinen vergangenen Ruhm wie eine Schimäre davongleiten sieht, entstehen. Meist ziemlich passiv und schicksalsergeben trägt er sein Schicksal und versucht, irgendwie durchzukommen. Er ist alles andere als ein

Kämpfer. Vielleicht betont Hartmann diese Schwäche und den körperlichen Verfall Schmidts ein wenig zu sehr, er ist um einen emotionalen Zugang der Leser*innen bemüht. Dieser wäre allerdings schon allein durch den Leidensweg und die Erbarmungslosigkeit des Systems garantiert.

Es ist wichtig und gut, dass Bücher wie „Der Sänger“ immer wieder nicht nur an die dunkelsten Seiten unserer jüngeren europäischen Geschichte erinnern, sondern auch Parallelen zu unserer Gegenwart aufzeigen, Gefahren verdeutlichen, mahnen. Das ist Lukas Hartmann gelungen.

Auf YouTube ist auch eine vierteilige Dokumentation zu Joseph Schmidt abrufbar.

„Joseph Schmidt – ein kurzes Leben“

 

Frau Lehmann liest hat das Buch ebenfalls besprochen

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Lukas Hartmann - Der Sänger.

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Lukas Hartmann – Der Sänger 
Diogenes April 2019, Hardcover Leinen, 288 Seiten, € 22.00

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu „Lukas Hartmann – Der Sänger

  1. Liebe Petra,
    ich lese ja sehr viel, was das angeht und war mir bei dem Buch doch irgendwie unsicher. Nun denke ich, ich kann gefahrenlos zulangen. 🙂
    GlG und einen tollen Start in die neue Woche!
    monerl

    1. Das freut mich, liebes Monerl. Stilistisch macht Hartmann da keine Experimente und hin und wieder wird Schmidts Schwäche und Leiden vielleicht ein wenig zu oft erwähnt. Ich finde das Buch aber wichtig und gut. Schmidts Name und Schicksal war mir ganz unbekannt. Und die unrühmliche Flüchtlingspolitik der Schweiz damals gehört auch erinnert. Liebe Grüße!

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