Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

Alle Jahre wieder, im schönen Monat Mai, erscheint ein neuer Commissario Brunetti-Roman von Donna Leon. „Ein Sohn ist uns gegeben“ ist nunmehr der achtundzwanzigste der Reihe.

1993 begann ich mit dem ersten Band, „Venezianisches Finale“, ich war noch ein ausgesprochener Krimi- und noch lange kein Vielleser. Die entspannt-spannende Art, die sympathischen Charaktere, das Kluge, Kultivierte und natürlich die herrliche Lagunenstadt als Ambiente haben mich begeistert, und das lange Jahre über. Meine Töchter wurden geboren, ein Haus bezogen, sich mit dem Landleben arrangiert, ein neuer Job angenommen – einmal im Jahr war der Commissario zu Gast. Wir haben so manche Höhen und Tiefen zusammen beschritten, nicht jeder Besuch war gleich gut gelungen, aber immer eine verlässliche Größe. Irgendwann kam dann die Beziehungskrise (bei Band 16), wir hatten uns schließlich nicht mehr wirklich viel zu sagen, Langeweile schlich sich ein, ein wenig Überdruss, veränderte Lebens- und Leseeinstellungen – wir trennten uns.

Hin und wieder hörten wir voneinander (alle Hörbücher zuverlässig eingelesen von Joachim Schönfeldt), kamen uns aber irgendwie nicht wieder näher. Immer mehr erstaunte mich, die ich doch ansonsten eine so „anspruchsvolle“ Leserin bin, dass ich so viel „Massenware“ im Regal stehen habe, Routinearbeiten. Und auch die „Mutter“ Brunettis, Donna Leon, schien zuweilen ihres Protagonisten so überdrüssig wie der zunehmend vom Massentourismus überrollten Serenissima.

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Was mich schließlich bewogen hat, nach zehn Jahren Abstinenz wieder einen Brunetti-Roman in die Hand zu nehmen, kann ich gar nicht so genau sagen. Aber  plötzlich war es wieder da: ein großes Gefühl der Verbundenheit.

Die Stadt Venedig hat sich verändert, sich zunehmend dem Massentourismus ergeben, den riesigen Kreuzfahrtschiffen, dem Touristennepp. Commissario Guido Brunetti aber ist der gleiche geblieben, und mit ihm seine Familie, seine Kollegen, die Questura. Die Kinder, schon zu Beginn der Serie nahezu im Teenageralter, haben sich so wenig verändert wie die adeligen Schwiegereltern Falier, mittlerweile hochbetagt. Sie alle sind der Leserin ein wenig wie Familie, unangetastet vom Zahn der Zeit.

Die geniale, stets elegante Computerspezialistin Signora Elettra im Vorzimmer des eitlen, stets etwas tumben Vize-Questore Patta, der selten dämliche Sergente Alvise und der treue Vianello, die umweltengagierte Tochter Chiara und der lässige Raffi. Brunetti selbst liest immer noch griechische Klassiker, schwärmt für Musik und genießt das Essen seiner Frau Paola. Diese steht immer noch neben ihrer Literaturdozentur an der Universität stundenlang in der Küche, um Köstlichkeiten zuzubereiten und ist danach fleißig am Abspülen (warum haben Brunettis eigentlich immer noch keine Spülmaschine?). Danach ist aber immer Zeit für ein Glas hochwertigen Wein und ein gutes Buch auf der herrlichen Dachterrasse. Alles wie immer – und darin liegt zumindest einer der Reize dieser Serie. Man ist gerne bei den Brunettis. Und kluge, gern auch mal philosophische Gedanken machen diese sich auch.

Donna Leon übt über ihre Protagonisten und ihre Kriminalfälle immer wieder reichlich Kritik an Machenschaften in Politik und  Wirtschaft, an gesellschaftlichen Verhältnissen und immer wieder den Zuständen in Venedig. Manchmal ist das ein wenig aufdringlich, meist spricht sie aber Themen an, die treffen.

Bei Donna Leon Ein Sohn ist uns gegeben leidet der über achtzigjährige, wohlhabende Kunstliebhaber Gonzalo Rodriguez de Tejeda an seiner Einsamkeit. Einst von den reichen Eltern wegen seiner Homosexualität verstoßen, hat er in Südamerika viel Geld gemacht und in Rudy Adler auch einen Lebenspartner gefunden. Als dieser ihn nach langjähriger Partnerschaft verlässt, steht Gonzalo allein da, ohne Erben, ohne jemanden der ihm wirklich nah ist. Zur Schwester in Spanien hat er nur losen Kontakt, zur restlichen Familie gar keinen. Er sehnt sich nach Bindung und möchte deshalb seinen derzeitigen Liebhaber, den vierzig Jahre jüngeren Attilio Circetti Marchese di Torrebardo (!dieser Name!) adoptieren. Wie so oft, hat er freundschaftliche Bindungen zur Familie Falier, weswegen Brunettis Schwiegervater diesen bittet, Nachforschungen anzustellen. Das Umfeld rät Gonzalo natürlich heftig von der Adoption ab und lange Zeit scheint die vermutete Erbschleicherei das Hauptthema des Romans zu sein. Brunetti zögert zunächst – soll er sich einmischen? Nachforschungen gestalten sich schwieriger als gewohnt, da Signorina Elettra drei Wochen in Urlaub ist. Dann stirbt Gonzalo überraschend an einem Herzanfall.

So plätschert das Erzählte vor sich hin und man ist direkt erstaunt, als dann doch noch ein Mord geschieht. Aber auch der ist recht schnell durchschaut. Spannung und Action sind es nicht unbedingt, die man in einem Brunetti-Krimi suchen sollte. Aber was dann? Brunetti eben, und Paola, und Chiara und Raffi, die Lagune, die stets überfüllte Pizza San Marco, die Tramezzini in der Bar um die Ecke und ein cremiges Risi e bisi, dazu ein gutes Glas kühlen Wein, mit dem man sich nach dem Zuschlagen des Buches zurücklehnen kann. Zufrieden und wieder voller Vorfreude auf den nächsten Mai.

Weitere von mir besprochene Commisario Brunetti – Romane:

Donna Leon – Heimliche Versuchung 
Donna Leon – Stille Wasser

 

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Donna Leon - Ein-Sohn-ist-uns-gegeben

 

Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben
Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Diogenes Mai 2019, Hardcover Leinen, 320 Seiten
erschienen am 22. Mai 2019, € 24.00

9 Gedanken zu „Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

  1. Liebe Petra,
    so lange ist das schon her mit dem ersten Brunetti?! 1993! Ich mochte die Krimireihe auch gleich gerne, aus genau den Gründen, die du beschreibst. Endlich mal ein Kommissar, der nicht an sich selbst verzweifelt, sondern einer, der in einer „normalen“ Umgebung lebt. Und ein Fall, ich meine, es war der Umweltfall, der zwar aufgeklärt wird, über den aber nicht Recht gesprochen werden kann. Ich war auch gleich begeistert und habe mich immer auf den nächsten Band gefreut. Der ja auch zuverlässig jedes Jahr erschien.
    Ich muss aber gestehen, dass ich es nicht bis Band 16 geschafft habe. Ich habe schon bei Band 5 oder 6 die Segel gestrichen. Für die lange Distanz sind mir die Figuren dann doch zu pauschal. Nervtötend (Patta) der eine, dumm-dreist der andere (Alvise), schön, schlau und immer mit dem richtigen Freund im Hintergrund, der mehr oder weniger legal an die eine oder andere Information kommt (Elettra) die Dritte.
    Nun erzählst du aber so toll von den Brunettis, dass ich es nach der langen Abstinenz vielleicht doch noch mal mit ihnen versuchen sollte. Und mit dem venezianischen Lebensgefühl.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia, ja, auch an unseren Serienhelden lässt sich das Alter spüren 😉
      Mir geht es ja exakt wie die mit den Brunettis. Aber bei Re-Lektüre war es dann so, dass ich all diese Defizite plötzlich als angenehm empfand: keine Persönlichkeitsentwicklung, keine größeren inneren Konflikte, eigentlich gar keine erwähnenswerten Konflikte. Alles, was für mich zu einem „guten“ Buch gehört – inexistent. Ich kann den allermeisten Soft-Krimis wirklich nichts abgewinnen – und dann lese ich Brunetti! Ich rümpfe gern die Nase über die Fließband-Serienschreibe – und dann verehre ich Donna Leon! Nun, der Mensch muss Widersprüche aushalten und da ist wohl der Familieneffekt – man liebt die alte Tante, auch wenn die anderen sie schrullig und nervig finden. Lass mich wissen, wenn du mal wieder bei Brunettis vorbeigeschaut hast. Sehr gut hat mir ja auch Stille Wasser gefallen. Da ist allerdings recht wenig Venediggefühl dabei, denn da befindet sich Brunetti weit draußen in der Lagune. Liebe Grüße,
      Petra

      1. Liebe Petra,
        nun sitze ich hier und lache und freue mich darüber, wie du bei den Brunettis alle deine hohen Literaturkriterien gerne und freudestrahlend an den Nagel hängst. Dass man das darf! Ich glaube, du hast mich damit überredet, eine Leon mit in den Italien-Urlaub zu nehmen. :-). Einfach, weil es so schön ist. Und da wir gerade dabei sind: Ich schau auch schon mal den Bozen-Krimi. Nicht, weil die Handlung toll wäre, nein, nur wegen der Landschaften, die wir wiedererkennen und die manchmal so gar nicht zusammenpassen.
        Hoffentlich liest uns keiner. Dann nimmt kein Leser mehr unsere Literatur-Ansprüche ernst :-):-):-).
        Einen schönen Abend wünscht Claudia

  2. Also die Brunettis haben mich nie gereizt. Alles so Schema F, einmal einen Fall gelesen und es als sehr durchsichtig empfunden. Aber du erzählst wirklich schön von ihnen. Und ein Glas Wein auf der Dachterasse und ein Buch, da kann man wirklich nix gegen sagen! 😉

      1. Die Abweichungen im eigenen Leseverhalten sind doch die spannendsten. Und auch immer interessant, bei welchen Titeln oder Reihen man eine Ausnahme macht und seine sonst doch recht strengen Bewertungsrichtlinien beiseite lässt. Bei mir ist das z.B. bei Ben Aaronovitch oder Stuart MacBride der Fall. Irgendwas da dran fesselt dann oder lässt einen gleich wieder in einen bekannten Kosmos eintauchen.
        Beste Grüße, Marius

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