Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella

Peter Weyden  – Stella Goldschlag

„Es ist weder leicht noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, dass man es tun muss; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selber oder unsere Kinder betreffen.“

Primo Levi – Die Untergegangenen und die Geretteten 1986, Motto 

Zu Beginn des Jahres rüttelte ein kleines Buch die Literaturwelt gehörig durcheinander. Stella von Takis Würger. Das lag zum einen an der Thematik des Buches, die durchaus heikel und sensibel zu nennen ist (eine Jüdin verriet in den Jahren nach 1943 aus Angst vor der eigenen Deportation und der der Eltern Hunderte anderer Juden an die Gestapo), andererseits aber ganz gewiss auch am Werbeaufwand, für den sich der publizierende Hanser Verlag, ein Schwergewicht der Branche, entschieden hat, und der so in gar keinem Verhältnis zum literarischen Gewicht des Buches stand. Da wurden geheimnisvolle Briefe an Influencer der Buchszene geschickt („Hätten Sie zu Stella gehalten?“), verschlüsselte Werbekampagnen gestartet und schließlich das Buch mit gehöriger Wucht in den Markt gedrückt. Das geschah mit einigem Erfolg, aber auch mit einer gehörigen Portion Gegenwind.

Nahezu das komplette Feuilleton verriss das Buch und empörte sich nicht nur über das „Machwerk“, sondern auch über seinen Autor Takis Würger in einer mir in seiner Härte immer noch recht unbegreiflichen Art und Weise.

„Das schöne Paar“ Stella und Rolf Isaaksohn (links)©Landesarchiv Berlin

 

Da war von „Schund, der noch nicht mal als Parodie durchgeht“ und von „Shoah Kitsch“ die Rede, für einen Kritiker wurde das Buch zum „Symbol einer Branche, die jeden ethischen und ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint“ und dem Autor wurde vorgeworfen, „Nationalsozialismus als bloße Kulisse für eine ansonsten eher mittelmäßig erzählte Liebesgeschichte (zu) nutzen.“ Harter Tobak. Ein noch recht junger Autor (Jahrgang 1985) wurde mit seinem zweiten Buch in Grund und Boden gestampft. Eine Strafanzeige wegen „Verdachts der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ kam hinzu. Besonders unkommentierte Zeugenaussagen vor einem sowjetischen Militärtribunal aus dem Jahr 1946, die der Autor in seinen Roman eingebaut hat, wurden kritisiert als „erkennbar deswegen eingefügt, um die Person der Stella zu schmähen und so eine größtmögliche Auflage zu erzielen“.

Nun ist „Stella“ von Takis Würger erkennbar ein Roman, ein fiktives Werk, das lediglich inspiriert von tatsächlichen Ereignissen erzählt wird. Dass reale historische Personen fiktionalisiert werden, ist nun nichts Neues. Wie eng sich ein Autor dabei der Wahrheit verpflichtet fühlt, ist weitestgehend seiner künstlerischen Freiheit überlassen (sofern keine Persönlichkeitsrechte verletzt werden, die in der Regel mit dem Tod der Person enden). Und „Holocaust-Kitsch“ ist gerade auch in amerikanischen Werken leider oft zu finden.

„Wenn jedoch ein Nachkriegsdeutscher“, schreibt Anwalt Karl Alich, „zumal des Jahrgangs 1985, das Thema des Verrats von Juden an Juden im Auftrag der Gestapo zum Romanthema macht, dann ist nicht nur doppelte Vorsicht geboten, dann verlangt dies auch die erforderliche sittliche und moralische Reife und den unbedingten Respekt vor den Opfern des Holocaust.“

Ist das der Vorwurf, dass ein „Nachgeborener“ nicht die moralische Reife für das Thema besitzt? Oder gar nicht die literarischen Mittel dafür?

Stella Goldschlag
Stella Goldschlag und Peter Weyden als Kinder ©Archiv Peter Weyden

Ohne Frage, das Thema verdient eine besonders sensible Behandlung und jedweder leichtfertige oder gar relativierende Umgang damit verbietet sich. Ist aber tatsächlich eine um die „Greiferin“ Stella Goldschlag, um das „blonde Gift“ herumgestrickte Liebesgeschichte mit einem eher blassen, wenig überzeugenden Schweizer Jungen, der einen Berlinaufenthalt im Jahr 1942 als eine Art Abenteuerurlaub ansieht, wirklich schon leichtfertig? Ist die Tatsache, dass der tragischen Geschichte der Stella Goldschlag nur sehr oberflächlich verkürzt und literarisch wenig überzeugend genüge getan wird, schon verwerflich? Und ist nicht jedes Schreiben über den Holocaust eine Kommerzialisierung, da jede Veröffentlichung, so seriös sie auch sein mag, letztlich auf Erfolg aus ist?

 

Wer sich wirklich für die Thematik interessiert – und dass das mittlerweile so einige Leser*innen sind, ist sicher ein Verdienst zumindest auch von „Stella“ – der sollte lieber gleich zu Peter Weydens bereits 1993 erschienenem biografischen Buch „Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte“ greifen. Das Buch erschien damals im Steidl Verlag und war nun lange Zeit vergriffen. Der Skandal um „Stella“ verhalf ihm zu einer Neuauflage. Welch ein Glück!

Peter Weyden, ehemals Weidenreich, geboren 1923, war in den Jahren von 1935 bis 1937 ein Klassenkamerad von Stella Goldschlag an der Goldschmidt Schule und wie alle Jungen der Schule, wie er schreibt, in das bildhübsche, strahlende Mädchen verliebt. 1937 emigrierte er mit seinen Eltern in die USA und kehrte 1945 als Angehöriger einer Spezialeinheit für psychologische Kriegsführung der US Army nach Deutschland zurück. Durch Zufall hörte er von der „Greiferin“, die er alsbald als seine ehemalige Klassenkameradin Stella identifizierte. Seine Neugier war geweckt. Wie war es möglich, dass das behütete Einzelkind Stella, der intelligente, umschwärmte „Star“ der Schule, das Mädchen mit der großen Ausstrahlung und dem enormen Selbstbewusstsein zu einer Frau wurde, die zusammen mit anderen Juden, allesamt wie sie mit äußerst „arischem“ Aussehen, gnadenlos Hatz auf untergetauchte Juden machte, diese denunzierte, teilweise selbst verhaftete und der Deportation und damit dem nahezu sicheren Tod auslieferte?

Ein Thema, das den Journalisten Peter Weyden über Jahrzehnte nicht losließ. Er konsultierte Archive, stöberte in Akten und Protokollen, die nach Kriegsende bei den zweimaligen Anklagen gegen Stella Goldschlag verfasst wurden (zehn Jahre Straflager wurde von einem sowjetischen Militärtribunal verhängt, weitere zehn Jahre, deren Verbüßung aber durch die erste Strafe als abgegolten angesehen wurde, durch ein deutsches Gericht), führte unzählige Interviews mit Zeitzeugen. Ein großer Quellenanhang ist dem Buch beigefügt.

Stella Goldschlag ©Landesarchiv Berlin

Weydens Spurensuche, die von der großen Faszination gespeist wurde, die Stella auf sein jüngeres Ich ausübte, und die immer mit autobiografischen Bezügen versehen wird, verknüpft auf eindrucksvolle Weise das Einzelschicksal mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen im Deutschland der Dreißiger und Vierziger Jahre, den historischen Ereignissen und dem politischen Kontext. Er zeigt darin sowohl großes Einfühlungsvermögen als auch eine enorme Fähigkeit zur Differenzierung. Das Verhalten Stellas wird nicht entschuldigt, geschweige denn gerechtfertigt, aber er erweist der Person immer Respekt, analysiert ihre Zwangslage, ihren Selbsthass, den tiefen Wunsch „dazuzugehören“, die Ablehnung alles „Jüdischen“, das enorme Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, aber auch ihre erschreckende Uneinsichtigkeit und geradezu Arroganz nach Kriegsende. Kein Urteil zu fällen, brachte Peter Weyden gerade in den USA heftige Vorwürfe gerade auch von Holocaustüberlebenden ein. Dazu trug sicher auch bei, dass Weyden direkten Kontakt zu der mittlerweile nach fünf Ehen (der erste Mann, Manfred Kübler wurde 1943 in Auschwitz ermordet, der zweite, Rolf Isaaksohn agierte mit ihr als „Greifer“) vereinsamt unter geändertem Namen in Freiburg lebenden Stella aufnahm. Auch mit ihrer 1945 geborenen, in Israel lebenden Tochter Yvonne, die zeitlebens jeden Kontakt zur Mutter ablehnte, führte er Gespräche.

Das ist ein großer, ein tragischer, ein hochinteressanter Stoff, dem Takis Würger in seinem Roman „Stella“ in keiner Weise gerecht wird, dies aber wohl auch gar nicht anstrebte. Auch wenn dem Text mitunter sein Alter etwas anzumerken ist, manche Dinge zurecht hinterfragt werden können (wie z.B. die Beurteilung, dass es „den Typ“ von Überlebenden gäbe oder die starke Reduzierung von Stella auf ihre äußeren Reize, ihre laszive Ausstrahlung, die für viele Männer das Verhängnis gewesen wären), ist das Buch eine absolut lesenswerte, wichtige Lektüre.

Empfohlen sei auch das 2017 erschienene Dokudrama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, das das Untertauchen von Juden in Berlin zum Thema hat. Einige Szenen und Figuren kamen mir nach der Lektüre von Peter Weydens Buch sehr bekannt vor. Auch Stella Goldschlag hat einen kleinen Auftritt.

 

Die Fotos sind im Buch abgedruckt.

 

Das Netzt quillt über von Besprechungen über Takis Würgers Stella und auch das Feuilleton hat mannigfaltige Beiträge dazu zu bieten, hier aus der Bloggerwelt nur stellvertretend einige wenige: Frau Hemingway, Lesen in vollen Zügen, Travelwithoutmoving und Frau Lehmann liest

Frau Hemingway hat auch Peter Weydens Buch gelesen und besprochen

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Peter Wyden - Stella Goldschlag.

Peter Weyden – Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte

Vorwort von Christoph Heubner
Übersetzt durch Ilse Strasmann

Steidl Februar 2019, fester einband, 384 Seiten, € 20.00

8 Gedanken zu „Peter Weyden Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella

  1. Liebe Petra, danke für die differenzierte Betrachtung. Takis Würgers Buch ist ein Roman. Dass sich jetzt doch einige Leute mit dem Buch Peter Weyden und der Gesamtproblematik beschäftigen, ist ja nicht zuletzt diesem Roman zu verdanken. So ging es mir auch. Ich wollte mehr wissen und habe des Buch von Weyden gelesen. Bei der Bewertung der Bücher bin ich ganz bei Dir. liebe Grüsse

    1. Liebe Biggi, das freut mich, das wir das so ähnlich sehen. In den verschiedenen Kanälen war die Stimmung so extrem polarisiert – Für oder Gegen. Das wurde sicher durch die sehr offensive Werbung verstärkt. Hat dem Buch (abgesehen von den Verkaufszahlen) eher nicht so gut getan. LG

  2. Peter Weydens Buch würde mich auch interessieren. Ich war von Würgers “Stella“ relativ ernüchtert, allerdings war die Heftigkeit der Reaktionen auch arg überzogen. Insofern finde ich deine Einordnung hier äußerst gelungen.

  3. ich war bei einer Lesung von „Stella“ und muss sagen, das Takis Würger gut daraus gelesen hat und ich einen spannenden Abend hatte. natürlich hatte sich auch bei dieser Lesung eine Diskussion entsponnen… das gesamte buch habe ich nicht gelesen, weil ich derart Bücher nicht mag (dabei meine ich „die schreibe“, nicht das Thema) allerdings empfinde ich es auch als schwierig, eine reale Person in eine fiktive Geschichte einzubauen. vor allem, wenn soviel bekannt ist und es sich dann um so ein sensibles Thema handelt. dennoch empfand ich die harsche Kritik auch sehr extrem.
    und ich denke, dass durch dieses buch, das so sehr in der Kritik stand, das Interesse an der wahren Stella um einiges gewachsen ist, was nun immerhin dazu führt, dass menschen sich mit der traurigen/harten Geschichte dieser jungen Frau beschäftigen. ich habe vorher NOCH NIE von ihr gehört. somit vielen dank an dich für diese tolle Rezension und dem auseinandersetzen mit diesen beiden Büchern <3 😀

    1. Danke für deine Meinung, die mich sehr freut. Für mich ist auch das Wichtigste und absolut Anerkennenswerte von Würgers Buch, dass dadurch diese, auch mir ziemlich unbekannte Geschichte Interesse geweckt hat. Das Buch selbst ist, wie alles, Geschmackssache. Viele Leser*innen sind sehr begeistert davon, ich fand es eher ein wenig dünn. Viele Grüße, Petra

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