Marie-Alice Schultz Mikadowälder

Wie ein mehr oder weniger zufällig geworfener Haufen Mikadostäbchen sich berührt, vernetzt, ineinander verkantet, so berühren sich auch die Protagonisten von Marie-Alice Schultz in Mikadowälder durch Familienbande, Liebe oder Freundschaft. Was passiert nun, wenn man einen der Stäbe entfernt, oder gar mehrere? Wenn man, nicht ganz regelkonform, neue Mikadostäbchen hinzufügt? Verliert das Gebilde seine Stabilität, wackelt oder bricht gar ganz ein? Oder, bleibt es unberührt?

Das „Stäbchen“ Ruth wurde vor einiger Zeit entfernt. Die energiegeladene, sprunghafte Malerin Ruth ist tot. Ihr Mann Tsarelli, ehemaliger Diskuswerfer und Sportlehrer, hat diesen Verlust noch nicht verwunden. Überall sind noch Spuren von Ruth. Dabei muss er sich doch um Oskar, seinen elfjährigen Enkel kümmern. Dieses Kind ist ein besonderes. Still und in sich gekehrt, aufgeweckt und mit jeder Menge ungewöhnlicher Gedanken und Fragen gesegnet, beschäftigt er sich am liebsten allein in seinem Zimmer mit dem „Kistenprojekt“. Hundert Kisten unterschiedlicher Größe will er zusammenbauen und mit Luft füllen. Wozu weiß er selbst nicht, ist ihm aber auch nicht wichtig. Die Kisten füllen fast schon die kleine Wohnung aus, die er mit seiner Mutter Mona, Tsarellis und Ruths Tochter, bewohnt.

Mona ist Künstlerin wie ihre Mutter, aber irgendwie ist sie ausgebrannt, statt Kreativität scheint Stillstand ihr Leben zu bestimmen. Die Sorge um Oskar gibt sie immer mehr an ihren trauernden Vater ab. Ihre Trauer ist anderer Art. Seitdem sie Eric, den Vater von Oskar, den Lebenskünstler, der nicht verstehen kann, warum er nicht Mona und Valerie gleichzeitig lieben kann, verlassen hat, scheut sie jede feste Bindung. Auch auf eine wirkliche Beziehung zum soliden, zuverlässigen Journalisten Johannes kann sie sich nicht wirklich einlassen.

Eigenwillige Charaktere

Tsarelli und die verstorbene Ruth, Mona und Oskar, Eric, Valerie und Johannes also. Dazu kommen noch Tsarellis bester Freund, der Schachspieler Georgi, wie er einst aus dem zerfallenden Jugoslawien geflüchtet, und seine launische Frau Dina, die Klavierlehrerin und beste Freundin Ruths, die ihn vor längerem verlassen hat und nun in einer eher unbefriedigenden Beziehung mit einem Geiger lebt. Georgi kann sich mit dieser Trennung nicht abfinden, immer noch hofft er auf eine Rückkehr Dinas. Ja, er heckt sogar einen Plan aus, sie zurückzugewinnen, in dem Musik, Tsarelli, Oskar und dessen Fast-Freund, der Klavierschüler Theo eine Rolle spielen sollen.

Sie alle scheinen in einem oft recht fragilen Gleichgewicht sich mal gegenseitig zu stützen, mal zu blockieren, ganz so wie die Spielhalme beim Mikado.

Marie-Alice Schultz schreibt mit diesen leicht schrägen Protagonisten einen wunderbaren, warmen Familienroman, mit viel Gefühl und ganz ohne Kitsch, stimmungsvoll, leise und melancholisch. Der Text mäandert durch dieses Beziehungsgeflecht, wechselt ständig die Perspektiven ohne verwirrend zu sein und zeichnet anrührende Miniaturen aus dem Leben dieser Menschen. Schließlich wagt er auch eine leise Botschaft: nämlich dass es so etwas wie lebenslange Bindungen gibt, und wie wichtig und wertvoll sie sind. Und dass es nie zu spät ist, im Leben „Bitte wenden“ zu sagen. Und dass es sich lohnt, den Mut dazu aufzubringen.

 

Beitragsbild: Willi Heidelbach de Pixabay

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Schultz - Mikadowälder.

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Marie-Alice Schultz – Mikadowälder

Rowohlt April 2019, gebunden, 320 Seiten, € 22,00

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