Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal

Romy Hall ist 29, hat einen kleinen Sohn – und ist eine „Lebenslängliche“. Genauer gesagt, verbüßt sie eine 2mal lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes im Frauengefängnis Stanville, das an das Central California Women’s Facility (CCWF) in Chowchilla im nordkalifornischen Central Valley angelehnt ist. Sie hat einen Stalker, Ex-Kunde des Stripclubs Mars Room in San Francisco, in dem sie arbeitete, erschlagen, nachdem dieser sie in Los Angeles, wohin sie sich vor seinen Verfolgungen geflüchtet hatte, aufgespürt hat.Sie ist die Protagonistin in Rachel Kushner  Ich bin ein Schicksal, der in einem Frauengefängnis spielt.

Romy hat eine typische Straffälligen-Karriere hinter sich. In der Kindheit von einer drogen- und alkoholabhängigen Mutter vernachlässigt, früh sexuell missbraucht und durch einschlägigen Umgang mit Drogen vertraut, waren Sexarbeit und frühe Schwangerschaft die nächsten Stationen. Irgendwie hat sie sich immer durchgemogelt und in L.A. die Hoffnung auf einen Neuanfang gefasst. Aber da stand dann eines Tages der Vietnam-Veteran Kurt Kennedy auf ihrer Terrasse.

Gefängnisalltag

Die Leser*in lernt Romy bei ihrer Überstellung nach Stanville kennen. Da hat sie bereits die Untersuchungshaft und ihren Prozess hinter sich. Sie ist die Ich-Erzählerin in Rachel Kushners Roman „Ich bin ein Schicksal“. Mit ihr lernen wir den Gefängnisalltag kennen, mit seinen Überlebenstricks und seinen Hackordnungen. Wenn auch nur ein Bruchteil der geschilderten Bedingungen wahr ist, kann man nur hoffen, dass diese sich seit 2003, der erzählten Zeit, verbessert haben.

Prison by Falkenpost auf Pixabay

Dabei schildert Kushner die Frauen im Gefängnis durchaus nicht als Opfer. Ob es die im Todestrakt einsitzenden Betty La France, die die Ermordung ihres Ehemanns in Auftrag gegeben hat , und Candy Peña, die wählen muss zwischen Todesspritze oder Gas, die Transsexuellen Conan und Serenity Smith, die Kindsmörderin Laura Lipp oder die erst 15 jährige Button Sanchez ist, alle werden äußerst ambivalent gezeichnet und durchaus nicht von Schuld oder Verantwortung freigesprochen. Es sind keine „guten“ Menschen, die dort einsitzen, aber es sind eben Menschen. Auch wenn wir durch die Ich-Perspektive immer ganz nah an Romy dranbleiben, wird sie an keiner Stelle zur Sympathieträgerin. Aber dennoch kann man als Leser*in mitfühlen.

Sozialreportage

Rachel Kushner ist das in Ich bin ein Schicksal sehr gut gelungen. Dennoch sind auch gewisse sprachliche Mängel und formale Schwächen zu verzeichnen. Dadurch, dass ein Großteil des Buchs im Gefängnis spielt, ist nahezu kein Handlungsplot vorhanden, was auch die vielfältigen Rückblenden nicht ausgleichen können. Manches schildert Kushner etwas zu plakativ und überzeichnet. Spät im Buch eingeführte auktoriale Passagen über den Gefängnispädagogen Gordon Hauser, der eine Schwäche für Romy entwickelt und ihr zu der Drahtzange verhilft, mit deren Hilfe ihr schließlich die Flucht gelingt, und einen zum Mörder gewordenen Ex-Polizisten wirken etwas angestrengt. Ebenso eingeschobene (fiktive) Aufzeichnungen des als „Unabomber“ bekannt gewordenen Theodore Kaczynski, der als Anhänger eines naturzentrierten Anarchismus zwischen 1978 und 1995 16 Briefbomben verschickte, durch die drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden. Neben ihm wird auch Henry David Thoreau eingeführt und mit ihm eine Brücke zum zivilen Ungehorsam des Gordon Hauser geschlagen. Beides nicht unbedingt überzeugend.

Dennoch ist das Buch lesenswert. Es bietet einen lohnenswerten Einblick in den US-amerikanischen Gefängnisalltag, in das Leben der „Abgehängten“, für die San Francisco nicht die Stadt der Golden Gate und der atemberaubenden Ausblicke, sondern ein verdammt kalter Ort ist. Rachel Kushners Buch ist auch eine Kritik am Neoliberalismus und eine umfassende Sozialreportage.

 

Beitragsbild: Rally at Chowchilla Valley State Prison for Women by Daniel Arauz (CC BY-SA 2.0) via Flickr

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Rachel Kushner - Ich bin ein Schicksal.

Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal

übersetzt von: Bettina Abarbanell

Rowohlt Juni 2019, gebunden, 400 Seiten, € 24,00

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