Fernando Aramburu – Langsame Jahre

Fernando Aramburu Langsame Jahre ist bereits 2012 erschienene  und entgegen dem äußeren Anschein alles andere als nur eine Vorstudie zu seinem großen und großartigen Roman „Patria“. Mit diesem erzielte Aramburu 2018 auch in Deutschland einen beachtlichen Erfolg, nachdem er bereits in Spanien zum absoluten Bestseller geworden war.

Die fast 800 Seiten dicke Erzählung über zwei baskische Familien und die ETA hat zwar einiges mit dem eher schmalen Vorgänger gemeinsam, etwa Ort und Thema und auch die sprachliche Experimentierfreude des Autors, ist aber auch in Vielem ganz anders.

Im Mittelpunkt stehen die Sechziger Jahre im Baskenland und der damals achtjährige Txiki. Er ist der Erzähler, der an den „Herrn Aramburu“ Briefe schreibt und von seiner Kindheit erzählt. Zweck ist, dass der Schriftsteller daraus ein Buch macht.

Die Langsamen Jahre

Die Sechziger Jahre in Spanien waren jene „ Langsamen Jahre “ von denen Fernando Aramburu schreibt, die späten Jahre der fast vierzig Jahre andauernden Diktatur Francos, der Diktator selbst schon vom Verfall gezeichnet.

„Es war, als lebte man in anderen Ländern schneller; die Moden wechselten in relativ kurzen Abständen, mehr Dinge passierten, oder es passierte überhaupt etwas.“

Die Sechziger Jahre waren auch durch das Heranwachsen der Untergrundorganisation ETA (Euskadi Ta Askatasuna) geprägt. Diese strebte einen sozialistisch geprägten, von Spanien unabhängigen baskischen Staat an, der auch die Region Navarra und das französische Baskenland umfassen sollte. Ähnlich wie in Katalonien wurden diese Unabhängigkeitsbestrebungen von Francos Diktatur streng unterdrückt. Gleichzeitig war die wirtschaftliche Lage bedrückend.

San Sebastian Aramburu Langsame Jahre
San Sebastian by Nigel Swales (CC BY-SA 2.0) via Flickr
Familie Barriola

Darunter leidet auch die Familie von Txiki. Die Mutter, vom Vater verlassen, muss ihre drei Kinder allein durchbringen. Da ihr das nicht möglich ist, wird Txiki in die Obhut seiner Tante Marpuy nach San Sebastian gegeben. Die Familie Barriola ist selbst nicht vermögend, der Vater Vicente Arbeiter in der Seifenfabrik. Txiki teilt das Zimmer mit seinem deutlich älteren Cousin Julen. Julen wird als Hitzkopf und Tunichtgut geschildert. Sein Herz gehört der baskischen Bewegung, die verbotene Flagge, die Ikurrina, versteckt er unter seinem Bett.

Durch den Pfarrer Don Victoriano angestachelt, schließen sich die jungen Männer reihenweise der Untergrundbewegung an. Es dauert nicht lange, da muss Julen nach Frankreich fliehen. Die Cousine Mari Nieves hat wiederum andere Probleme. Sie führt ein sexuell sehr freizügiges Leben und wird mit siebzehn schwanger. Das ist natürlich ein Skandal, ein Ehemann muss herbei. Da sie aber nicht sagen kann, wer der Vater des erwarteten Kindes ist und alle möglichen Kandidaten es rundheraus ablehnen, sie zu heiraten, wird der minderbemittelte Chacho zum Bräutigam bestimmt.

Die Familienkonstellation der Barriolas ist ähnlich wie in „Patria“. Der hitzköpfige, zu Grobheit neigende Sohn, der schwache, friedliebende Vater, die resolute, starke, aber auch recht gefühlsarme Mutter, das triste, freudlose Milieu. Auch erfährt die Familie ein ähnliches Schicksal. Als Julen nach einiger Zeit wieder offiziell nach Hause zurückkehren kann, brodeln die Gerüchte. Von Verrat ist die Rede, von Kollaboration mit den Spaniern. Die politisch aufgestachelten Menschen beginnen die Familie zu meiden, sie anzufeinden, selbst Freunde und Nachbarn.

Fernando Aramburu Langsame Jahre erzählt sozusagen den Beginn der ETA-Zeit, die Jahre, die vor „Patria“ liegen.

Ikurrina airean Aramburu
Ikurrina airean by Joxemai [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons
Leichter Ton

„Herr Aramburu“, der aus Txikis Geschichte ein Buch machen soll, verspürt eine gewisse Scham gegenüber den Barriolas. Auch er hat einst dem Vater Vicente den Gruß verweigert. Was aus dieser kollektiven Ideologisierung und Radikalisierung erwachsen kann, das hat Aramburu dann in „Patria“ in aller Ausführlichkeit beschrieben.

Auch dort konnte man durchaus Humor finden, „Langsame Jahre“ ist aber dennoch deutlich heiterer und leichter. Abwechselnd mit den Erzählungen Txikis sind 39 Notate des Verfassers „Herr Aramburu“ eingefügt. Das lässt das Buch wie eine Art Blick in die Werkstatt des Autors oder eine Materialsammlung erscheinen, ist aber ein bedacht gewähltes Stilmittel. Dort stehen für den Autor noch zu klärende Fragen, Pläne oder auch Ermahnungen. Das klingt dann etwas so:

„Kurze knappe Beschreibung des Txindoki (bloß nicht in die typische ländlich-sentimentalistische Naturidyllisierung verfallen)“

oder

„Ein paar Einzelheiten, um Eulalia, die Frau von José Mari, ins Bild zu setzen: klein, verhärmt, ihr Mann schlägt sie, und jeder im Viertel weiß das, irgendeine weitere Äußerlichkeit oder Charaktereigenschaft, die ihre verzagte Natur zum Ausdruck bringt, und damit Schluss, dies ist ja kein Roman des 19.Jahrhunderts.“

Mir hat dieser originelle, verschmitzte Ton gefallen. Die tragische Geschichte, die in zurückhaltendem, nüchternem Ton erzählt wird, wird dadurch leicht, verliert aber nicht ihren Ernst.

Auch wenn natürlich die Qualität von „Patria“, das eines meiner Lese-Highlights des vergangenen Jahres war, noch nicht erreicht wird, ist „Langsame Jahre unbedingt lesenswert. Hier wird eindrucksvoll erzählt, wie in einem Milieu der Armut, der Perspektiv-, Sprach- und Lieblosigkeit Radikalisierung und Gewalt wachsen können. Außerdem macht der Text einfach viel Spaß beim Lesen.

 

Beitragsbild: Ikurrina by Gadjodilo [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons

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Fernando Aramburu - Langsame Jahre.

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Fernando Aramburu – Langsame Jahre                                                      übersetzt von: Willi Zurbrüggen                                                                    Rowohlt Juni 2019, gebunden, 208 Seiten, € 20,00                         

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