Lektüre Juli 2019

Meine Lektüre im Juli 2019 wurde natürlich sehr von meinen Urlaubswochen in Südfrankreich bestimmt. Einerseits lange Tage am Meer oder Pool, andererseits aber eine unternehmungslustige Familie um mich herum und Ort und Plätze, die erkundet werden wollten. Insgesamt stand deshalb nicht mehr Zeit zum Lesen zur Verfügung, aber alles war entspannt und gut. Vielleicht habe ich auch deswegen alle gelesenen Romane als ausgesprochen angenehme Lektüre in Erinnerung, neue Bücher, Bestseller und Geheimtipps. Wahrscheinlich sind es aber auch einfach sehr gute Bücher.

 

Marie-Alice Schultz – Mikadowälder

 

Marie-Alice Schultz - Mikadowälder Geplant war das Buch „Mikadowälder“ eigentlich als Vor-Urlaubs-Lektüre. Wenn ich damit nicht fertig werde und es ist nicht so doll, bleibt es eben zuhause, habe ich gedacht. Dass es dann doch den Weg nach Südfrankreich antreten durfte, sagt schon viel darüber, wie gut es mir gefallen hat. Es erzählt eine Art weit gesteckte Familiengeschichte, denn neben getrennt lebenden Eltern und deren neuen Partnern spielen noch der Großvater und die verstorbene Großmutter und deren Freunde eine Rolle. Und natürlich der kleine Oskar, Meister der Kistenbauer, und der Plan, eine verlorene Liebe mithilfe der Musik zurückzuholen. Das ganze ist herzenswarm, ein bisschen versponnen und hat mir sehr gut gefallen.

 
Saša Staničić – Herkunft

sasa stanicic - Herkunft

Saša Staničić, 1992 mit seiner Familie aus dem bosnischen Višegrad auf der Flucht vor den ethnischen Verfolgungen während des Jugoslawienkriegs nach Deutschland gekommen, denkt über Herkunft nach. Anlass ist (nicht nur) die zunehmend in Demenz versinkende Großmutter, es sind auch die Tendenzen in Deutschland und Europa hin zu einem neuen Nationalismus. Staničić ist ein Sprachspieler und sein Umgang mit der deutschen Sprache einfach wunderbar. Seine Geschichten sind stets von einer enormen Menschenfreundlichkeit getragen. Und wenn auch in „Herkunft“ etwas weniger Witz und Ironie durchschimmert als in vergangenen Büchern, ist es dennoch äußerst vergnüglich zu lesen, wie er die Zeiten und Geschichten durcheinanderwirbelt, von poetischen Episoden zu fantastischen Erfindungen, zu geschichtlich-politischen Betrachtungen und zu autobiografischen Erinnerungen springt. Seiner Großmutter hat Saša Staničić neben vielen anderen hier im Buch „Herkunft“ ein wunderbares, berührendes Denkmal gesetzt. Unbedingt lesen!

 
Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal

 

Rachel Kushner - Ich bin ein Schicksal Weil sie einen Stalker, einen ehemaligen Kunden im Stripclub Mars Room erschlagen hat, verbüßt Romy Hall eine zweimal lebenslängliche Strafe im Frauengefängnis Stanville im kalifornischen Central Valley. Sie ist die Ich-Erzählerin in Rachel Kushners neuem Roman „Ich bin ein Schicksal„, übersetzt von Barbara Aberbanell. Viel erfährt die Leser*in vom amerikanischen Gefängnisalltag zu Beginn des Jahrtausends und kann nur hoffen, dass sich da etwas verbessert hat, glaubt aber nicht wirklich dran. 
Die Verachtung des Gefängnispersonals, die Gewalt und Verrohung der Insassinnen, die Hackordnungen und die kleinen Tricks, um dem Alltag ein wenig zu entfliehen. Auch wenn manches etwas plakativ und überkonstruiert scheint, ein sehr lesenswertes Buch, das auch Platz für Sozialreportage und Systemkritik bietet.

 
Gunther Geltinger – Benzin

Gunther Gelltinger - Benzin

Ein Paar in der Krise. Der Schriftsteller Vinz und der Biologe Alexander sind seit zwanzig Jahren ein Paar, mittlerweile auch verheiratet, lassen sich in ihrer offenen Beziehung aber jegliche sexuelle Freiheiten. Nur Liebe, echte Gefühle, eine Affäre, das ist nicht vorgesehen. Aber genau das ist es, was Vinz mit dem deutlich jüngeren Manuel erlebt. 
Eine (letzte?) Reise führt die beiden nach Südafrika. Abseits der Touristenpfade, unterwegs mit einem Leihwagen auf kleinen Straßen sind sie unterwegs, als sie in der Dämmerung einen jungen Mann anfahren und verletzen. Sie bringen schuldbewusst Unami in sein Dorf und fühlen sich verpflichtet, sein Angebot, sie zu den Viktoriafällen nach Zimbawe zu führen, anzunehmen. Oder steckt da noch mehr dahinter? Unami (“ un ami“) wird mehr und mehr zur Projektionsfläche der Sehnsüchte und verdrängten Gefühle von Alexander und Vinz. Gleichzeitig scheint aber auch der junge Afrikaner ein eigenes Spiel zu betreiben. Als dem Leihwagen das Benzin ausgeht und gleichzeitig Unruhen zum Sturz des Diktators Robert Mugabe ausbrechen, spitzt sich die Situation zu. Formal anspruchsvoll, mit nicht immer ganz nachvollziehbaren Zeitsprüngen, ständigen Referenzen zu dem von Vinz zu schreibenden dritten Roman, dem das „Afrikaabenteuer“ Stoff liefern soll, und einem Protagonisten, der in seiner Egozentrik nicht nur unangenehm ist, sondern in seinem Denken und Handeln für mich nicht nachzuempfinden, ist „Benzin“ dennoch unbestritten ein gutes Buch. Trotz der Dichte an Themen – Erotik, Selbsthass, westliche Schuldgefühle und westliche Arroganz, Tourismus, soziale Medien, Flucht und Vertreibung, Aids, Krieg, Korruption, Homophobie – wirkt das Buch nicht überfrachtet. Es ist komplex, manchmal wuchtig, fordernd, aber sprachlich und auch formal sehr reizvoll.

 
Maxim Leo – Wo wir zu Hause sind

 

Maxim Leo - Wo wir zu Hause sind Wo wir zu Hause sind“ 1970 in Ost-Berlin geboren, kam Maxim Leo auf der Hochzeitsfeier seines Bruders in einem brandenburgischen Herrenhaus, zu der die weitverzweigte Familie nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Österreich, Frankreich, England und Israel angereist war auf die Idee zu diesem Buch. Leo, für den nach eigenem Bekunden Familie immer etwas war wo „vier Menschen um einen Tisch sitzen“, spürte einmal mehr, dass seine Familie keine „typische“ ostdeutsche Familien ist und war und wollte ihrer Geschichte genauer nachforschen. 
Fast die komplette Familie Leo musste nach der Machtergreifung Hitlers Deutschland verlassen. Nicht nur, weil viele von ihnen in kommunistischen und sozialistischen Organisationen tätig waren, sondern weil die Familie als „jüdisch“ galt. Maxim Leo folgt ihren Wegen und konzentriert sich dabei auf drei Frauengestalten, Ilse, die sich in Frankreich der Résistance anschloss, Irmgard, die nach Israel in einen Kibbuz zog und Hilde, die mit ihrem Sohn André in England Zuflucht fand und Fotografin wurde.
Ich bin dieser so liebevoll wie nachdenklich erzählten Familiengeschichte gern gefolgt und sehr froh, dieses Buch entdeckt zu haben.

 
Fernando Aramburu – Langsame Jahre

 

Langsame Jahre“ von Fernando Aramburu ist viel mehr als einFernando Aramburu - Langsame Jahre - Vorläufer des hochgelobten und auch von mir sehr geschätzten Romans „Patria“.
Der kleine Txiki wird in den Sechziger Jahren in die Obhut der Tante nach San Sebastian gegeben, da seine Mutter zu arm ist, um ihn großzuziehen. Hier erlebt er die Radikalisierung seines Cousins Julen, der sich der ETA anschließt, und die Ideologisierung der Gesellschaft. Fünfzig Jahre später schreibt er diese Geschichte an „Herrn Aramburu“, damit dieser ein Buch daraus macht.
Auch wenn die Qualität von „Patria“, das eines meiner Lese-Highlights des vergangenen Jahres war, noch nicht erreicht wird, ist „Langsame Jahre“ unbedingt lesenswert. Hier wird eindrucksvoll erzählt, wie in einem Milieu der Armut, der Perspektiv-, Sprach- und Lieblosigkeit Radikalisierung und Gewalt wachsen können. Außerdem macht der Text einfach viel Spaß beim Lesen. Der Autor spielt auf einer Metaebene mit seiner Identität als Erzähler, fügt noch zu klärende Fragen, Pläne oder auch Ermahnungen an sich selbst als Schreibenden in Form von 39 Notaten hinzu. Mir hat dieser originelle, verschmitzte Ton gefallen. 

 

 
Maylis de Kerangal – Eine Welt in den Händen

 

Maylis de Kerangal - Eine Welt in den Händen Die Geschichte von Paula Karst und zwei Kommilitonen am Brüsseler Institut de peinture führt tief hinein in die Welt der Dekorationsmalerei, des Kunsthandwerks, des Tromp l´œil, also der Illusionskunst, der Nachahmung von Materialien mithilfe der Malerei. Aber natürlich stehen auch Fragen zum Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion, Fakt und Fiktion damit zur Debatte. Ihr Beruf führt Paula in die Welt, als Kulissenmalerin in die Cinecittà nach Rom und nach Moskau und schließlich zur Nachbildung der berühmten Höhlen von Lascaux zurück in ihr Heimatland Frankreich. Da geschehen die mörderischen Anschläge in Paris: „Die Ermordung der Zeichner“, der Anschlag auf Charlie Hebdo. Maylis de Kerangal hat einen Künstlerroman geschaffen. Aber keinen, der in die genialischen Höhen der Malerei führt, sondern vielmehr in die sorgfältige, exakte Welt des Kunsthandwerks. Die Leidenschaft und die Hingabe an diese Leidenschaft sind die gleichen. Neben vielen kleinteiligen Details aus der Welt der Malerei, die man hin und wieder überlesen muss, zaubert sie mit Eine Welt in den Händen ein eindrückliches Bild von dieser Leidenschaft und einen intensiven Entwicklungsroman – präzise erzählt, elegant und bei all dem auch noch sehr unterhaltsam.

 
Annelies Verbeke – Dreissig Tage

Annelies Verbeke - Dreissig Tage

„Dreissig Tage“ ist ein Roman aus Belgien. Und auf das Land nach Westflandern führt er uns. Besagte dreißig Tage begleiten wir den Handwerker Alphonse beim Leben und Arbeiten, in die Häuser und die Leben seiner Kunden, die ihm erstaunlich freimütig ihre Heime und ihre Herzen öffnen. Alphonse scheint in einem besonderen Maß die Tugenden der Empathie und des Zuhörenkönnens zu besitzen. Recht schräg und ein wenig sonderbar sind die meisten Figuren und ihre Geschichten. Aber die das eine oder andere Mal skeptisch hochgezogene Braue weicht sehr bald der Erkenntnis, dass man als Leser*in Alphonse sehr bald ins Herz geschlossen hat. Alphonse ist ein positiver Mensch, glücklich über seine Beziehung zu Kat, das kleine Haus, das die Beiden auf dem Land besitzen, seinen Beruf, nur ein wenig irritiert über die immer wieder aufflammenden rassistischen Anfeindungen, denen er sich gelegentlich gegenüber sieht, denn Alphonse stammt aus dem Senegal, er ist schwarzer Hautfarbe. Zudem schwebt die Bedrohung eines Ebola-Ausbruchs über seiner noch im Senegal lebenden Familie. Dennoch schwebt ein Ton der Heiterkeit und Gelassenheit über den Tagen, denen wir in einem Countdown folgen. Und der dann sehr abrupt und sehr traurig endet. Für mich eine der positiven Neuentdeckungen dieses Monats. 

 

Jurica Pavičić – Fremde Helden

 

Fremde Helden - JuricaPavicic Zweite großartige Neuentdeckung waren die Erzählungen des kroatischen Autors Jurica Pavičić. „Fremde Helden“ erzählt die unterschiedlichsten Geschichten, aber zwei Dinge durchziehen sie alle: einmal der Jugoslawienkrieg, der in den 1990er Jahren nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats ausbrach und unermessliches Leid brachte, viele Menschen aus dem Land vertrieb und unzählige zerstört, verwirrt und versehrt zurückließ, und zum anderen die Bora, der klare, kalte Nordwind an der östlichen Adriaküste. Mir hat der Ton der Geschichten sehr gefallen, ich finde sie exzellent geschrieben.

 

Mittlerweile haben sich eine ganze Menge Herbstneuerscheinungen bei mir angesammelt. Die Frankfurter Buchmesse wirft schon ihre Schatten weit voraus. Ihr dürft auf jeden Fall gespannt sein, es erscheinen wieder viele sehr interessante Bücher. Auch spannende Lesungen beginnen wieder im September, ich habe mir auch da schon eine ganze Reihe herausgesucht. Vor allem möchte ich mich in den nächsten Wochen auch bereits dem Gastland der Messe, Norwegen, widmen. Ein entsprechendes mehrteiliges Spezial ist hier auf dem Blog geplant. Also dann, auf einen anregenden Leseherbst! Ich würde mich freuen, wenn ihr dabei seid!

 

 

 

 

4 Gedanken zu „Lektüre Juli 2019

  1. Liebe Petra,
    was für ein Lesepensum! Die vielen Bücher auf einem Foto, die Kurzhinweise in einem Beitrag – da wird deutlich, dass du trotz Südfrankreicherkundungen viel Lesestoff bewältigt hast.
    Vielleicht ist es auch tatsächlich ein Phänomen, dass die Bücher, die im Urlaub, also ganz entspannt, gelesen werden, so einen guten und positiven Eindruck hinterlassen. Das ist mir nun nämlich genauso auch ergangen. Mir scheint es auch so, als wäre ich im normalen Alltag viel kritischer und mäkeliger. Oder: Wir haben einfach die guten Bücher für den Urlaub aufbewahrt :-).
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia, vielleicht trifft beides zu. Das entspannte Lesen und das Mitnehmen von Büchern, bei denen man ziemlich sicher ist, das es passt. Außerdem werde ich im Sommer abends auch später müde = mehr Lesezeit (zumindest gefühlt). Wie auch immer, genießen wir die noch bleibenden Sommer-Lese-Wochen. Viele Grüße, Petra

    1. Pavičić kannte ich vorher noch gar nicht. Seine Geschichten konnten mich aber sehr überzeugen. Freut mich, wenn sie dein Interesse geweckt haben. Viele Grüße!

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