Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Berichte und Klagen über schwere Misshandlungen, sexuelle Übergriffe und massiven Amtsmissbrauch gab es schon lange. Diverse Untersuchungen, Überprüfungen und Reformen wurden angestrengt. Passiert ist über lange Zeit nichts. Erst 2010, nachdem die Arthur G. Dozier School for Boys in Marianna eine erneute Inspektion nicht bestanden hat, wurden offizielle Untersuchungen über ungeklärte Todesfälle auf dem Schulgelände eingeleitet. Forensische Anthropologiestudentinnen stellten nicht nur bei den auf dem Boot Hill, dem schuleigenen Friedhof, vergrabenen Leichnamen Zeichen schwerer Misshandlungen fest, sondern fanden auch abseits Knochenreste von augenscheinlich inoffiziell beigesetzten Körpern. Ein geheimer Friedhof neben der Müllhalde der Schule. Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead nahm diese Meldungen zum Anlass für seinen neuesten Roman, Die Nickel Boys. Nur zwei Monate vor seiner Veröffentlichung wurden im April 2019 erneut 27 Grabstellen auf dem Gelände entdeckt.

Sogar als Tote machen die Jungs noch Ärger

Ist schon allein die Tatsache unglaublich, dass den zahlreichen Aussagen Ehemaliger dieser „Schule“ für „schwer erziehbare“ Jungen über Gewaltanwendung und sexuelle Übergriffe durch das Schulpersonal, die immer wieder während der mehr als hundertjährigen Geschichte bis zu ihrer Schließung 2011 stattfanden, nicht nachgegangen wurde, sind die dort üblichen Praktiken einfach unfassbar. Dass erst das Interesse am Verkauf des mittlerweile verwilderten Grundstücks – der Hurrikan Michael 2018 tat sein Übriges, ein neues Büroviertel war geplant – und die Klage der Nachkommen eines Schülers den Staat zu den Untersuchungen zwang, ist ein Skandal, der viel zu geringe Wellen schlug.

Was Colson Whitehead an dem Fall besonders interessierte, ist, dass hier noch lange Zeit, bis mindestens 1968, eine strikte Rassentrennung betrieben wurde. Die nicht-weißen Insassen wurden ungleich unmenschlicher behandelt. Gleichzeitig sind ihre Stimmen in der gegründeten Interessengemeinschaft der ehemaligen Schüler, den White House Boys, kaum vertreten.

Durch Klicken auf das unten stehende Foto gelangt ihr zu einem Video eines Zeitzeugen der Florida Industrial School of Boys auf YouTube; bitte beachtet die Datenschutzrichtlinien von YouToube

Florida Industrial School for Boys Marianna Colson Whitehead Die Nickel Boys
White House YouTube Video der White House Boys
Das White House

Dieses „White House“ spielte eine besonders unrühmliche Rolle im Schulalltag, war es doch der Ort der grausamen Bestrafung teils nichtiger Vergehen. Mit einem breiten Lederriemen, „Black Beauty“ genannt, wurden die Jungen hier teilweise bewusstlos geprügelt. Ein riesiger Industrieventilator überdeckte mit seinem Röhren die Schmerzensschreie. Bei den Jungen wurden diese nächtlichen „Ausflüge“ „Eiscreme holen“ genannt. Solche Euphemismen wurden auch für andere Grausamkeiten verwendet. So stand „Lover´s Lane“ für den Ort, wo Vergewaltigungen stattfanden. Oder „nach hinten“ gab den Platz an, an dem Jungen zwischen zwei Bäumen gefesselt ausgepeitscht wurden. Viele dieser Jungen kamen „von hinten“ nie wieder zurück.

Die in der Arthur G. Dozier School for Boys (oder auch Florida Industrial School for Boys) untergebrachten Jungen hatten oft keine Familien, die sich um sie kümmerten, kamen aus unterprivilegierten Familien, was es einfacher machte, diese Untaten und Tötungen zu vertuschen. Fliehende Schüler wurden gelegentlich auf der Flucht erschossen.

Diese aufwühlenden, erschütternden Fakten bringt Colson Whitehead der Leser*in in Die Nickel Boys dadurch besonders nahe, dass er vom Schicksal eines besonderen Jungen erzählt.

Das Böse waren die Leute

Elwood Curtis ist keiner dieser typischen „schwer erziehbaren“, vernachlässigten Jugendlichen. Nachdem seine Eltern ihn bei seiner Großmutter zurückgelassen haben, um in Kalifornien ihr Glück zu versuchen, schafft er es durch Fleiß und Disziplin, einen guten Schulabschluss zu erlangen. Seine gottesfürchtige Großmutter Harriet kümmert sich rührend um ihn. Stolz hat er einen Collegeplatz in Aussicht. Alles läuft gut bis zu jenem Tag, an dem er auf dem Weg zum College trampt und zu einem anderen Afroamerikaner ins Auto steigt. Bei einer Verkehrskontrolle erweist sich der Wagen als gestohlen. Es sind die frühen Sechziger Jahre und für die Polizei ist Elwood als schwarzer Jugendlicher selbstverständlich Mittäter. Da helfen auch die Bemühungen von Harriet um anwaltlichen Beistand nichts. Der Anwalt setzt sich stattdessen noch mit den letzten Ersparnissen der Großmutter ab.

Florida Industrial School Colson Whitehead Die Nickel Boys
Florida School for Boys 1936, hinten das White House (Public Domain) via Wikimedia Commons

Elwood ist ein Träumer, ein Moralist, er liest James Baldwins „Was es heißt, ein Amerikaner zu sein“, seine Bibel sind die Reden Martin Luther Kings. Dessen „Liebt eure Feinde!“ seine Maxime. So glaubt er, auch in der Nickel Academy, die der Arthur G. Dozier School for Boys nachempfunden ist, mit Wohlverhalten und Moral durchzukommen. Eine völlig falsche Einschätzung, wie er und auch die Leser*in sehr bald erkennen muss. Sein Sinn für Gerechtigkeit steht ihm sogar im Weg, in einer Welt der Willkür und der rohen Gewalt. Lediglich die Freundschaft zu dem ungleich pragmatischeren Jack Turner ist ein kleiner Lichtblick im grausamen Alltag.

Das Schlimmste, was Elwood je erlebt hatte, geschah täglich: Er erwachte in diesem Loch

Elwoods Gerechtigkeitssinn, sein Glaube an das Recht verleiten ihn dazu, einen Brief herausschmuggeln zu lassen, in dem von den Grausamkeiten und der illegalen Veräußerung von für die Schüler bestimmten Gütern und ihrer Arbeitskraft, die an Sklaverei grenzten, berichtet wird. Eine fatale Entscheidung, wie sich herausstellt, da der Brief nicht unentdeckt bleibt. Elwood und Jack entschließen sich zur Flucht.

Im letzten Teil des Romans springt die Erzählung in Zeit und Raum ins Jahr 2004 und nach New York, wohin einer Beiden gegangen ist und wo er als Umzugsunternehmer zu einigem Wohlstand gekommen ist.

Die Geschichte, die Colson Whitehead in Die Nickel Boys erzählt, ist ein Hammer, aufwühlend, wütend machend, ergreifend. Die Art, wie sie erzählt wird, ist großartig. Whitehead braucht keine Emotionalität und erst recht keine Anklage. Sachlich ist der Ton, leise sarkastisch und doch voller Empathie. Die Brutalitäten muss er nicht beschreiben, sie finden im Kopf der Leser*in statt. Die Geschichte wirkt dadurch umso eindrücklicher. Dass sie auf wahren Begebenheiten beruht, macht sie noch beunruhigender.

Vielleicht könnte man dem Autor vorwerfen, dass die Figur des Elwood zu positiv dargestellt wird. Er ist nahezu eine Lichtgestalt, aber warum das so sein muss, wird spätestens gegen Ende des Buchs klar.

Im Gegensatz zu seinem großartigen Roman Underground Railroad, der auch das Thema Rassismus behandelt, allerdings in historischem Gewand, erzählt Colson Whitehead in den Nickel Boys streng realistisch, ohne fantastische Momente und deutlich knapper. Gelungen sind ihm beide Texte außerordentlich und zeigen, wie facettenreich er als Autor ist.

 

Offizielle Website der White House Boys

CBS zeigt auf seiner Seite historische Fotos der Dozier School

Aktuelle Bilder zu den Funden findet ihr beim Spiegel

Eine weitere Besprechung könnt ihr bei Letteratura lesen.

Beitragsbild: State of Florida [Public domain] via Wikimedia Commons

Dieser Beitrag ist Teil von Monerls Linkparty August

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Colson Whitehead - Die Nickel Boys.

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Colson Whitehead – Die Nickel Boys
übersetzt aus dem Englischen von Henning Ahrens
Hanser Verlag Juni 2019, Fester Einband, 224 Seiten, 23,00 €

4 Gedanken zu „Colson Whitehead – Die Nickel Boys

  1. Hallo Petra,
    vielen Dank das du diese Rezension bei Monerl verlinkt hast, ohne hätte ich dich und dieses Buch wohl nie entdeckt.

    Das Buch und deine Rezension sprechen mich wirklich an, ich denke ich möchte es lesen. Leider urteile ich zu schnell nach dem Cover und wäre nie auf die Idee gekommen es in einer Buchhandlung in die Hand zu nehmen.

    Es ist ein grausame reales Thema, aber gerade die Wahre Begebenheit an diesem Plot reizt mich.

    Viele Grüße
    Rena

    1. Liebe Rena! Wie schön, herzlich willkommen. Trotz des harten, gewaltvollen Themas liest sich das Buch aber überhaupt nicht schwer oder deprimierend. Und die dahintersteckende wahre Geschichte ist wirklich unglaublich. Ich hoffe, es gefällt dir ebenso gut wie mir. Viele Grüße, Petra

  2. Liebe Petra,
    wow, wie konnte dieses Thema bloß an mir vorbeigehen? Es ist furchtbar, tragisch und kaum zu glauben, was so alles möglich ist auf dieser Welt!

    Ich habe immer mal wieder dieses Buch gesehen, aber nie wirklich wahrgenommen! Ganz toll, dass du damit auf meiner LinkPARTY August mitgemacht hast. Ich glaube, das Buch wäre mir sonst wieder durchgerutscht.

    Verstehe ich das richtig, das Buch ist ein Roman, eine erfundene Geschichte, erfundener Protagonist, aber auf den Begebenheiten dieser wahren Geschichte der Jungen aus der School of Boys? Aber egal wie, ich werde es lesen und mich weiter informieren.

    Bin gespannt, welches dein Septemberhighlight sein wird! 🙂

    Wärst du noch so lieb und würdest in der Rezi oben erwähnen, dass sie bei der Linkparty mitmacht?
    GlG, monerl

    1. Liebes Monerl, ja, das werde ich gleich nachholen. Da die Rezi schon so „alt“ ist, habe ich das glatt vergessen. Die Florida (Industrial) School for Boys oder auch Dozier School for boys existierte tatsächlich bis 2011, obwohl es bereits in den 1950 und 1960er Jahren Aussagen zu regelmäßiger Gewaltausübung gab und auch etliche „Untersuchungen“ durchgeführt wurden. 2009 gründete sich eine Organisation von Ex-Schülern, die Whitehouse Boys. 2010 fiel eine erneute Inspektion wohl so zweifelhaft aus, dass die Schule, offiziell aus finanziellen Gründen, geschlossen wurde. Als das Grundstück verkauft werden sollte, wurde der dortige Friedhof aufgelöst und die Gebeine auf Druck der Öffentlichkeit untersucht und deutliche Spuren von Gewalt gefunden. Im Laufe der Jahre wurden noch zahlreiche geheime Gräber abseits des Friedhofs gefunden, ebenso mit Spuren von Gewalteinwirkung. Zuletzt in diesem Jahr. Ein furchtbarer Skandal, der ohne das Buch von Whitehead wohl nicht so viel Aufmerksamkeit erfahren hätte. Außerdem ist das Buch auch noch sehr gut geschrieben. Ich hoffe, es gefällt dir so gut wie mir. LG, Petra

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