Norwegische Literatur – Tradition und Moderne, Autorinnen und Autoren – Norwegen Spezial 2

Als Nationalliteratur hat die Norwegische Literatur eine gar nicht so lange Tradition. Die Ursprünge liegen im Urnordischen und Altnordischen, gemeinsame Anfänge der skandinavischen Sprachen. So ist auch die (Snorre)-Edda  die älteste zuzuordnende Dichtung, auch wenn sie gemeinhin eher Island zugeschrieben wird.

Durch die lange dänische Kolonisierung von 1380 bis 1814 wurde die alte norwegische Schriftsprache mehr und mehr vom Dänischen verdrängt, während sich die regional gesprochenen Dialekte durch die Unwegsamkeit des von hohen Bergen und Fjorden durchzogenen Landes kaum vermischten.

Beginn der Nationalliteratur

Erst mit Beginn der Personalunion mit Schweden, die von 1814 bis 1905 andauerte und der europäischen Romatikbewegung mit ihrem Zug zum Nationalen kamen auch in Norwegen verstärkt Bestrebungen um eine einheitliche Sprache auf. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aus den norwegischen Dialekten vom Dichter Ivar Aasen das Nynorsk (Neunorwegisch) entwickelt, das 1885 offiziell als Schriftsprache anerkannt wurde. Allerdings schreiben nur 10 bis 15 % der Norwegen heute noch Nynorsk. 85 bis 90 % hingegen bevorzugen das stark ans Dänische angelehnte Bokmål (dt. Buchsprache). Beide sind heute gleichrangige Sprachvarietäten. Hinzu kommen noch die verschiedenen Samischen Sprachen, von denen das Nordsamische die verbreitetste ist und die in einem Streifen von Mittelnorwegen über Schweden und Finnland bis Russland von ca. 24.000 Menschen gesprochen wird.

Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich im 19. Jahrhundert eine reiche Nationalliteratur entwickelt, die immer auch eine Rolle bei den Unabhängigkeits- und Demokratiebestrebungen spielte.

Henrik_Wergeland - folkemuseet
Henrik_Wergeland – folkemuseet by Bjoertvedt [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons
Autorinnen und Autoren

Henrik Wegeland (1808-1849) war ein solch politisch engagierter Dichter, der allerdings in Deutschland noch kaum bekannt ist.

Ganz anders der Dramatiker  Henrik Ibsen (1828-1906). Seine Werke zählen auch in Deutschland zu den am häufigsten aufgeführten Theaterstücken. Peer Gynt, Nora oder Ein Puppenheim, Gespenster, Ein Volksfeind, Die Wildente, Hedda Gabler – seine naturalistisch-psychologischen, bürgerlichen Dramen sind Klassiker. Zusammen mit Alexander Kielland, Jonas Lie und Bjørnstjerne Bjørnson zählt er zu den „Großen Vier“ der norwegischen Literatur. Aber auch wenn letztgenannter 1903 den Literaturnobelpreis erhielt und mit seinem Realismus als Erneuerer der norwegischen Literatur gilt, sind diese drei hierzulande eher unbekannt.

Das verhält sich anders mit dem zweiten Nobelpreisträger aus Norwegen: Knut Hamsun (1859-1952, Nobelpreis 1920). Seine Romane Hunger, Pan und Segen der Erde wurden in Deutschland begeistert aufgenommen und sind auch heute noch Klassiker, auch wenn die Rezeption Hamsuns durch sein aktives Eintreten für den Nationalsozialismus und die Kollaboration mit den deutschen Besatzern später getrübt wurde.

Bereits 1928 ging der Literaturnobelpreis erneut nach Norwegen, an Sigrid Undset (1882-1949), die vor allem weibliche Figuren in den Mittelpunkt ihrer Romane stellte und deren Mittelaltertrilogie Kristin Lavranstochter sehr beliebt war.

Moderne norwegische Literatur

Eine richtige internationale Erfolgswelle erfuhr die norwegische Literatur in den 1990er Jahren.  Jostein Gaarders Philosophiebuch für jugendliche „Sofies Welt“ (1991) wurde ein absoluter Bestseller, genauso wie Erik Fosnes Hansens „Choral am Ende der Reise“ (1990) über den Untergang der Titanic.

An diese Erfolge knüpfte Per Petterson mit seinen schmalen Romanen „Pferde stehlen“ (2003) und „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ (2008) und Edvard Hoem mit der „Geschichte von Mutter und Vater (2005) an.

Bekannte Autoren sind auch Dag Solstad, Jon Fosse, Ingvar Ambjørnsen, Roy Jacobsen, Ketil Bjørnstad und Tomas Espedal.

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Aus der jüngeren Autorengeneration seien Maja Lunde, Hanne Ørstavik, Johan Harstad, Matias Faldbakken, Helga Flatland und Lotta Elstad genannt.

Auf der Sympathiewelle für skandinavische Krimis sind Autoren wie Jo Nesbø, Anne Holt, Karin Fossum und Samuel Bjørk ganz oben.

Karl_Ove_Knausgård
Karl_Ove_Knausgård by Soppakanuuna [CC BY-SA 3.0]
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Und dann ist da natürlich noch er. Von Teilen der Literaturszene und den Lesern heftigst verehrt: Karl Ove Knausgård. Mit seinem autobiografischen Romanprojekt „Min kamp“ hat er eine riesige Fangemeinde an sich gebunden. Auf der Frankfurter Buchmesse 2019 wird er bei der Eröffnungsfeier sprechen.

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Mein Norwegenprojekt

Diese Vielfalt an Stimmen zu präsentieren, ist Ziel des Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse. „New Voices“ zur Förderung der Gegenwartsliteratur bis hin zu Neuauflagen der Klassiker.

In den nächsten Wochen werde ich ganz viel norwegische Literatur lesen, anschauen und hören, zahlreiche Veranstaltungen besuchen und hier auf dem Blog berichten. Rezensionen und Buchempfehlungen wird es natürlich ebenso geben. Auch von der Backlist werde ich einige Titel vorstellen. Ich hoffe, ihr seid schon genauso gespannt darauf und verfolgt meine Serie. Hier noch einmal der Ablauf:

08.09.2019Norwegen als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse

15.09.2019   – Norwegische Literatur – Tradition und Moderne, Autoren und Autorinnen

22.09.2019   – Norwegischer Buchmarkt und Literaturförderung

29.09.2019   – Veranstaltungen zum Gastland Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse

06.10.2019    – Norwegische Literatur – Neuerscheinungen in Deutschland 2019 #1

13.09.2019     – Norwegische Literatur – Neuerscheinungen in Deutschland 2019 #2

 

Die offizielle Seite des Gastlandauftritts findet ihr unter https://norway2019.com/de

 

Habt ihr noch Titel, die ich auf keinen Fall verpassen darf? Gerne auch von der Backlist. Wer sind eure Lieblingsautoren? Oder ist die norwegische Literatur für euch noch Neuland? Ich bin gespannt auf eure Anregungen.

 

Beitragsbild: Edvard Munch – Lesender Andreas (Public Domain)

6 Gedanken zu „Norwegische Literatur – Tradition und Moderne, Autorinnen und Autoren – Norwegen Spezial 2

  1. Liebe Petra,
    das ist ja ein tolles und aufwändiges Projekt, dem ich sehr gerne folge, um Einblicke in die norwegische Literatur zu gewinnen. Und das mich heute an meine eigenen Lektüren von „Sophies Welt“ und „Choral am Ende der Reise“ erinnert hat.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia, ich habe mir schon seit Jahren vorgenommen, die Gastländer der Buchmesse für einen Einblick in die jeweilige Literatur zu nutzen, aber nie so richtig die Zeit dazu gefunden. Ich finde das sehr spannend, gerade auch bei Ländern wie Norwegen, die mir bisher nicht so präsent waren. Auch bei mir waren das vor allem Gaarder, Fosnes Hansen, Fosse, etwas Mytting. Es macht sehr viel Spaß. Freut mich, dass du dabei bist! LG

  2. Ich schließe mich Marina an und werfe ebenfalls sehr gern Lars Saabye Christensen in die Runde. „Yesterday“ war der erste seiner Romane, den ich verschlungen habe. Über Hamsun habe ich meine Magisterarbeit geschrieben. Außerdem empfehle ich sehr gern Jan Kjærstad. Mich imponiert immer wieder, wie vielfältig die Literaturlandschaft ist und welch großartige Werke es gibt. Dabei hat dieses Land gerade einmal rund 5 Millionen Einwohner. Ähnlich geht es mir bei der norwegischen Jazz-Musik mit ihren wunderbaren Künstlern. Viele Grüße

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