Stig Sæterbakken – Durch die Nacht

„Durch die Nacht“ von Stig Sæterbakken ist eines der Bücher, die unter ihren Leser*innen heftige Debatten auslösen können. Ein Buch das polarisiert, und das unter Umständen auch im einzelnen Leser selbst.

Der 1966 geborene Stig Sæterbakken ist in Norwegen sehr bekannt. Nicht nur als äußerst produktiver Autor (Wikipedia verzeichnet 23 Werke  – Lyrik, Essays, Romane), sondern auch als Leiter des berühmten Literaturfestivals von Lillehammer von 2006 bis 2008, das er mit einem Eklat verließ. Seine Einladung des Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugners David Irving zum Festival löste eine Welle der Empörung aus.

Leider ist über Sæterbakken selbst sehr wenig zu erfahren. Auch die norwegischen und englischen Wikipedia-Einträge beschränken sich auf sein künstlerisches Schaffen. Einen deutschen Eintrag gibt es erst gar nicht. Bis auf ein kleines Büchlein, „23 Notizen über den Alkohol“, wurde auch bislang nichts ins Deutsche übersetzt. Vielleicht weist dieses Büchlein aber schon auf eines der Probleme hin, die der Autor hatte. Wer weiß. 2012 schied er mit nur 46 Jahren freiwillig aus dem Leben.

Wegen der fehlenden Informationen zum Leben des Autors verbieten sich zum einen Mutmaßungen über autobiografische Bezüge im nun passend zum Ehrengastauftritt Norwegens bei der Frankfurter Buchmesse erschienenen Roman „Durch die Nacht“. Vielleicht beflügeln sie sie aber auch.

Denn was Stig Sæterbakken in dem 2011 kurz vor seinem Suizid veröffentlichten Roman „Durch die Nacht“ (Gjennom natten) erzählt, ist von einer solchen Dunkelheit und Verzweiflung geprägt, dass man gar nicht anders kann, als das tragische Ende des Autors ständig mitzudenken.

„Durch die Nacht“ ist ein Trauerbuch. In erster Linie ist es die Trauer um den 18 jährigen Sohn Ole-Jakob, der sich alkoholisiert ans Steuer seines Wagens setzte und – vermutlich mit suizidaler Absicht – frontal mit einem LKW zusammenstieß. Aber auch die Trauer um eine zerbrochene Ehe und eine zerstörte Familie. Im Vorfeld verließ der Ich-Erzähler, der Zahnarzt Karl Meyer, seine Frau Eva wegen einer deutlich Jüngeren. Auch wenn die Affäre mit Mona schließlich scheiterte und Karl diese aus völlig nichtigem Anlass und ohne Abschied verließ und wieder bei seiner Familie einzog – nichts war wie vorher.

Lediglich die jüngere Tochter Stine freut sich über die Heimkehr des Vaters. Evas Kühle und Kontrolliertheit sind schwer zu verstehen. Die Verachtung und Ablehnung des Sohnes schon eher.

War der Einstieg in das Buch auch sehr berührend und sehr gut formuliert,

„Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. (…) Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. (…) Während ich so dastand, ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht.“

verliert man schon recht bald jede Empathie und Sympathie für Karl. Nicht nur das ständige Selbstmitleid und die überbordende Egozentrik des Ich-Erzählers zerren an den Nerven. Mit welcher Mischung aus Verklärung und Verachtung er auf sowohl Eva als auch Mona blickt, ist wirklich schwer auszuhalten.

Als dann Ole-Jakob stirbt, verliert Karl jeglichen Halt. Für ihn kippt das Leben in eine andauernde Dunkelheit, er reist (oft musste ich an diesen Romantitel von Céline denken) ans Ende der Nacht.

Ihn packt wieder (und war nicht auch die Affäre mir Mona mehr die Idee vom „ganz anderen Leben“, seine Liebe zu ihr eher nur die Verliebtheit in die Idee, ein ganz anderer zu sein?)

„der alte Traum: alles loslassen, weggehen“

In bewährter Manier tut das Karl nun auch, er packt seine Taschen und haut ab.

Einsames Haus Durch die Nacht
Einsames Haus, Dangast by  Onascht  (CC BY-NC-ND 2.0) via flickr

Zunächst führt es ihn in ein vorweihnachtliches Deutschland, in die (fiktive) Stadt Redenburg, eine Bilderbuchstadt. Hier trifft er die Fotokünstlerin Caroline. Und hier beginnt die Geschichte leicht surreal und fantastisch zu werden. Und merkwürdigerweise, obwohl ich solche Wendungen in der Regel nicht mag, fängt das Buch plötzlich an, mir zu gefallen. Mag sein, weil wir nun abrücken von Karls Selbstbespiegelungen, Selbstanklagen und Rechtfertigungen. Aber das Buch gewinnt nun auch eine interessante Art der Spannung.

Karl verlässt auch Caroline, wir kennen das nun schon, Hals über Kopf und reist Richtung Slowakei. Von seinem Ex-Schwager, dem Schriftsteller Boris, hat er von einem Haus in Bratislava gehört, wo man „mit den schlimmsten Ängsten konfrontiert“ und alle „Hoffnung zu Staub“ wird. Ein Haus, das einen „entweder vernichtet oder das man geläutert wieder verlässt.“ Hier hin will Karl, damit er endlich „Ole-Jakobs Wunsch verstand, zermalmt zu werden.“

Nun wird der Roman endgültig alptraumhaft und surreal, der Autor baut reichlich Horrorelemente ein, auch wenn der Ton des Ich-Erzählers rückblickend klar und analytisch bleibt. Blättert man zurück, tauchen nun auch etliche Hinweise im Roman auf, die auf diese Art des Fortgangs zeigen, erwähnte Bücher, Filme, Theaterstücke und Träume.

Das Ende des Romans ist dann einigermaßen verrätselt. Führt es den Erzähler „durch die Nacht“ oder noch tiefer hinein?

Ich durfte den Roman  bei einer Aktion des DuMont-Verlags im Tandem mit einer norwegischen Leserin, Nora, lesen und mich mit ihr darüber austauschen. Eine sehr schöne Idee und Aktion. Nora fragte mich nach meinen Erwartungen bzw. Vorurteilen gegenüber norwegischer Literatur. Und ja, natürlich hat man die. Selbst in Norwegen selbst spricht man vom „norwegischen Weltschmerz“. Und tatsächlich sind Angst, Trauer und Abgründe immer wieder vorherrschende Motive in der klassischen wie auch der zeitgenössischen Literatur. Eine gewisse Kompromisslosigkeit, ein enormer Wahrheitsanspruch und reichlich Schwermut paaren sich oft mit radikal autobiografischen Zügen. Man denke da an Karl Ôve Knausgård, Tomas Espedal oder Per Petterson. Poesie trifft hier oft auf eine ungeheure Wucht. Und ja, all das findet man auch bei Stig Sæterbakken in „Durch die Nacht“.

Eine interessante Lektüre, auf die man sich einlassen muss, schon allein wegen des problematischen Ich-Erzählers. Die die Leser*in dann aber durchaus zu packen vermochte.

 

Besprechungen findet  ihr auch bei Andrea auf Lesen in vollen Zügen und bei Sarahspancakes

 

Beitragsbild: by Michael Schwarzenberger via Pixabay

_____________________________________________________

*Werbung*

Stig Sæterbakken - Durch die Nacht.

Stig Sæterbakken – Durch die Nacht
übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig

DuMont Juli 2019, 288 Seiten, gebunden, € 22,00

 

Ein Gedanke zu „Stig Sæterbakken – Durch die Nacht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.