Roy Jacobsen – Die Unsichtbaren

Roy Jacobsen „Insel-Saga“ Die Unsichtbaren , die nun im C.H.Beck Verlag erscheint, umfasst drei Romane, die im Original zwischen 2013 und 2016 erschienen sind. Der erste davon, „Die Unsichtbaren“, wurde 2014 bereits im Osburg Verlag veröffentlicht.

„Gott liebt die Menschen an den Küsten nicht so sehr wie die in Binnenland und Städten; über lange Zeiträume hinweg vergisst er sie ganz, und sie vergessen ihn“

Jacobsen erzählt von der winzigen (fiktiven) Schäreninsel Barrøy im Norden Norwegens und der darauf lebenden Familie Barrøy und beginnt mit der Erzählung in der Zeit um den Ersten Weltkrieg. Die Insel ist schroff und karg, und so sind auch das Wetter und die dort lebenden Menschen. Sie leben wie der Zeit entrückt. Das Land, das wenige Vieh, der Fischfang rund um die Insel und der Stockfisch werfen nur wenig Ertrag ab. So geht Hans Barrøy wie schon sein Vater Martin und wie alle Männer der Nachbarinseln zu Neujahr zum Fischfang auf die Lofoten. Ein gefährliches Unterfangen damals, kamen doch jedes Jahr um die 200 Männer dabei ums Leben. Aber war der Fang gut, hatte die Familie erst einmal ausgesorgt. Die Frauen und Alten auf Barrøy bleiben zurück und kämpfen sich durch die unwirtlichen, harten und schneereichen Winter, das bedeutet: Marie, der alte Martin, seine kognitiv eingeschränkte Tochter Babro, später noch deren unehelicher Sohn Lars und Ingrid, die Tochter von Hans und Marie.

Die Handelstation Havstein liegt zwei Ruderstunden entfernt, ebenso die Wanderschule, die die Kinder im zweiwöchigen Rhythmus besuchen, und die Kirche.

Stockfisch, Norwegen
Stockfisch Stamsund by Rufus46 [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons
Die Solidarität ist groß unter den Schärenbewohnern, auch wenn die Menschen schroff, wortkarg und wenig herzlich sind. Der Alltag ist hart, die Träume zerplatzen früh. Enge ist gepaart mit Freiheit, die Natur so poetisch wie unerbittlich. Jacobsen schildert diesen rauen Alltag detailgenau, die immer wiederkehrenden schlichten Arbeiten, den Ablauf der Jahreszeiten. Die Mutter des Autors stammt von einer solchen kleinen Insel vor der Küste von Helgeland und hat die Saga sicherlich inspiriert.

Das erste Buch reicht bis in die 1920er Jahre. Es ist eine Zeit der vorsichtigen Modernisierung, des Konflikts zwischen den Generationen und des Generationswechsels. Es ist aber auch eine Zeit von Not, Armut und nur wenigen Momenten des Glücks.

Das zweite Buch, „Weißes Meer“ betitelt, macht einen Sprung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Norwegen ist von den Deutschen besetzt und diese führen ein Schreckensregiment. Der äußerste Norden, die „Finnmark“ (Fylke) wird im Rahmen des Unternehmens Nordlicht 1944 Opfer der vollständigen und rücksichtslosen Deportation von 50.000 Menschen und der Zerstörung etlicher Städte durch die Wehrmacht. 70.000 Norweger befinden sich zeitweise auf der Flucht. Das bekommen auch die Bewohner der Schäreninseln zu spüren. Über 30.000 Kriegsgefangene aus Osteuropa befinden sich zum Bau der Nordlandbahn und zum Straßenbau im Norwegen und leben in Konzentrationslagern verteilt. Viele davon kommen um. Im November 1944 wird ein Gefangenentransportschiff, die Rigel, vor der norwegischen Westküste von alliierten Bombern versehentlich für einen Truppentransporter gehalten und bombadiert. 2500 der 2800 Menschen an Bord kommen ums Leben.

Auch auf Barrøy werden Leichen nach dem Untergang der „Rigel“ angespült. Aber ein junger Russe hat das Unglück überlebt und wird von Ingrid, die allein auf der Insel zurückgeblieben ist, gesundgepflegt. Eine tragische Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen Ingrid und Alexander.

Die Rigel sinkt vor Norwegen, November 1944
Rigel sinking 1944 via Wikimedia Commons

Der dritte Teil, „Die Augen der Rigel“, spielt im ersten Friedenssommer 1946. Ingrid reist mit ihrer kleinen Tochter den Spuren Alexanders hinterher, der im Winter 1944/45 den Weg nach Schweden und von da in die Heimat genommen hat. Ist er noch am Leben, vielleicht sogar noch in Norwegen? Oder hat er es heim nach Leningrad geschafft?

Ingrids Weg ist weit und unsicher. Und sie erkennt deutlich,

„Die Wahrheit ist das erste Opfer des Friedens.“

Misstrauen schlägt ihr entgegen. Die Norweger wollen vergessen. Nun in der Nachkriegszeit, in Zeiten des beginnenden kalten Kriegs und der Integration Norwegens in Europa werden die Opfer der Besatzungszeit genauso totgeschwiegen wie die Kollaboration oder zumindest Untätigkeit großer Teile der norwegischen Bevölkerung während der Jahre unter deutscher Besatzung.

„(…) als ob im Land ein Großreinemachen stattfinde, zu dem sie ihr Teil beitragen mässen.“

Mit einer Sprache so karg und nüchtern wie die Menschen, von denen sie berichtet, und mit großem Atem erzählt Roy Jacobsen in „Die Unsichtbaren“ seine Geschichte von denen, die man in der Regel übersieht, jenen „Unsichtbaren“, die doch oft das meiste Leid tragen, die kämpfen, scheitern oder bestehen, deren Träume platzen, und die doch immer weitermachen. Lesenswert!

 

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Beitragsbild: Hestneset, Hemnes by trolvag [CC BY-SA 3.0] via Wikipedia Commons

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Roy Jacobsen - Die Unsichtbaren.
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Roy Jacobsen – Die Unsichtbaren
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann
C.H.Beck Juli 2019, Hardcover, 613 Seiten, 28,00 €

4 Gedanken zu „Roy Jacobsen – Die Unsichtbaren

  1. Hallo Petra, da ich leider nicht auf der Buchmesse in FFM sein kann, werde ich mir nun dieses Norwegenbuch bei meinem nächsten Buchhandlungsbesuch gönnen. Deine Rezension hat mich angesprochen, da ich Bücher die am Meer und deren Küsten spielen total liebe. Vielen Dank !
    GLG Angela

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