Tomas Espedal – Das Jahr

Schon bevor Karl Ôve Knausgård mit seinem Schreiben zum internationalen Literatur-Superstar avanciert ist, verfasste der 1961 im norwegischen Bergen geborene Tomas Espedal Texte, die ganz dicht am Autobiografischen entlang schrieben, dabei gelegentlich auch Grenzen überschritten in Sachen Diskretion, Selbstentblößung und guten Geschmacks. Radikal offen, rücksichtslos gegenüber sich selbst und Menschen aus dem Umfeld, die oft mit Klarnamen auftauchen, bleiben in seinen Texten immer aber auch bewusst Zweifel an der Authentizität, am Wahrheitsgehalt des Erzählten. Autofiktion ist das Genre, das nicht nur, aber vielleicht besonders durch diese beiden Autoren boomt.

Espedal hat seine auf zehn Bände angelegte autofiktionale Werkreihe auf Norwegisch gerade mit „Elsken“ abgeschlossen, in Deutschland erscheint nun mit Das Jahr der neunte Band.

Wieder kreisen die Aufzeichnungen um die Themen (vergebliche) Liebe, Verlust, Einsamkeit, Altern und Tod. Im Zentrum steht erneut die Trennung von seiner bedeutend jüngeren Geliebten Janne, die ihn wegen einem seiner besten Freunde bereits Jahre zuvor verließ. Über dieses Verlassenwerden ist das autofiktionale Ich, das ich der Einfachheit im Folgenden als Autor benenne, bisher nicht hinweggekommen. Es scheint sogar so, dass die Zeit die Verletzung noch vertieft hat. Er suhlt sich regelrecht in seinem Schmerz, betont immer wieder, nicht mehr lieben zu können.

„Wie soll man leben.
Ohne Liebe.“
Petrarca und Laura

Verfasst ist das Buch als ein langes Prosagedicht. Das passt sehr gut, da Tomas Espedal Bezug nimmt auf einen großen (vergeblich) Liebenden der Literaturgeschichte, auf Francesco Petrarca. Der Italiener Petrarca (1304 bis 1374) ist der Verfasser des „Canzoniere“, in dem er seine Liebe zur jungen Laura (vermutlich Laura de Noves (1310-1348)) und seine Trauer über ihren Tod besingt. Das Werk umfasst, sicherlich nicht zufällig, 366 Gedichte, wovon einige für mich zum Schönsten gehören, was ich an Lyrik kenne. Ein Gedicht für jeden Tag des Jahres.

Tomas Espedals „Das Jahr“ beginnt im Frühling, im April. An einem 6. April, dem des Jahres 1327 sieht Petrarca Laura zum ersten Mal. Der Dichter wird für den Autoren zum Schicksalsgenossen, jenem wurde die Liebe durch den Tod der Geliebten, diesem durch eine Trennung geraubt. Petrarcas lebenslange Liebe zu der einen Frau wird für den Autor Vor- und Sinnbild für seine eigenen Gefühle. Etwas inkonsequent ist das, denn es kommt immer wieder zu sexuellen Begegnungen, die für ihn aber wohl nicht unter „Liebe“ fallen.

Das Jahr

Diese Parallelführung von Petrarca und dem Autoren gefiel mir ausgesprochen gut, vielleicht auch, weil ich ein Faible für Petrarca habe. Ganz schlüssig ist sie, wie gesagt, nicht. Es ist eher so, dass sich der Erzähler in dieser Rolle ein wenig inszeniert.

Im April reist der Autor auf den Spuren von Francesco Petrarca ins französische Fontaine-de-Vaucluse bei Avignon. Dort entstanden große Teile des „Canzoniere“. Auch den Mont Ventoux bestieg der Autor. Petrarcas „Erweckungserlebnis“ dort – Naturerlebnis und Selbstbewusstwerdung – gilt als kulturhistorischer Schlüsselmoment an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Große Fußstapfen, in die Espedal sich da begibt, aber sehr faszinierend.

Auch Espedals Vater wird als Beispiel für eine einzige, nie, auch nicht nach dem Tod verlöschende Liebe herangezogen. Siebzehn Jahre sind seit dem Tod der Frau/der Mutter vergangen, aber der Vater hängt dieser Liebe unverwandt nach. Auch er lernte seine Frau einst im April kennen, im April starb sie auch. Der Vater ist gleichzeitig das zweite große Zentrum des Buches. Sein Altern, seine zunehmende Gebrechlichkeit verunsichern den Autor, machen ihn ängstlich und aggressiv. In einem zweiten Teil der dem Frühling gewidmeten ersten Hälfte des Buches machen die Beiden eine Kreuzfahrt von Barcelona nach Neapel. Es ist eine eigenartige Vater-Sohn-Beziehung, bestimmt durch große Liebe und heftige Gefühle, Distanz und Nähe, beide sind dem Alkohol mehr als zugeneigt.

Tomas Espedal Das Jahr Herbst
Bild von AlexanderRV auf Pixabay
Herbst

Die beiden Motive – Petrarcas Canzoniere und der alternde Vater – bleiben auch beim zweiten Kapitel des Buches, das dem Herbst gewidmet ist, präsent. Gleichzeitig nimmt der Autor auch Dinge in seiner Gegenwart war, Flüchtende auf dem Meer, ein kleines Mädchen, das in Nigeria als Selbstmordattentäterin zwanzig Menschen in den Tod riss, unseren rücksichtslosen Umgang mit der Natur. In den Vordergrund gelangt aber die Wut des Autors auf den Freund, der nun mit der Geliebten zusammen ist. Auch wenn Jahre seit der Trennung vergangen sind, steigt ein Racheplan in ihm auf. Die obsessive Liebe, das Selbstmitleid, die Todessehnsucht verstören zunehmend.

Dennoch fasziniert der Ton, der reduziert und poetisch, lyrisch und dennoch leicht und fließend zu lesen ist. Und das trotz der eigenwilligen Interpunktion, den fehlenden Kommata, den nicht konsequent verwendeten Satzpunkten. Espedal zu lesen ist ein großer ästhetischer Genuss. Dabei wechselt der Duktus im Text durchaus. Ein Abschnitt liest sich tatsächlich ein wenig wie Petrarca (zumindest in seiner deutschen Übersetzung).

Im November schließlich feiert der Autor seinen 54. Geburtstag. Das Fest mit seinem Vater endet früh, man trennt sich. Die Gäste, die nach diesem Abschied eintreffen, sind die Toten der Familie, die Großeltern, die Mutter. „Herzlichen Glückwunsch“, sagen sie, „wir hoffen dass du uns bald besuchen kommst.“ Eine große Todessehnsucht bestimmt ihn. Sie wird sich im zehnten Band, in „Elsken“ vollenden.

„Eine Familie ist zusammengenäht aus unpassenden Stoffen

die zu einem Muster gezwungen werden

dem Muster namens Familie.“

 

Beitragsbild von mkupiec7 auf Pixabay

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Tomas Espedal - Das Jahr.

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Tomas Espedal  – Das Jahr
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz September 2019, 196 Seiten, Hardcover, 22,00 €

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