Steve Sem-Sandberg – Der Sturm

Es sind keine Naturgewalten, die über die Bewohner der Insel hereinbrechen im Roman Der Sturm von Steve Sem-Sandberg. Worauf der Titel vielmehr anspielt ist das gleichnamige Stück von William Shakespeare. Hierzu gibt es viele Bezüge, was sich schon im vorangestellten Motto andeutet, auch wenn das Ganze kein Remake etwa im Sinne des „Hogarth-Shakespeare Project“ ist.

Ich-Erzähler ist Andreas Lehman. Er kehrt auf die Insel, eine der „inneren Inseln“ vermutlich des Oslofjords, auf der er Kindheit und Jugend verbracht hat, zurück, nachdem sein Ziehvater Johannes verstorben ist. Es gilt, Ordnung in die zuletzt ziemlich vernachlässigten Hinterlassenschaften im Gelben Haus zu bringen. Johannes war nicht nur alt und halbblind, sondern trank mehr als ihm gut tat, zog sich auf den Dachboden zurück, ließ Haus und Garten verkommen und soff.

Gleich zu Beginn ahnt man, dass es keine ganz unbeschwerte Kindheit war, die Andreas hier verbrachte. Der Roman beginnt so:

„Ich hätte nicht zur Insel zurückkehren sollen, tat es aber dennoch.“

Die näheren Umstände und das komplizierte Sozialgefüge auf der Insel enthüllen sich der Leser*in erst nach und nach und in Gänze wie auch dem Erzähler selbst erst ganz am Schluss des Buches.

Eine Insel-Kindheit

Andreas und seine ältere Schwester waren noch sehr klein, als die Eltern auf rätselhafte Weise aus ihrem Leben verschwanden. Die Amerikaner Frank und Elizabeth Lehman lebten seit einiger Zeit mit ihren Kindern Andreas und Minna in der „Nato-Villa“ auf der kleinen norwegischen Insel, als der Vater die Kleinen zu Johannes brachte. Er solle bitte ein paar Stunden auf die Kleinen aufpassen, es gäbe einen Notfall, die Mutter müsse ins Krankenhaus. Das war 1962 und von den Eltern kam nie mehr ein Lebenszeichen. Gerüchte besagen, sie wären an Bord des Flugzeugs gewesen, bei dessen Absturz kurz vor der Küste der Insel alle Passagiere ums Leben kamen. Das Rätsel wird nie wirklich gelöst.

Die Kinder bleiben in der Obhut von Johannes, der Chauffeur von Jan-Heinz Kauffmann ist. Dieser „regiert“ die Insel in gutsherrlicher Manier zusammen mit seinem Inspektor Herr Carsten. Viele der Bewohner sind wirtschaftlich von Kauffmann abhängig, hassen ihn aber, auch wegen seiner „Nazi“-Vergangenheit. Einst als Idealist mit hochfliegenden Plänen für eine gänzlich anderen Bewirtschaftung – neue Anbaumethoden, Gründung einer landwirtschaftlichen Produktions- und Wohngenossenschaft – auf die Insel gekommen, schloss er sich 1933 der Nasjonal Samling der faschistischen Partei von Vidkun Quisling an, unter deren Regierung er dann Handelsminister wurde. Schon zu Kriegszeiten wurde die Genossenschaft dann auch als „Kolonie“ für Kinderlandverschickungen genutzt.

Nakkholmen  by Helge Høifødt [CC BY-SA 3.0]
Während Andreas recht unauffällig bei Johannes aufgewachsen zu sein scheint, fällt die rebellische Minna durch ungehöriges Verhalten auf, weswegen sie auch zeitweise in eine Pflegefamilie kommt. Selbst für ihren Bruder, der sehr an ihr hängt, ist sie ein Rätsel, bis zu ihrem Tod, von dem man relativ früh erfährt, dessen Ursachen aber auch im Dunkeln bleiben.

Rückkehr auf die Insel der Kindheit

Auf verschiedenen Zeitebenen spielt Der Sturm. Steve Sem-Sandberg konstruiert eine Rahmenhandlung, in der der Erzähler auf die Insel zurückkehrt und anhand von Tagebüchern, Fotos, Briefen, alten Quittungen und Zeitungsartikeln versucht, seiner Kindheit, von der auch ihm vieles nicht wirklich klar ist, näherzukommen. Sie ist in den späten 1990er Jahren angesiedelt. Die Rückblicke reichen in die 1960er und 70er Jahre und darüber hinaus auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurück.

Andreas ist ein eher unzuverlässiger Erzähler. Viele Dinge über seine Familie, seine Kindheit, die Insel weiß er einfach nicht oder kennt sie nur vom Hörensagen oder durch die Geschichten, die ihm Johannes erzählt hat. Diese bleiben wie die Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld auch ihm selbst oft rätselhaft, unerklärbar. Durch die poetisch dichte Erzählweise bekommt die Geschichte zeitweise etwas märchen- oder traumhaftes.

Der Sturm

Dazu passen die Reminiszenzen zu Shakespeares Sturm. Wie heißt es da: „Wir sind aus jenem Stoff aus dem die Träume sind und unser kurzes Sein umfängt ein Schlaf.“ Grundbesitzer Kaufmann herrscht auf der Insel wie der Zauberer Prospero, lebt mit seiner Tochter Helga, die an einer unheilbaren Erbkrankheit, der spinalen Muskelatrophie, leidet. Zwar betreibt er keine magischen Studien, aber doch recht zwielichtige Geschäfte. Kaufmanns Verwalter Carsten ist wie Caliban körperlich deformiert. Andreas Vater Frank wird auf die Insel gespült wie Königssohn Ferdinand und von Kaufmann unter die Fittiche genommen. Und wie im Drama der Schiffbruch, zerschellt das Flugzeug an der Insel.  Eine bedrohliche Stimmung zieht durch den Roman, wie ein Sturm, der sich zusammenbraut. Bis zum Ende, wo sich in einem unheimlichen Finale das meiste aufzuklären scheint.

Doch gerade dieses Finale ist es, was mir die bis dahin faszinierende Lektüre ein wenig verdorben hat. Zu vieles, auch unschlüssiges wird da auf zu wenig Raum aus dem Hut gezaubert. Und der Schluss macht mich mehr als ratlos. Vielleicht müsste ich das Buch nochmal lesen. Viele Bücher hinterlassen ja dieses Gefühl, doch meistens eher als Versprechen auf noch größere Einsicht in einen gelungenen Text. Hier bleibe ich nach 250 gern gelesenen Seiten mit dem unbefriedigten Gefühl zurück, etwas Grundlegendes nicht verstanden zu haben. Und das dürfte eigentlich nicht in der Absicht des Autors gelegen haben.

 

Beitragsbild: Oslofjord by Alexandra von Gutthenbach-Lindau auf Pixabay

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Steve Sem-Sandberg - Der Sturm.

Steve Sem-Sandberg – Der Sturm 
Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek
Klett-Cotta August 2019, 267 Seiten, gebunden, € 22,00

 

 

2 Gedanken zu „Steve Sem-Sandberg – Der Sturm

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