Tommy Orange – Dort dort

Literatur, die von Native Americans handelt oder von diesen verfasst wurde, ist in Deutschland, sieht man einmal von Louise Erdrich ab, kaum bekannt. Und auch in den USA selbst scheint sie nicht sehr weit verbreitet zu sein. 2018 aber erlangte der den Cheyenne und Arapaho Tribes angehörende, 1982 in Oakland, Kalifornien geborene Tommy Orange gleich mit seinem Debütroman There, there, deutscher Titel Dort dort , einiges an Aufsehen. Das Buch war Finalist für den Pulitzer Prize.

Orange startet mit einem essayistisch gehaltenen Prolog, in dem in kurzen, anspruchsvollen Textstücken die von gegen sie gerichtete Gewalt bestimmte Geschichte der Native Americans angerissen wird. Eines dieser Textstücke ist „Massaker als Prolog“ betitelt und bekommt im Verlauf des Romans eine traurige Bedeutung.

Stadtindianer

Es sind nicht die in volkstümelnden Vorstellungen vorkommenden „Indianer“, im Federschmuck auf ihren Appaloosa-Pferden durch die Ebenen der Reservate reitend, die hier das Personal stellen. Es sind urbane Stadtbewohner, die gegen schwierige Start- und Lebensbedingungen kämpfen, in deren Alltag Schulabbruch, Arbeitslosigkeit, frühe Schwangerschaften, Alkohol, Drogen und eine erschreckend hohe Selbstmordrate grassieren. Und doch führen alle Geschichten, und der Roman liest sich zunächst wie eine lose zusammenhängende Anzahl von unterschiedlichen (Lebens)Geschichten, auf eine ganz klassische, den indianischen Traditionen verpflichtete Veranstaltung hin, das Big Oakland Powwow. Auf diesen Powwows, deren Namen sich von der Bezeichnung des Medizinmanns in der Narragansett-Sprache ableitet, versammeln sich Mitglieder verschiedener Stämme, machen Musik, tanzen, pflegen das Brauchtum.

Powwow
Powwow

Alle Personen des Romans, die in der ersten zweiten oder dritten Person zu Wort kommen, es sind insgesamt zwölf, haben in irgendeiner Form mit diesem Powwow zu tun. Manche kennen sich oder sind sogar verwandt, andere treffen dort zum ersten Mal aufeinander. Dass das Treffen tragisch endet, nimmt der Autor vorweg. Dennoch folgt man dem Fortgang der Geschichte zunehmend gespannt. Orange teilt sie in vier Abschnitte: Bleiben, Zurückfordern, Heimkehren und Powwow betitelt.

Schicksale

Da ist der 21jährige Tony Loneman, von einem fetalen Alkoholsyndrom im Gesicht entstellt und auch sonst ein klassischer Verlierertyp; da ist der junge Orvil Red Feather mit seinen beiden Brüdern, der gerade dabei ist, sein indianisches Erbe zu entdecken. Großgezogen wurde er von seiner Großtante Opal Bear Shield, da die Großmutter Jacquie Red Feather nach dem Selbstmord der Mutter als Alkoholikerin dafür nicht in Frage kam. Jacquie ist allerdings seit Kurzem trocken und arbeitet als Drogenberaterin. Dene Oxendene ist Dokumentatfilmer und möchte auf dem Powwow Menschen zu ihren Lebensbedingungen befragen; Edwin Black, dessen weiße Mutter den indianischen Vater nicht preisgegeben hat, ist ein Computernerd und hofft auf dem Powwow diesen Vater zu treffen. Dies sind einige der Personen, die Tommy Orange in Dort dort in den Mittelpunkt stellt und von denen nicht alle den Festtag überleben werden. Zum besseren Überblick ist dankenswerterweise ein Personenverzeichnis vorangestellt.

Sie alle haben gegen verschiedene Herausforderungen und Härten in ihren Leben zu kämpfen. Die meisten von ihnen sind auf der Suche nach ihrer Identität. Wer sind sie als Natives, wie definiert man sich? Offiziell geht es tatsächlich um Blutanteile, so archaisch sich das anhört. Ist man ein Native Indian oder nur ein „Pretendian“? Und was bedeutet es für das eigene Leben, Native zu sein? Registriert und anerkannt.

Eigentlich ist das Buch nicht sehr düster, sondern geradezu hoffnungsvoll, auch mit einem Hauch Humor verfasst. So kommt es fast zu einer Art Wiedervereinigung einer zerstreuten Familie. Deshalb kommt trotz aller Vorankündigung das blutige Ende, der Ausbruch von Gewalt beim Überfall auf das Powwow, doch erschreckend.

There there

Tommy Orange ist mit Dort dort ein spannender und eindringlicher Blick in das Leben von Native Americans gelungen. Er erzählt von ihnen zornig, aber immer respektvoll.

Der etwas merkwürdige Titel Dort dort kommt von der wörtlichen Übersetzung des Originaltitels There there (was ich oft merkwürdigen deutschen Titelneuschöpfungen vorziehe; noch besser hätte ich in diesem Fall das Beibehalten des englischen Titels gefunden).

There there ist ein zum einen ein recht düsterer Song von Radiohead, der im Roman auch einmal auftaucht. There there ist im Englischen aber auch eine Trostformel, im Deutschen vielleicht mit „Ist schon gut“ zu übersetzen. Und es ist eine Anspielung auf einen berühmten Satz Gertrude Steins. In ihrer Autobiografie schreibt die in Oakland aufgewachsene Stein: „There is no there there“. Sie war nach langer Zeit an den Ort ihrer Kindheit zurückgekommen und musste feststellen, dass es dieses Traumland nicht mehr gab, alles hatte sich verändert.

Und so muss auch der junge Orvil Red Feather erkennen, dass es wohl kaum ein Zurück in die indianischen Traditionen gibt, auch auf dem Powwow sieht er nur

„als Indianer verkleidete Indianer.“

Und natürlich gibt es auch hier auch kein „schon gut“, solange die Lebensbedingungen der Native Americans deutlich schlechter als die des Durchschnittsamerikaners sind.

Gut, dass Tommy Orange mit „Dort dort“ einen solch gelungenen Roman darüber geschrieben hat.

 

Eine weitere Rezension findet ihr bei Andrea auf Lesen in vollen Zügen

 

Beitragsbild: Native American by Neoqlassical via needpix

 

*Lektüre November 2019

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Tommy Orange - Dort dort.

Tommy Orange – Dort dort
übersetzt aus dem Englischen von Hannes Meyer
Hanser Berlin August 2019, 288 Seiten, gebunden, 22,00 €

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