Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Um es gleich vorneweg zu sagen: Die Zeuginnen von Margaret Atwood sollte man nicht mit dem Report der Magd vergleichen. Auch wenn es sich hier quasi um eine Fortsetzung des vor 35 Jahren, 1985 erschienenen Roman handelt, der zu einem Kultbuch der feministischen Literatur wurde.

Dabei wurde Der Report der Magd bei Erscheinen lange nicht so einhellig positiv aufgenommen, wie man es vermuten könnte. Erst in den letzten Jahren, mit zunehmender Frauenverachtung, sei es durch radikale Islamisten wie IS oder Boko Haram, sei es durch sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Indien, sei es in der westlichen Welt, wo wieder Tendenzen zur Verschärfung von Abtreibungsverboten aufkommen und ein amerikanischer Präsident sich offen frauenfeindlich äußern darf, erhielt der Roman den Status und die Berühmtheit, die wir heute kennen. Beigetragen zu der hohen Popularität, die Der Report der Magd heute besitzt, hat sicher auch die viel gelobte Serie, die darauf aufbaut.

Mit einem seltenen Medienspektakel, wie man es allenfalls von Harry Potter kennt, wurde nun die Veröffentlichung der „Fortsetzung“ Die Zeuginnen begleitet.

Der report der Magd

Der Report der Magd erzählt vom beklemmenden Szenario des totalitären, religiösen, seltsam vormodernen Staats Gilead, gegründet auf dem Staatsgebiet der USA, in dem Frauen nahezu entrechtet sind und die nach diversen Umweltkatastrophen wenigen noch fruchtbaren Frauen als „Mägde“ zu „Gebärmüttern“, die unfruchtbaren als „Marthas“ zu Haussklavinnen und die privilegierten zu ebenso rechtlosen Ehefrauen gemacht wurden. Nur wenige „Tanten“ dienen den herrschenden „Kommandanten“ und kontrollieren mit eiserner Hand alle Frauenbereiche. Eine dieser knallharten Vollstreckerinnen der männlichen Macht ist Tante Lydia. Auch von ihr berichtete die Magd Desfred in ihrem Report.

Report der Magd
Report der Magd Filmszene by Joe Flood (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

Atwood schuf ein anklagendes Gedankenexperiment, das im Jahr Orwells begonnen wurde und 1985, im Jahr Tschernobyls erschien. Ein längerer Aufenthalt Atwoods in Berlin kam hinzu. Alles Dinge, die ihre Dystopie eines puritanischen Terrorstaats sicher beeinflusst haben, das ein wahres Kompendium der Misogynie bildet. Dabei betonte Atwood immer, nichts erfunden zu haben. Alle Restriktionen gegen Frauen gab es bereits oder gibt es immer noch irgendwo auf der Welt. Was das Szenario natürlich umso eindrücklicher und erschreckender machte, bei Erscheinen aber deutlich weiter weg und fantastischer erschien als heutzutage.

Geendet hat Der Report der Magd offen. Man konnte nicht wissen, was mit der abtrünnigen Magd Desfred geschehen würde. Dass das Terrorregime allerdings nicht von Bestand war, verriet der Epilog, der von einem Symposion der Gilead-Studien aud dem Jahr 2195 berichtete. „Gibt es irgendwelche Fragen?“ lautete der letzte Satz.

15 Jahre später

Nun, 35 Jahre später, in der Handlung in Gilead aber nur 15 Jahre weiter, werden im Folgeband Die Zeuginnen von Margaret Atwood einige der natürlich noch bestehenden Fragen beantwortet. Vordringlich natürlich die, wie es mit Gilead und Desfred weitergegangen ist.

Drei Frauen berichten, eine davon ist Tante Lydia, die anderen beiden sind „Zeuginnen“ unterschiedlicher Seiten. Da ist zum einen Agnes, privilegierte Kommandantentochter, die mit einem viel älteren hochrangigen Mann verheiratet werden soll und erfährt, dass sie eigentlich das Kind einer Magd ist. Und da ist zum anderen Daisy, die in Kanada lebt und erst durch den Tod ihrer Eltern bei einem Bombenattentat nicht nur erfährt, dass diese Mitglieder der Widerstandsorganisation, „Mayday“ genannt, waren, sondern auch dass sie ebenfalls das Kind einer Magd ist und als Säugling nach Kanada verbracht wurde. Man ahnt sehr bald, und deshalb lässt es sich auch hier spoilern, dass sie „Die kleine Nicole“ ist, jenes Baby von Desfred, das aus Gilead gerettet werden konnte und dort nun eine Art Märtyrerstatus genießt.

Margaret Atwood
Margaret Atwood 2013 by Bart Teeuwisse (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

Diese drei Frauen berichten nun einer nicht näher bekannten Instanz von ihrem Leben in Gilead, wobei Tante Lydias Part eine Art Rechenschaftsbericht ist, den sie heimlich verfasst hat. Auch von ihrem Vorleben als Richterin in den USA erfährt man, von ihrer Verhaftung durch die neuen Machthaber von Gilead, ihre Umerziehung und ihren Opportunismus. Sie hatte als Tante als eine der wenigen Frauen Zugang zu Büchern und durfte schreiben. Beides war den anderen Frauen streng verboten.

gute unterhaltung

Im Gegensatz zum eher nachdenklichen Report der Magd ist Die Zeuginnen deutlich handlungsbetonter und actionreicher und steuert auf einen rasanten Schlusspunkt zu. Es gleicht dadurch mehr einer Abenteuergeschichte als einer gedankenreichen Dystopie. Vieles wird erklärt, was in seinem Vorgänger wohltuend offen blieb. Auch literarisch ist es deutlich anspruchsloser, schlichter. Deshalb gleich zu Beginn der Rat, die beiden Bücher trotz ihrer engen Verwandtschaft nicht direkt miteinander zu vergleichen. Denn dann würde man als begeisterte Report der Magd-Leserin sicher eher enttäuscht zurückbleiben.

Als intelligenter, engagierter Unterhaltungsroman kann Die Zeuginnen aber auf jeden Fall bestehen. Und lenkt auf begrüßenswerte Weise die Aufmerksamkeit erneut auf seine Vorgängergeschichte als auch auf die wunderbare, engagierte Margaret Atwood. Ihr Thema bleibt die Gewalt und der Hass, der Frauen unbegreiflicherweise und anscheinend unausrottbar immer wieder entgegengebracht wird.

Sie lässt es sich aber nicht nehmen, auch diesen Themen mit dem ihr eigenen, großartigen, bitteren Humor zu begegnen. Und so endet auch Die Zeuginnen mit dem Bericht über das nunmehr dreizehnte Symposion im Jahr 2197 nicht ohne die Ankündigung des jährlichen Angelausflugs. Ich höre Margaret Atwood leise kichern.

Eine weitere Besprechung könnt ihr auf Lesen in vollen Zügen finden

Beitragsbild: Cover Handmade´s tale by Tom Blunt (CC BY-ND 2.0) via Flickr

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Margaret Atwood - Die Zeuginnen.

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Margaret Atwood – Die Zeuginnen
Übersetzt von: Monika Baark
Berlin Verlag September 2019, 576 Seiten, Hardcover, € 25,00

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