Mike McCormack – Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

Es ist der Allerseelenmorgen, der 2. November 2008, mit dem Mike McCormack seinen 2017 für den Man Booker Prize nominierten Roman „Solar Bones“, auf Deutsch unter dem etwas sperrigen Titel „Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“ bei Steidl erschienen, eröffnet. Das Datum wird im Verlauf des Buchs noch eine besondere Bedeutung erhalten.

Marcus Conway, um die 50, leitender Bauingenieur für das nordwestirische County Mayo, Ehemann von Mairead und zweifacher Vater, hört in der Küche seines Hauses das Angelus-Läuten. Sein Gedankenstrom, den wir auf den nächsten 260 Seiten begleiten, ein einziger Satz, zwar gegliedert durch Kommata und Zeilensprünge, aber niemals angehalten durch einen Punkt, ein Gedankenstrom ganz im Sinne eines berühmten, ebenfalls irischen Klassikers, nämlich James Joyces, beginnt reichlich wirr – und man sollte sich davon auf keinen Fall abschrecken lassen:

„die Glocke
die Glocke und
die Glocke hören und
die Glocke hören und hier stehen
hier stehen und die Glocke hören
die Glocke im grauen Licht dieses
Morgen, Mittag oder Abend
was weiß ich
an diesem grauen Tag hier stehen und
diese Glocke hören mitten am Tag, die Mittagsglocke, die Angelusglocke                                      mitten am Tag, wie sie durchs graue Licht schallt“

gelungenes formales experiment

Ein derartiger Formwillen, besonders wenn er sich auf einen Klassiker beruft, kann leicht gekünstelt und gezwungen wirken. Mike McCormack gelingt dieses formale Experiment aber erstaunlich locker, frisch und gut lesbar. Schon bald zieht der Text die Leserin in einen Sog, der angesichts des bereits im Titel angekündigten „Gewöhnlichen“ eine überraschende Spannung entwickelt.

Marcus Conway ist allein zu Hause, seine Frau Mairead wird erst in vier Stunden von der Arbeit zurück sein. Marcus liest in den Tageszeitungen, was ihn zu Gedanken über lokale und nationale Politik verleitet, den Hungerstreik verschiedener IRA-Anhänger in Mayo in den 1970er Jahren, den Wirtschaftsboom nach dem EU-Anschluss von Irland 1973 und die gerade durchlebte Finanzkrise.

Er erinnert sich an seine Kindheit, den bewunderten, lebenstüchtigen Vater, an das Leben der Eltern. Einen großen Teil seiner Gedanken schweifen zu seiner Ehe mit Mairead, die Krise, die sie nach einem Seitensprung von Marcus bei einer Geschäftsreise nach Prag durchlebte, die schwere Erkrankung Maireads, die durch eine Verunreinigung des Trinkwassers im Mayo County an einem parasitären Befall mit Kryptosporidien litt. Auch Gespräche mit seinen Kindern, der 22jährigen Malerin Agnes und dem etwas ziellosen Darragh, der als Backpacker in Australien unterwegs ist, ziehen ihm durch den Sinn. Besonders der Besuch einer ersten Ausstellung von Agnes, deren dabei gezeigten Werke mit Eigenblut entstanden sind, ist Marcus dabei in immer noch erschreckender Erinnerung.

ein gewöhnliches leben

Es ist nichts wirklich spektakuläres an diesen Erinnerungen. Sie sind fragmentiert, assoziativ und abschweifend. Marcus analysiert dabei gerade auch sich selbst immer wieder messerscharf. Das Besondere liegt hier in der Form. Und im Ende, das dem Text schließlich eine ganz andere, neue Dimension hinzufügt.

Mike McCormack ist mit „Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“ ein überaus originelles, sehr beachtenswertes Buch gelungen, dem auch hier in Deutschland unbedingt die Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte, die es in der englischsprachigen Welt bereits genießt. Zumal Bernhard Robben das Buch ganz ausgezeichnet übersetzt hat.

 

Eine weitere Besprechung findet ihr bei letteratura

Beitragsbild: Allerseelen by Julien-Baptiste Lepage (CC0)

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Mike McCormack – Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann.

Mike McCormack – Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann  
Übersetzt durch Bernhard Robben
Steidl September 2019, 272 Seiten, Leineneinband, 24,00 €

 

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