Norbert Scheuer – Winterbienen

Winterbienen stammen aus der letzten im Herbst aufgezogenen Brut. Ihre Aufgabe besteht darin zu überwintern und im Frühjahr erneut mit der Brutpflege zu beginnen. Dafür futtern sie sich im Herbst einen ordentlichen Eiweißvorrat an. Im Vergleich mit ihren Sommerkolleginnen leben sie deutlich länger, nämlich neun bis zehn Monate anstatt nur 45 Tage. In diesen Monaten kontrollieren sie die Temperatur im Bienenstock und produzieren gegebenenfalls Wärme durch starke Muskelbewegungen. So schützen sie Königin und Brut vor dem Auskühlen. Nach getaner Arbeit werden sie im Frühjahr aus dem Volk ausgestoßen und/oder getötet. Was zählt, das macht Norbert Scheuer in seinem großartigen Roman „Winterbienen“ deutlich, ist allein die Aufgabe, die die einzelne Biene für ihr Volk erfüllt.

Damit, dass er ganz deutlich auch die weniger schönen Seiten im Bienenstaat zeigt, unterscheidet sich der Roman sehr angenehm von den in jüngster Zeit ein wenig ins Kraut schießenden Büchern über Bienen, die oftmals reichlich verkitscht sind. Im Bienenvolk zählt die einzelne Biene nichts, sondern nur ihr Beitrag für die Gemeinschaft, ihr Nutzen. Hochorganisiert agieren die unterschiedlichen Arbeiterinnen in einer höchst faszinierenden Arbeitsteilung. Wer seinen Nutzen verliert, wird aus dem Bienenstaat ausgeschlossen und verendet. Das trifft beispielsweise die männlichen Bienen, die Drohnen, die nach der erfolgten Begattung der Königin ihren Dienst getan haben und danach für den Bienenstaat nutzlos werden.

Diese Organisation ist beeindruckend, aber sicher kein Vorbild für das Zusammenleben unter Menschen. Und doch kommen der Leserin unselige Parallelen zum nationalsozialistischen Staat in den Sinn, den Norbert Scheuer als Handlungsort für „Winterbienen“ gewählt hat. Auch hier war das Volk alles, der Einzelne nichts und wurde nach seinem Nutzen für die Volksgemeinschaft bewertet. Nicht zufällig war im NS-Staat so oft vom „Volk“ die Rede. Wer keinen Nutzen hatte, wurde gerne als „lebensunwert“ oder gar als „Volksschädling“ ausgesondert.

Bienen
Bienen by Waugsberg [CC BY-SA] via Wikimedia Commons
Auch der Held in „Winterbienen“ gilt in diesem Sinne als nutzlos. Er ist Epileptiker und wurde durch das Regime zwangssterilisiert. Dass er überhaupt noch leben darf und bisher noch nicht der nationalsozialistischen Euthanasiepraxis zum Opfer gefallen ist, verdankt er seinem als Jagdflieger sehr erfolgreichen Bruder Alfons und ein wenig auch der Abgelegenheit seines Heimatortes.

Es ist das Eifeler Urftland, die Gegend um den Ort Kall, die immer wieder Hintergrund der Romane Norbert Scheuers bildet. Eine karge Region mit beeindruckender Natur, in der Egidius Arimond, Mitglied der weitverzweigten Familie Arimond, die regelmäßig Scheuers Romane bevölkern, seine Bienenvölker pflegt. Egidius war einst Lateinlehrer am Ort, bevor er unter den Nazis seine Stelle verlor. Seitdem lebt er vom Verkauf von Honig, von Wachskerzen, die er herstellt, und von den Erträgen seines Ackers. Außerdem gibt er Nachhilfestunden in Latein. Und versucht mithilfe des Antiepileptikums Luminal möglichst unauffällig zu leben. Was ihm auch lange Zeit recht gut gelingt. Wegen seiner Erkrankung vom Kriegsdienst freigestellt, genießt er seine neben den Bienen zweite Leidenschaft, die Frauen. Diese sind wegen des kriegsbedingten Männermangels seinen männlichen Reizen sehr zugetan.

Seine dritte Liebe gilt den Büchern. Regelmäßig ist er in der Ortsbücherei anzutreffen, wo er ein altes Manuskript aus dem Lateinischen überträgt. Verfasst wurde es vom Mönch Ambrosius Arimond im Jahr 1489. Auch er ein Vorfahr der Arimonds und großer Bienenfreund. In diesen Aufzeichnungen, die stellenweise im Buch abgedruckt sind, erzählt er von der schwierigen Alpenüberquerung, die bei der Rückführung des Herzens von Cusanus, seines Zeichens Bischof von Brixen, Theologe, Philosoph und Generalvikar des Vatikans, in seine Heimatstadt Kues zu bewältigen war.

Das eigentlich recht angenehme Leben von Egidius Arimond abseits der Kriegshandlungen wird nach der Landung der Allierten und ihrem Vorrücken nach Westen zunehmend schwieriger. Die lange Zeit weit hoch oben vorbeifliegenden britischen und amerikanischen Bombergeschwader, meist mit Ziel Ruhrgebiet und Köln, werden nicht nur häufiger, sondern es gibt immer häufiger auch Alarm in den kleinen Eifelstädten. Wie sich der Krieg in das Eifelgebiet hineinfraß, konnte man unlängst im Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky lesen.

Imker
Imker by cverkest auf Pixabay

Die Aufzeichnungen Egidius Arimonds, aus denen Norbert Scheuer seinen Roman „Winterbienen“ entstehen lässt, beginnen im Januar 1944 und setzen sich fort bis in den Mai 1945. In seinem Tagebuch erzählt er von seiner Arbeit mit den Bienen, seinem Alltag, den fortschreitenden Kriegshandlungen, seiner Tätigkeit als Fluchthelfer für Juden. Von einer ihm unbekannten Organisation bekommt er immer wieder Anweisungen, Menschen über die Grenze nach Belgien zu schleusen. Hitler gegenüber durchaus kritisch eingestellt, geht er dieser Tätigkeit aber nicht nur aus altruistischen Motiven nach. Er braucht das Geld für seine teuren Medikamente. Egidius versteckt die Flüchtlinge in einem alten Bergwerksstollensystem, zu dem ein Zugang in seinem Garten liegt. In einer Grotte hinter einem unterirdischen See sind die Menschen relativ gefahrlos über eine gewisse Zeit zu versorgen, bis Nachricht kommt, sie an die belgische Grenze zu bringen. Hier hat Egidius einige seiner Bienenvölker stehen, weswegen er dorthin einen Passierschein besitzt. Geschmuggelt werden die Flüchtlinge in präparierten Bienenkästen.

Die verschärfte Kriegslage bedingt, dass eine Flucht über die belgische Grenze immer schwieriger wird. Zudem wird ein abgeschossener Amerikaner im Stollensystem vermutet, was häufige Suchtrupps bedingt. Immer weniger Flüchtlinge bedeuten für Egidius aber auch immer weniger Geld. Und seine Medikamente werden zur Mangelware und dadurch immer teurer. Da der Apotheker, ein strammer Nationalsozialist, wenig hilfsbereit ist, ja den Kranken sogar anzeigt, was diesem drei Wochen Gestapo-Folterkeller einbringt, häufen sich die Epilepsie-Anfälle und werden immer schlimmer.

Die äußere und die innere Welt von Egidius Arimond ist immer mehr in Auflösung begriffen. Dem gegenüber steht der weitgehend ruhige, sachlich-lapidare Ton der Aufzeichnungen. Sehr viel Interessantes über das faszinierende Zusammenleben der Bienen wird erzählt, einiges über den Krieg in der Eifel. Dazu kommt noch das Leben eines durch seine Krankheit zum extremen sozialen Außenseiter gemachten Menschen. Dabei ist Egidius Arimond kein strahlender Held oder ein beklagenswertes Opfer. Eine Stärke von „Winterbienen“ ist die ambivalente, sehr reflektierte Erzählweise.

Von leiser Spannung, bildstark, gerade in den Naturschilderungen, komplex, mit sanfter Ironie und auch formal durch zarte Zeichnungen diverser Kampfflugzeuge (aus der Feder von Scheuers Sohn Erasmus) schön gestaltet, ist „Winterbienen“ von Norbert Scheuer schon jetzt eines meiner Lesehighlights im noch jungen Jahr 2020.

 

Weitere Besprechungen beim Bookster HRO, Literatur leuchtet, Zeichen und Zeiten und Frau Lehmann liest

Beitragsbild: Bild von Emilian Robert Vicol auf Pixabay

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Norbert Scheuer - Winterbienen.

Norbert Scheuer – Winterbienen

C.H.Beck Juli 2018, Hardcover, 319 Seiten, mit 13 Zeichnungen, € 22,00

 

2 Gedanken zu „Norbert Scheuer – Winterbienen

  1. Ein ganz großartiger Roman, den ich sehr gern gelesen habe. Ich denke, er hätte ebenfalls den Buchpreis verdient. Es wird sicherlich nicht der letzte Roman Scheuers sein, den ich lese. Ich sollte mir seine früheren Werke mal vornehmen. Viele Grüße

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