Stewart O’Nan – Henry persönlich

Die Familie Maxwell, eine ziemlich typische Mittelstandsfamilie. Sie stand bereits zweimal im Mittelpunkt von großartigen Romanen: 2002 erschien „Abschied von Chautauqua“, 2011 folgte „Emily allein“. Warf ersterer multiperspektivisch einen Blick auf alle Familienangehörigen, die sich anlässlich von Verkauf und Ausräumung des Ferienhauses am Lake Chautauqua/New York noch einmal dort versammelt hatten, konzentrierte sich „Emily allein“ eben auf jene, die im ersten Teil gerade ihren Ehemann Henry verloren hatte und jetzt, zehn Jahre später, als nunmehr 80jährige ihren Alltag bestritt. Im nun dritten Teil der Familiengeschichte geht Stewart O’Nan noch einmal in der Zeit zurück und lässt in „Henry persönlich“ den Verstorbenen wieder lebendig werden.

henry und emily

Es ist das Jahr 1998, das wir an der Seite von Henry, ganz nah, verbringen. Henry wird seinen 75. Geburtstag erleben und den 49. Hochzeitstag mit Emily, die Vorbereitungen für die Goldene Hochzeit laufen bereits. Den Valentinstag verbringt er ganz romantisch mit seiner Frau im Restaurant, im Juni versammelt sich die ganze Familie – neben Henry und Emily auch Henrys Schwester Arlene und die Kinder Kenneth und Margaret mit ihren Familien – im Haus am Chautauqua Lake, um dieses für die Feriensaison vorzubereiten. An Halloween ziehen die Nachbarskinder um die Häuser und das Thanksgiving läuft diesmal anders als geplant, weil Margaret einen Autounfall hatte und Emily zu ihr fliegt, um sich um sie zu kümmern.

chautauqua-lake
Chautauqua Lake by Banderas / Public domain via Wikimedia Commons

Margaret ist, die Leser*innen von O’Nan wissen es bereits, ein wenig das Sorgenkind der Familie. Rebellisch und von klein auf unbequem, hat sie ein Alkoholproblem und offensichtlich steckt auch ihre Ehe mit Jeff in der Krise. Besonders Henry gibt sich immer wieder die Schuld an ihren Problemen, beklagt die fehlende Nähe zu seiner Tochter. Er ist dabei ein typischer Vertreter seiner Generation und seines Geschlechts, ein Schweiger, der über seine Gefühle kaum sprechen kann, sich lieber in seine Werkstatt zurückzieht und tagelang herumwerkelt. Er ist konfliktscheu, ziemlich unselbständig, auch wenn er sich auf seine Findigkeit als Ex-Ingenieur einiges zu Gute hält, kann ziemlich pedantisch, zwanghaft und störrisch sein. Im Grunde ist er aber zutiefst rechtschaffen und vor allem seiner Emily treu und liebevoll zugetan.

Emily ist die Pragmatische, Zupackende, die den ganzen Laden zusammenhält. Manchmal ist sie recht schroff, verschanzt sich hinter ihrem Strickzeug, aber auch sie liebt Henry aufrichtig.

henry allein

Henry ist an besagtem Thanksgiving nun derjenige, der „allein“ ist, die Vorbereitungen für das Fest, für das sich Kenny und seine Familie angekündigt haben, selbst bewältigen muss. Er schafft das überraschend gut. Dabei macht sich das Altern bei ihm zunehmend, aber, und auch das ist typisch, standhaft verleugnet, bemerkbar. Stewart O’Nan ist, wie bereits in „Emily allein“, ein Meister darin, dieses Altern, die zunehmenden Unzulänglichkeiten, das Bemühen, weiter wie gewohnt zu funktionieren, auf sehr empathische Weise zu schildern.

Es ist ein weitgehend banales Alltagsleben, das Stewart O’Nan in „Henry allein“ mit Akribie, Achtsamkeit und großer Detailfreudigkeit schildert. Seinen Protagonisten ist er mit unglaublicher Zuneigung und großem Einfühlungsvermögen zugetan. Auch wenn er sie durchaus ambivalent gestaltet, sie nicht durchweg sympathisch sind. Alle Familienmitglieder, bis zu den Enkeln und zum Hund Rufus, sind Individuen, die man als Leser*in sehr schnell ins Herz schließt. Und die auch über die vielen Jahre, die zwischen den einzelnen Teilen der Maxwell-Geschichte liegen, dort verbleiben.

Lake Chautauqua
Lake Chautauqua by Banderas / Public domain via Wikimedia Commons
Liebeserklärung an das gewöhnliche Leben

Stewart O’Nan erzählt in einzelnen, manchmal sehr kurzen Episoden. Wie kleine Mosaiksteinchen setzen sie sich zusammen zur Lebensbilanz eines Mannes, dem Bild einer Familie, einem unspektakulären, aber dadurch nicht weniger berührenden Mikrokosmos. Ein Kritiker nannte das Buch eine „Liebeserklärung an das gewöhnliche Leben“. Das trifft es sehr gut.

Stewart O’Nan Sprache ist lakonisch, seine Erzählweise ruhig, sprachlich brillant. Die Leser*innen sollten einen gewissen Sinn für Entschleunigung haben, um den Roman wirklich genießen zu können. In weiten Teilen werden alltägliche Verrichtungen beschrieben, es gibt keine ausufernden Emotionen, großen Dramen, Abgründe. Die Umwelt, die Gesellschaft kommen nur in homöopathischen Dosen vor, etwa wenn die sozialen und gesellschaftlichen Umbrüche in den USA und die ökonomischen Verschiebungen in Henrys Heimatstadt Pittsburgh angedeutet werden.

Dennoch erzählt Stewart O’Nan mit „Henry persönlich“ vom Wichtigsten überhaupt, vom Leben nämlich. Das ist zutiefst menschlich und ich offenbare mich zum wiederholten Male als absoluter Fan von denjenigen Autoren, die darüber so wunderbar schreiben können wie Stewart O’Nan, der mit seiner Maxwell-Trilogie ganz ganz weit vorn bei den für mich wichtigsten Büchern überhaupt steht.

 

Eine weitere Besprechung bei Letteratura

Beitragsbild via publicdomainpictures.net

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Stewart O`Nan - Henry, persönlich.

Stewart O’Nan – Henry persönlich

übersetzt von: Thomas Gunkel

Rowohlt Oktober 2019, gebunden, 480 Seiten, € 24,00

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