James Wood – Upstate

Amerikanische Autoren sind Meister im Genre des Familienromans. In immer wieder neuen Ausprägungen wird die kleinste gesellschaftliche Institution beleuchtet, analysiert und beschrieben. Mehr oder (meistens) weniger glücklich, als klassische Vater-Mutter-Kinder-Konstellationen, generationenübergreifend oder mittlerweile auch zunehmend als Patchwork oder queere Familien, aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten, mit oder ohne biografischen Hintergrund begegnen der Leser*in unzählige Familiengeschichten von US-amerikanischen Schriftstellern. Der bekannte Literaturkritiker James Wood hat diesen mit „Upstate“ eine weitere hinzugefügt.

saratoga Springs

Upstate New York umfasst den nördlichen Teil des Bundesstaates, der abseits von NYC und Long Island gelegen ist. Hier, in Saratoga Springs, lehrt Vanessa Querry am Skidmore College, einer privaten Kunsthochschule, Philosophie. Vanessa stammt aus England, und von dort reist ihr Vater, der Bauunternehmer Alan an, als ihn eine Art Hilferuf von Vanessas Freund Josh erreicht. Dieser hat Helen, die zweite Tochter Alans und als Musikmanagerin von Sony gerade in New York unterwegs, kontaktiert und angedeutet, dass Vanessa, die schon früher psychische Probleme hatte, in einer depressiven Krise stecke.

Von sechs Tagen im Februar 2007 wird erzählt. Alan trifft sich mit Helen in New York City, die beiden fahren mit Amtrak nach Saratoga Springs, besuchen Vanessa, die nach einem Treppensturz einen gebrochenen Arm besitzt, und Josh. Sie denken ein bisschen an früher, an die bereits vor mehr als zehn Jahren verstorbene Mutter Cathy, die die Familie bereits als die Mädchen noch klein waren verlassen hat, reden, kommen sich näher, bleiben sich fern und machen sich Sorgen.

Denn obwohl außer einer leichten Depression Vanessas nichts wirklich im Argen liegt, könnte aber doch so viel passieren. Die personalen Perspektiven wechseln fortlaufend und oft abrupt zwischen den einzelnen Personen.

Saratoga Springs Broadway
Saratoga Springs Broadway by Onasill (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr
sorgen, sorgen, sorgen

Alan, der sich ein kleines Immobilienunternehmen aufgebaut und damit sehr gut verdient hat, macht sich Sorgen, da es in der Heimat, dem Nordosten England nicht mehr so gut geht in der Immobilienbranche. Es gibt viel Leerstand, die Geschäfte laufen nicht mehr so wie gewohnt. Zu Beginn des Buches fragt er sich, wie lange er noch die Unterbringung seiner greisen Mutter im luxuriösen Seniorenheim wird stemmen können. Es ist wohlgemerkt 2007, die weltweite Finanzkrise deutet sich schon an. Mit Barack Obama betritt ein schwarzer Präsidentschaftskandidat die Politbühne und beflügelt die Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Wandel in den USA, mit dem ersten I-Phone kündigt sich eine digitale Revolution an. Umbrüche, die aber auch Anlass sind für Ängste.

Helen ahnt die grundlegende Veränderung im Musikbusiness. Musik wird digital. Wo bleibt da die Plattenindustrie? Sie bereitet ihren Abschied von Sony vor. Ihr hektisches Managerleben lässt sie ihre zwei kleinen Kinder oft vermissen.

Vanessa wiederum leidet immer noch unter der Trennung ihrer Eltern, dass die Mutter sie einst verlassen hat. Diese Verlassensängste hat sie nun auch gegenüber Josh. Gleichzeitig vermisst sie aber auch ihre alte Heimat England, fühlt sich im Skidmore College festgefahren. Aber würde Josh mit ihr nach England gehen?

how fiction works

Sorgen, Sorgen. Es geht um Abhängigkeit und Eigenständigkeit, Nähe und Distanz, die Bedeutung familiärer Bindungen in ungewissen Zeiten. Immer wieder geht es auch um Musik. „Hard times come again no more“ – wirklich?

Der Kritiker James Wood hat 20o8 mit „How fiction works“ ein Regelwerk zum Verfassen literarischer Texte veröffentlicht und nun mit „Upstate“ bewiesen, dass er es selbst beherzigen kann. Das Buch liest sich gut, ist tadellos gebaut, lässt Leser*innen und sich selbst wohltuend viel Zeit. Insgesamt habe ich „Upstate“ gerne gelesen, wirklich ans Herz, wie etwa der zuvor gelesene Roman „Henry, persönlich“ von Stewart O`Nan,  thematisch sehr ähnlich, ist er mir nicht gegangen. Dazu bleibt der Autor zu analytisch-distanziert, das Erzählte zu leichtgängig, die Figuren auch ein wenig zu blass.

 

Beitragsbild: Old Farmstead in Spring, Upstate New York by Melinda * Young (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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James Wood - Upstate.

James Wood – Upstate 

übersetzt von: Tanja Handels

Rowohlt November 2019, gebunden, 304 Seiten, € 22,00

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