Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn und Jacqueline Thör – Nenn mich einfach Igel

Zwei schmale Debütromane von deutschen Autorinnen. Die 1980 geborene Alexandra Riedel schreibt über entgangene Elternliebe und Geborgenheit in “Sonne, Mond, Zinn”. Jacqeline Thör wählt als Protagonist einen jungen Hermaphrodit.

Alexandra riedel – sonne mond zinn

Anton Hamann ist tot. Der Direktor des Observatoriums starb in hohem Alter und hinterlässt die Witwe Isolde und die beiden Söhne Ulrich und Anselm. Zur Beerdigung ist auch Gustav Zinn erschienen. Er ist der Enkel des alten Hamann, aber weder Ulrich noch Anselm ist sein Vater. Seine Mutter Esther Zinn ist eine uneheliche Tochter von Anton, nicht ungeliebt, aber verleugnet, argwöhnisch beäugt von der eifersüchtigen Isolde Hamann und verfolgt vom Klatsch und dem Misstrauen des kleinen Orts. Heimlich teilt sie des Vaters Leidenschaft für die Planeten und die Sterne, bewundert ihn, sehnt sich nach dessen Nähe und Aufmerksamkeit. Da sich Anton aber unter dem Druck seiner Frau nie ganz zu ihr oder gar ihrer Mutter bekennt, leidet das Mädchen. Aber auch an Isolde und ihren Söhne geht die Untreue natürlich nicht spurenlos vorbei.

Das Buch handelt von Antons Beerdigung, von der die Gedanken immer wieder abschweifen zu Esther Zinn, zur Mutter, die Ich-Erzähler Gustav Zinn, ebenfalls vaterlos groß geworden, immer wieder im liebevollen „Du“ anredet. Es geht um die Macht der Familie, selbst dann, wenn man eigentlich gar keine hat.

bayern2-wortspiele preis 2020

Alexandra Riedel schreibt in einem originellen, frischen, sehr gelungenen Erzählton, spielt mit (echten und vermeintlichen) Literaturzitaten, Reimen, Dialogen, webt zarte Ironie in ihren Text. Kurz drohte sie mich als Leserin zu verlieren, als sie in einer Episode zu sehr in die Welt der Planeten abschweifte, zu diffus wurde, ihr gelang aber rechtzeitig wieder die Landung auf der Beerdigung. Mir hat dieses Debüt insgesamt sehr gefallen.

Alexandra Riedel gewann mit „Sonne, Mond, Zinn“ den diesjährigen Bayern 2-Wortspiele-Preis 2020. Der Preis ist mit einem Preisgeld in Höhe von 2000 Euro und einem Stipendium am Goethe-Institut in Peking dotiert. “Ein stilsicherer, nachdenklicher, auch komischer Text, der elegant Fragmente aus Vergangenheit und Gegenwart verwebt und in einer vertrackten Perspektive erzählt, im “Du” an die Mutter”, heißt es in der Jury-Begründung.

Für mich auch ein heißer Tipp für den Debütpreis 2020

Alexandra Riedel - Sonne Mond Zinn

 

.

SONNE, MOND, ZINN
Alexandra Riedel
Verbrecher Verlag Januar 2020, Hardcover, 112 Seiten, 19,00 €

 

 

 

jacqueline thör – nenn mich einfach igel

Die 1993 geborene Jacqueline Thör wählt ein eher ungewöhnliches Thema für ihren ersten Roman „Nenn mich einfach Igel“. Igel ist verletzlich, in sich gekehrt, in manchen Situationen fahren sich wie von selbst die Stacheln aus. Dann verletzt Igel sich selbst oder andere. Igel ist anders, weder Mann noch Frau, intersexuell, ein Hermaphrodit. Seitdem ihre Mutter immer wieder in Kliniken bleiben muss, um einen Alkoholentzug zu machen, lebt Igel im „Schloss“ mit anderen Jugendlichen bei Louise. Louise ist selbst als Mann auf die Welt gekommen und hat ein besonderes Verständnis für und Verhältnis zu Igel.

Eines Tages kommt ein neues Mädchen ins Schloss, Sascha. Oder ist Sascha ein Junge? Igel fühlt sich sehr schnell zu Sascha hingezogen und es entwickelt sich eine enge, auch sexuelle Beziehung. Aber ist Sascha wirklich zu trauen? Was ist die Merkur-Bewegung, zu der sie/er sich bekennt. Warum war Sascha im Jugendgefängnis?

Es ist ein wirklich außergewöhnliches Thema, das Jacqueline Thör ihren Leser*innen sehr sensibel nahe bringt und Igel ist eine sehr besondere Hauptfigur. Dennoch habe ich mich ihr und ihren Verhaltensweisen nie ganz nähern können. Und das Ende hat mich regelrecht verstört. Deshalb hier keine eindeutige Leseempfehlung.

 

.

Jacqueline Thör – Nenn mich einfach Igel

Elif Verlag 2019, 200 Seiten / Hardcover, € 20,00

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.