Tanya Tagaq – Eisfuchs

Wer je den Kehlkopfgesang der Inuit hören konnte (anlässlich der Übergabe der Gastlandrolle der Frankfurter Buchmesse von Norwegen an Kanada hatte ich die Gelegenheit dazu), wird ihn nicht mehr vergessen. Zutiefst fremdartig, hart, drängend, fast ein wenig gewaltvoll, zugleich werbend, lockend und zärtlich ist diese Art des Gesangs ein wenig verstörend und für unsere Ohren ganz sicher eines nicht: schön. All das trifft auch auf den Debütroman der kanadischen Sängerin und Performerin Tanya Tagaq, „Eisfuchs“ zu.

kindheit in nunavut

Die 1975 geborene Inuk Tagaq stammt aus dem nördlichsten Territorium Kanadas, Nunavut. Dieses mit ca. 39.000 Einwohnern auf mehr als 2 Mio. Quadratkilometern sehr dünn besiedelte Permafrostgebiet am Rand des Eismeers wählt Tanya Tagaq auch als Schauplatz von „Eisfuchs“. Dort lebt die zu Beginn, im Jahr 1975 elfjährige Ich-Erzählerin. Es ist eine verstörend unbehütete Welt, in der die Kinder dort leben. Die Residential Schools, die bis 1996 betrieben wurden und in denen die indigenen Schüler segregiert und von ihren kulturellen Wurzeln abgetrennt wurden, waren Orte der psychischen und physischen Übergriffe, sowohl unter den Schülern selbst als auch von Lehrerseite. Die Ich-Erzählerin berichtet fast lakonisch, auf jeden Fall resigniert von sexuellem Missbrauch, Mobbing, Gewalt.

In den Familien sieht es nicht besser aus. Tanya Tagaq erzählt von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, ständig berauschten Verwandten und Dauer“partys“ daheim. Die „Onkel“ verirren sich dann gerne auch mal ins Kinderzimmer. In einer solchen Umgebung groß zu werden, ist hart, härtet ab. Die Pubertierenden sind auch gegeneinander grausam, ihr Verhältnis ist mitunter stark sexualisiert. Langeweile herrscht und Rivalität. Sie hängen herum, hören AC/DC und experimentieren mit Drogen. Man trifft sich zum Schnüffeln, Butangas, Benzin, Klebstoff.

„Mord kann heilen, wenn er sparsam eingesetzt wird. Mord kann uns nähren. Das Leben mordet uns jeden Tag.“

„Mitgefühl ist für die, die es sich leisten können. Mitgefühl ist etwas für Privilegierte. Mitgefühl ist nichts für die Natur.“

Tanya Tagaq setzt sich für die Rechte und Traditionen der Inuit ein und ist deswegen auch eine engagierte Befürworterin der Jagd auf Jungrobben. Diese Jagd geschehe in Einklang mit der Natur und den jahrtausendealten Inuittraditionen, sagt sie. Die kanadische Regierung habe ebenso wenig ein Recht, sich in diese Lebensweise einzumischen wie Tierrechtler. (Quelle: Laut.de)

Eisfuchs
Eisfuchs by Quartl / CC BY-SA  via Wikimedia Commons

Eingebettet ist ihre Erzählung in eine raue Natur. Eisige Kälte – die Kinder bekommen erst unter -50° C schulfrei -, monatelange Dunkelheit, Sommermonate, in denen die Sonne niemals untergeht. Da bleibt wenig Platz für Naturromantik. Und doch ist die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur extrem eng. Tanya Tagaq lässt sie in „Eisfuchs“ auf flirrende Art einfließen.

animismus

Da ist zum einen die Titelfigur, der Eisfuchs, der der Ich-Erzählerin immer wieder erscheint. Sie ist wie ihre Schöpferin Tagaq durchdrungen vom Animismus, dem Glauben, dass die Dinge der Natur beseelt oder Wohnsitz von Geistern sind. Tanya Tagaq nannte ihr drittes Album 2014 „Animism“. Auch den Polarlichtern schreibt sie menschliche Kräfte zu, macht sie zu den Erzeugern der Zwillinge, die die Ich-Erzählerin (vermutlich nach einem sexuellen Übergriff) später zur Welt bringt.

„Es gibt noch andere Wirklichkeiten, die neben unserer existieren; das nicht zu glauben wäre reine Dummheit. Das Universum hat ein Bewusstsein.“

Diese Zwillinge oder vielmehr der Umgang der Mutter mit ihnen gehört für mich zum Verstörendsten im Text. Der Dualismus der Beiden – die Tochter gut, der Sohn böse – und wie die Ich-Erzählerin das „Problem“ löst, ist sicher symbolisch zu verstehen, ist aber so hart und gewaltvoll, dass ich nicht mehr folgen mochte.

fremdartige welt

Tanya Tagaq gewährt mit „Eisfuchs“ einen Einblick in eine ganz eigene, zutiefst fremdartige und irritierende Gedanken- und Lebenswelt. Nichts daran ist exotisch, liebenswert, freundlich. Es ist eine kalte, gewaltvolle Welt, in die sie uns führt. Tagaq hat sie aus Erinnerungen, Tagebüchern aus Schulzeiten und Traumtagebüchern sprachmächtig hervorgeholt. Mythen der Inuit, Animismus und Geisterwelt, flirrend surreale Traumsequenzen und harte Alltagsbeobachtungen – die Autorin fügt sie zu einer intensiven Collage aus kurzen Erzählungen, Gedichten und Vignetten zusammen, ergänzt durch stark reduzierte Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Jaime Hernandez.

Das ist trotz aller Poesie und Naturzeichnung nicht schön zu lesen, sondern hart und gewaltvoll, aber auch sehr dringlich und unmittelbar. Ein faszinierender Blick in eine fremdartige Welt.

Gewidmet hat Tanya Tagaq „Eisfuchs“ den „verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas, und Überlebenden der Residential Schools.“

Zu erwähnen wäre noch die wunderschöne Aufmachung des Buchs mit rotem Buchschnitt.

 

Auf YouTube kann man in Tanya Tagaqs Kehlkopfgesang hineinhören.

 

Beitragsbild: Rachel Uyarasuk (Iglulik, Nunavut, Canada) / CC BY-SA via Wikimedia Commons

Rezensionen beim Bookster HRO und dem Leseschatz

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Tanya Tagaq - Eisfuchs.

Tanya Tagaq – Eisfuchs

Übersetzt von Anke Caroline Burger
Verlag Antje Kunstmann Februar 2020, gebunden, 196 Seiten, € 20,00

3 Gedanken zu „Tanya Tagaq – Eisfuchs

  1. Hallo Petra,
    dieser Debütroman steht auch auf meiner Liste der noch zu lesenden Büchern.
    Das Cover ist sehr schön, ich habe alerdings die eBook-Version.
    Über diese Kultur weiss ich nur sehr wenig.
    Liebe Grüße
    Silvia

    1. Liebe Silvia, das Buch ist wirklich wunderschön gestaltet. Der Inhalt ist aber recht irritierend, grausam, mystisch. Ich fand es sehr interessant, aber auch abstoßend. Bin gespannt, was du sagen wirst. LG, Petra

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