Jonathan Coe – Middle England

Bevor die Corona-Krise das gesellschaftliche Erschrecken auf eine ganz neue Dimension gehoben hat, haben wir bereits etliche Szenarien durchlebt, die man sich noch vor wenigen Jahren gar nicht vorstellen konnte und die nun Realität geworden sind. Ob das das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut mit Wahlsiegen der extremen Rechten und Anschlägen auf Politiker, nach „Migrationshintergrund“ aussehenden Mitbürgern und Synagogen war. Oder die Wahl eines ungehobelten, intellektuell eher dürftig ausgestatteten und extrem narzisstischen Mannes zum Präsidenten des mächtigsten Staates weltweit. Oder aber die Lossagung von „Good Old England“ von der Europäischen Union. All diese Dinge haben alte Überzeugungen vom zivilisatorischen Fortschritt, vom Zusammenwachsen der Menschheit, von der Überwindung nationalstaatlicher Hürden tief erschüttert und wir stecken noch mittendrin in diesen Entwicklungen. Über den Brexit hat Jonathan Coe nun einen Roman veröffentlicht, „Middle England“.

rotters club

Den Hauptprotagonisten Benjamin Trotter und einige der Nebendarsteller kennt man vielleicht bereits aus vorhergehenden Romanen des Autors, „Erste Riten“ und „Klassentreffen“ von 2001 bzw. 2004. Coe hat darin die Siebziger bzw. Neunziger Jahre in England satirisch-sozialkritisch unter die Lupe genommen. Nun sind die Jahre 2010 bis 2018 an der Reihe und Jonathan Coe versucht sich an der Analyse der Vorbedingungen, die am 23. Juni 2016 auch zur Überraschung der das Ganze initiierenden Politiker, allen voran Ex-Premierminister David Cameron, zum Referendum gegen die EU und damit zum Brexit führte.

Als Hauptschauplatz wählt Jonathan Coe, der Titel verrät es, nicht das urbane, weltoffene London, das auch mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt hat, sondern die Gegend um seine Geburtsstadt Birmingham. Die zweitgrößte Stadt Großbritanniens war einst das Herz der Industriellen Revolution, inmitten des Kohlereviers und Zentrum vor allem der metallverarbeitenden Industrie. Wie alle Industriestandorte hat auch dieses „Middle England“ zunehmend an Bedeutung verloren, die Arbeiterschicht verarmte, ihre Wohngebiete verkamen. Hier liegt der Nährboden für Unzufriedenheit und das Gefühl der Benachteiligung. Von hier aus geht der Riss durch England. Die Verlierer stehen vor den Scherben des Britischen Empires und sehen sich nach der alten Größe und Bedeutung, wenn sie schon von der Globalisierung und Digitalisierung nicht profitieren können.

Alte Mühle Middle England
The Old Mill: Bromfield  cc-by-sa/2.0 – © Pam Brophy – geograph.org.uk/p/31472
adieu to old england

Colin, der Vater von Benjamin Trotter ist so einer, der dem „Alten England“ nachtrauert, damals als er noch beim Autobauer British Leyland gearbeitet hat.

„Was ich nicht verstehe, ist, wo das hinführen soll. Wie wir so weitermachen können. Wir stellen nichts mehr her. Und wenn wir nichts mehr herstellen, haben wir nichts zu verkaufen, und wie . . . wie sollen wir dann überleben?“

Colin ist sicher nicht der einzige, der sich solche Frage stellt. Und auch in der aktuellen Situation sind solche Fragen aktuell.

Der Roman beginnt 2010, Colins Frau, Benjamins Mutter ist gerade gestorben. Mit ihrer Beerdigung beginnt der Roman. Benjamin ist vor Kurzem in eine alte Mühle gezogen und kann vom Verkauf seines Londoner Hauses, der Explosion der Immobilienpreise in der Metropole sei Dank, ganz gut leben. Seinen Job als Buchhalter hat er an den Nagel gehängt und widmet sich nun ganz seinem umfangreichen autobiografischen Romanwerk. Seiner großen Jugendliebe trauert er nach 30 Jahren immer noch hinterher, seine Ehe ist gescheitert.

Nun will er sich mit seiner Schwester Lois um den alten Vater kümmern. Lois lebt mit ihrem Mann Christopher in einer Fernbeziehung und leidet immer noch unter dem Trauma, bei den Bombenanschlägen der IRA im November 1974 in einem Pub den Tod ihres damaligen Freunds miterlebt zu haben. Ihre Tochter Sophie ist Kunsthistorikerin und unterrichtet an der Universität. Wegen eines Verkehrsdelikts muss sie eine Nachschulung machen und lernt dabei den Fahrlehrer Ian kennen, der später ihr Mann wird.

gesellschaftspanorama

Außer der Familie Trotter lernen wir noch einige Freunde von Benjamin kennen, die bereits in den vorangegangenen Romanen eine Rolle spielten – Doug Anderton, der Politjournalist mit der steinreichen Frau, der verzogenen Tochter und den guten Kontakten zum Berater David Camerons; Philip Chase, der Verleger; und Charlie, als Baron Schlaubirne bekannter Kinderclown, der in recht prekären Verhältnissen lebt.

Old England by Tom Parnell (CC BY-SA 2.0) via Flickr

Jonathan Coe versucht mit „Middle England“ ein möglichst breites Gesellschaftspanorama zu malen und die Bestandsaufnahme einer ganzen Epoche zu machen, vom Finanzcrash 2009 über die den „Change“ verheißende Bildung der Konservativ-liberalen Koalitionsregierung unter David Cameron, die Londoner Unruhen 2011, die großartigen Feierlichkeiten anlässlich der Eröffnung von Olympia 2012 in London, den Aufstieg Jeremy Corbyns zum Führer der Labour Party, den Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox durch einen Rechtsextremisten 2016 bis zum Referendum für den Brexit. Es gelingt ihm gut, diese schleichenden und sich zunehmend beschleunigenden Verfallsprozesse in der britischen Gesellschaft zu erfassen, ohne sie zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Er erfasst die Stimmung im Land, zeigt wie die berühmte Mitte bröckelt, die Fronten sich verhärten und das Hauen und Stechen in der Politik überhand nimmt.

unterhaltsam und ironisch

Jonathan Coe macht das sehr unterhaltsam, (selbst)ironisch und auch ohne Scheu vor der einen oder anderen Stereotype. Über seine Sympathie für die „Remainers“, diejenigen, die an der EU festhalten wollten, macht er kein Geheimnis. Am Ende wird Benjamin mit seiner Schwester ein Gästehaus in Frankreich eröffnen – mit integriertem Schreibkurs. Denn sein – von 7000 auf 150 Seiten gekürzter – Roman wird durch eine Nominierung für die Longlist des Man Booker Prize doch noch einigen Erfolg haben, wenn auch besonders in Gartencentern, die für Jonathan Coe sowieso das typische „Middle England“ am besten verkörpern. Für den 29. März 2019, das ursprünglich geplante Austrittsdatum, lässt er sogar noch ein Brexit-Baby sich ankündigen.

Beim Schreiben seines Romans konnte Jonathan Coe noch nicht wissen, dass dieses Datum verstreichen würde. Beim endgültigen Austritt war das Baby schon fast ein Jahr. Hoffnung kann es hoffentlich dennoch geben, darauf, dass die Vernunft doch noch irgendwie siegt und einen Neubeginn der Beziehungen zwischen England und Europa gestaltet. Und bis dahin kann man diesen großartigen Roman lesen.

 

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Beitragsbild von kalhh auf Pixabay

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Jonathan Coe - England.

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Jonathan Coe – Middle England
Übersetzt von: Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Folio Verlag Februar 2020, Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten, 25,00 €

2 Gedanken zu „Jonathan Coe – Middle England

  1. Danke für den Link. Da freut sich meine Gastautorin Veronika sicher mit, der ich die Rezension gleich schicke. Ich habe das Buch noch vor mir, freue mich drauf. LG Birgit

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