Richard Russo – Jenseits der Erwartungen

Die Drei Musketiere – gleich im ersten Satz seines Romans Jenseits der Erwartungen stellt sie uns Richard Russo vor:

„Die drei alten Freunde kamen in umgekehrter Reihenfolge auf der Insel an – der, der am weitesten weg wohnte, zuerst, der am nächsten Wohnende zuletzt: Lincoln ein Immobilienmakler, aus Las Vegas, war also praktisch einmal quer durchs ganze Land gereist; Teddy, ein Kleinverleger aus Syracuse; Mickey, ein Musiker und Toningenieur , aus dem nahe gelegenen Cape Cod.“

Damit ist das Personal schon grob umrissen, das sich für ein Wochenende im September auf Martha´s Vineyard trifft. Die Insel vor der Küste Massachusetts gilt mit seinen Ferienvillen als Urlaubsort der Betuchten. Lincoln besitzt hier ein Haus aus dem Erbe seiner Mutter. Nun denkt er über den Verkauf nach, denn die Finanz- und Immobilienkrise von 2008 ist an ihm zwar recht glimpflich, aber doch nicht spurlos vorbeigegangen.

alte freunde

Mit seinen alten Studienkollegen Teddy und Mickey hat er vor mehr als 40 Jahren hier so manchen Sommer verbracht, den letzten 1971. So eine Rückkehr bringt natürlich die Erinnerungen in Gang. An ihre Zeit am College in Connecticut und vor allem an die große Leerstelle ihrer Vergangenheit, an Jacy.

Jacy, die junge Theta-Studentin aus begütertem Haus, die die Vierte im Bunde war und in die alle Drei mehr oder weniger heimlich verliebt waren. Die so ganz anders als die aus Mittelklassefamilien stammenden Jungen war, so strahlend und unbekümmert. Auch wenn Jacy bereits verlobt und auch Lincoln bereits mit seiner jetzigen Frau Anita liiert war, schwang zwischen den Vieren immer etwas Erwartungsvolles mit. Bis dann im letzten Sommer 1971 Jacy ohne Abschied von der Insel verschwand und auch nicht mehr auftauchte.

Die Collegejahre waren für sie alle vorbei, Jacy sollte heiraten, Lincoln zurück in den Westen gehen und Mickey drohte die Einberufung in den Vietnamkrieg. Mit einem Abend im Jahr 1969, vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, in dem die Einberufungslotterie lief, beginnen die Rückblenden in den Erinnerungen der nun 66 Jahre alten Männer. Mickeys Geburtstag wurde damals als neunter gezogen, ein sicheres Ticket Richtung Südostasien. Lincoln war mit Nummer 189 noch nicht ganz in Sicherheit, aber Teddys „Startnummer“ 322 verhieß, dass er vom Kriegseinsatz verschont werden würde. Aller Voraussicht nach.

Mickey ging nach dem Sommer wie viele Amerikaner nach Kanada, um dem Kriegseinsatz und dem Gefängnis zu entgehen. Erst nach der Amnestie 1977 kam er in die USA zurück. Die Freunde verloren sich nie ganz aus den Augen, aber jeder lebte sein Leben. Und fragte sich, was wohl aus Jacy geworden ist. Ist ihr etwas zugestoßen? Wurde sie gar Opfer eines Verbrechens?

Leuchtturm Martha´s Vineyard
Leuchtturm Martha´s Vineyard by shannynkm auf Pixabay
Chances are…

Um diese Fragen kreisen die Gedanken der Freunde und natürlich auch die der Leser*in. Dadurch verleiht Richard Russo Jenseits der Erwartungen einen Krimiplot und eine stete Spannung. Besonders nachdem Lincoln durch den Kontakt zum Ex-Polizist Coffin erneut Verdacht schöpft. Hat der unsympathische Nachbar etwas mit dem Verschwinden Jacys zu tun? Oder vielleicht sogar Teddy oder Mickey?

Viel wichtiger als dieser Handlungsstrang sind aber die Fragen, die Richard Russo über das Leben im Allgemeinen stellt. „Chances are…“ heißt das Buch im Original nach einem etwas rührseligen Song von Johnny Mathis aus dem Jahr 1957. Welche Chancen bietet uns das Leben? Wieviel Zufall steckt zum Beispiel darin, dass sich die drei jungen Männer aus ganz unterschiedlichen Ecken des Landes im College getroffen und angefreundet haben? Was bestimmt, welche Chancen wir ergreifen? Und rückblickend, was haben wir aus unserem Leben gemacht?

chances?

Zufall, soziale Herkunft, eigene Entscheidungen. Richard Russo entfaltet daraus in Jenseits der Erwartungen ein melancholisches, aber auch heiteres Tableau von ergriffenen und vertanen Chancen, voller Empathie und Menschenfreundlichkeit, souverän geschrieben und perfekt gebaut. In stets wechselnden Perspektiven und geschickten Zeit- und Szenewechseln entwickelt er tiefgehende, glaubwürdige Charaktere, denen man gern über mehr als 400 Seiten folgt. Ihm gelingt nebenbei, die Darstellung der USA als ein Land, das schon 1969 tief zerrissen war. Und das es heute immer noch/wieder/ umso mehr ist.

Die Gegenwartsebene spielt im Vorwahlkampf 2016. Donald Trump erscheint noch als nahezu unmögliche Option. Lincoln, erklärter Republikaner, kann zwar Hillary Clinton auf keinen Fall wählen, verachtet aber auch Trump zutiefst. Der unsympathische Nachbar hat einen Trump-Aufkleber an seinem Wagen.

„Lincoln deutete auf das Schild mit Trumps Konterfei. „Aber den würden Sie trotzdem nicht wählen, oder?“ Troyer schnaubte abfällig. „Ne, das ist nur dazu da, um die Leute aus Chilmark zu ärgern.“ Doch dann hob er die Schultern. „Andererseits, wenn er nominiert wird, warum nicht?“ Lincoln spürte einen Schauder, aber er riss sich zusammen. „Der Preis für ihr Durchfahrtsrecht hat sich gerade verdoppelt.“

Ein wiederum sehr gelungener Roman aus der Feder von Richard Russo.

Ein weiterer Roman von Richard Russo auf meinem Blog:

Richard Russo – Ein Mann der Tat

 

Beitragsbild: Martha´s  Vineyard by dr. huxtable (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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Richard Russo JENSEITS DER ERWARTUNGEN

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Richard Russo – Jenseits der Erwartungen
Übersetzung: Monika Köpfer
DuMont Mai 2020, 432 Seiten, gebunden, € 22,00

 

 

 

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