Charlotte Wood – Ein Wochenende

Jude, Wendy und Adele – drei Frauen weit in den Siebzigern, Freundinnen seit gefühlt ewig – treffen sich, um wie seit Jahrzehnten ein sonnendurchflutetes, heißes australisches Weihnachten am Meer zu verbringen. Doch Charlotte Wood lässt die alten Damen kein gemütliches Fest feiern, sie treffen sich in Ein Wochenende, um das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie, Vierte im Bunde, auszuräumen, damit es von deren Tochter verkauft werden kann. Erinnerungen werden wach und die Beziehungen untereinander neu ausgelotet.

Sylvie war der heimliche Mittelpunkt der Freundesgruppe, diejenige, die die so unterschiedlichen Frauen immer wieder zusammenbrachte. Ihr Ferienhaus an der Central Coast zwischen Sidney und Newcastle war der Ort, an dem sich die Freundinnen meistens trafen. Nun wird sie schmerzlich vermisst.

Drei Freundinnen

Zum einen von Jude. Die erfolgreiche, kühle und zupackende Restaurantchefin kristallisiert sich bald als Führungspersönlichkeit heraus. Mit einem strategischen Plan geht sie an die Entrümpelung des Hauses und schaut teils liebevoll-nachsichtig, meistens aber entnervt auf ihre viel weniger gut organisierten Freundinnen. Adele zum Beispiel, die ehemalige Schauspielerin, deren Stern schon lange gesunken ist, die aber immer noch von einem Comeback träumt, ihren Körper und ihr Aussehen sehr in Schuss hält und extrem auf ihre Außenwirkung bedacht ist. Ihre Probleme, wie die ständigen Geldsorgen und neuerdings die faktische Obdachlosigkeit nachdem ihre langjährige Lebenspartnerin sie gerade vor die Tür gesetzt hat, verschweigt sie. Und verdrängt das Ganze auch vor sich selbst.

Und dann ist da noch Wendy, die Feministin, die Wissenschaftlerin, Verfasserin recht erfolgreicher Bücher zur Gendertheorie, zwar finanziell abgesichert, nicht zuletzt durch das Erbe ihres vor einiger Zeit verstorbenen Mannes, bdie aber ihr Leben irgendwie nicht so ganz auf die Reihe bekommt. Dass ihr geliebter Hund Finn mittlerweile dement und inkontinent ist, macht die Sache nicht einfacher. Finn ist sozusagen die vierte Hauptfigur, die Charlotte Wood in Ein Wochenende auftreten lässt. Zu Judes großem Missvergnügen hat Wendy ihren Hund mir dabei.

Beach
Beach via needpix

Wie die drei Frauen nun das Ausräumen des Hauses in Angriff nehmen, entspricht ihren so ganz unterschiedlichen Charakteren: Jude macht das organisiert, gründlich und effektiv, Wendy wurstelt sich so durch einen völlig verlotterten Waschkeller und Adele, die wie immer als Letzte kam und der doch wie jedes Jahr das schöne Balkonzimmer zugesprochen wurde, trödelt vor Sylvies Kleiderschrank herum. Das ist sehr amüsant und unterhaltsam zu lesen. Auch wenn die drei Frauen bewusst unterschiedliche Typen verkörpern, wirkt das Ganze nicht allzu konstruiert.

Freundschaft und Alter

Wer nun aber, wie auch das sommerlich-leichte Cover vermuten lässt, einen heiteren, seichten, vielleicht sogar trivialen Roman erwartet, wird glücklicherweise eines Besseren belehrt. Auch wenn es stets witzig, nicht zuletzt durch Finns Auftreten sogar manchmal gar slapstickartig bleibt, entwickelt das Buch eine wunderbare Tiefe.

Es geht um Freundschaft, die Menschen, die uns der Zufall begegnen lässt. Was bewirkt, dass wir uns zu manchen hingezogen fühlen? Und warum zerbrechen manche Freundschaften schnell und andere halten ein ganzes Leben? So wie die Freundschaft von Jude, Wendy, Adele und Sylvie. Charlotte Wood romantisiert die Freundschaft aber nicht. Es kommt zu jeder Menge Reibereien. Die Beziehung der Freundinnen ist von Konkurrenzdenken, Geheimnissen, Neid und Ressentiments geprägt. Aber dennoch ist da immer auch Akzeptanz und Liebe. Das Wesen der Freundschaft als Rätsel.

Gnadenlos ehrlich geht Charlotte Wood auch mit dem zweiten Leitthema von Ein Wochenende um, dem Altwerden. Finn hat es da am heftigsten getroffen, aber auch bei den Damen melden sich die einen oder anderen Zipperlein. Adele betrauert ihre schwindende Attraktivität, Wendy macht der Tod ihres Mannes und die angespannte Beziehung zu ihren Kindern zu schaffen und Judes selbstbewusste, resolute Art kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie unter der schon jahrzehntelang andauernden, aber ungeklärten Affäre mit dem verheirateten Daniel leidet. Und die alternden Körper wollen auch nicht mehr so wie früher. Von Ferne winkt der Tod.

Auf das Strandhaus und die unmittelbare Umgebung beschränkt gleicht das Buch mit seinem wenigen Personal einem Kammerspiel. Es ist niemals sentimental, aber sehr warmherzig, so melancholisch wie amüsant, witzig und tiefsinnig. Eine gelungene Überraschung, die weder Cover noch Klappentext erwarten ließen.

 

Beitragsbild by annaleyah via pixabay.com

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Charlotte Wood - Ein Wochenende.

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Charlotte Wood – Ein Wochenende
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Kein und Aber Mai 2020, gebunden , 288 Seiten, 22,00 EUR

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