Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig.

Die Familie von Zora Ostan kommt vergleichsweise gut durch diesen Krieg. Vater Cesaro, der in Bovec eine Herberge und ein Fuhrunternehmen betreibt, besitzt auch noch ein Haus in Ljubiljana, wo die Familie weit ab von der Front bequem unterkommen kann. Auch alle vier Brüder von Zora überleben den Krieg unverletzt. Viel dramatischer für die Familie war damals die Zeit, als die Mutter Marija auf und davon lief und erst nach Monaten mit dem Kind eines anderen im Bauch nach Hause zurückkehrte. Der Vorfall wurde aber verdrängt, dem „Kuckuckskind“ Boris folgte noch der kleine Nino.

Isonzo Schalcht
Isonzo-Offensive Oktober 1917 Bundesarchiv, Bild 146-1972-098-11 / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Bari

Gegen Ende des Krieges lernt Zora den italienischen Sanitätsoffizier Pietro del Buono kennen und geht mit ihm nach Bari. Dort wird Pietro zu einem der führenden Radiologen Italiens, gründet eine renommierte Klinik. Zora lässt sich ein herrschaftliches Haus bauen (man merkt an der Detailfülle bei dessen Beschreibung, dass die Autorin Architektin ist), bekommt drei Söhne und wird mit ihrem Mann zum Mittelpunkt eines kommunistischen Kreises. Antonio Gramsci und Josip Broz Tito gehören zum Bekanntenkreis.

Dieses in der Familie praktizierte selbstverständliche Nebeneinander von großbürgerlicher Lebensart, wo man rauschende Feste gibt und die Dienstmädchen herumscheucht, und gleichzeitig leidenschaftlich kommunistischen Idealen anhängt und Tito und die Partisanen unterstützt, ist einigermaßen erstaunlich.

Josip Broz Tito
Josip Broz Tito unknown author / Public domain via Wikimedia Commons

Der erste Teil des Romans wird fast dokumentarisch und chronologisch aus unterschiedlichen personalen Perspektiven erzählt. Er enthält eine Fülle an Personen, die zu Beginn in einem Personenverzeichnis vorgestellt werden. Da ist der liebenswürdige Patriarch Giuseppe, ehemaliger Bürgermeister auf der Verbannungsinsel Ustica; der homosexuelle Bruder Ljubko; die nach Israel emigrierte Ärztin Emmi Bloch, eine Bekannte aus Pietros Berliner Studienjahren und viele mehr. Ein klein wenig schwierig ist es schon, all ihren Lebenswegen zu folgen. Dazu kommen noch die drei Söhne Zoras, der zurückhaltende Davide, der pfiffige Greco und der fröhliche Manfredi, der schließlich der Vater der Autorin werden sollte.

Die Marschallin

Die klare Sprache und Struktur dieses ersten, auch an Themen, Schauplätzen und Begebenheiten reichen Romans machen es aber nicht allzu schwer, sich zu orientieren. Die Erzählung der Familiengeschichte reicht bis ins Jahr 1948. Hier erfolgt ein Bruch und ein Sprung ins Jahr 1980.

Es ist nun die greise Zora Del Buono, die Marschallin, die zu Wort kommt. Und mit ihr ändert sich auch der Ton des Erzählten. Der Rückblick der alten Dame ist bitter und desillusioniert, manchmal auch wütend. Sie lebt schwer zuckerkrank in einem Seniorenheim in Nova Gorica. Sie ist zurückgekehrt nach Slowenien, an den Isonzo. Ihr Mann Pietro lebt in einer ähnlichen Einrichtung noch in Bari und ist hochgradig dement.

Viele der Figuren sind bereits nicht mehr am Leben, es gab eine traurige Häufung von Unglücksfällen. Ihre Geschichten sind zum Teil in kurzen Meldungen, verbunden mit dem Ausgangspunkt, was sie jeweils am 24. Juli 1948 taten, in den Erinnerungs- und Erzählfluss der Marschallin eingebettet. Der 24. Juli, den Zora als Ursprung all der schrecklichen Dinge, die ihrer Familie nachfolgend widerfuhren, ansah. Der Tag, an dem eine eigentlich politisch motivierte Tat, für die sie sich mitverantwortlich fühlt, schrecklich aus dem Ruder lief und zu einem Mord führte. Eine Schuld, für die sie den Rest ihres Lebens glaubt, büßen zu müssen.

Dieser letzte Teil wirft noch einmal ein etwas anderes Licht auf die faszinierende Familiengeschichte.

 

Marius von Buch-Haltung hat den Roman auch bereits besprochen

Beitragsbild: Solkanbrücke über den Isonzo-Fluss bei Nova Gorica, Slowenien by Johann Jaritz / CC BY-SA via Wikimedia Commons

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Zora del Buono - Die Marschallin.

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Zora del Buono – Die Marschallin

C.H.Beck Juli 2020, gebunden, 382 Seiten, € 24,00

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