Valentin Moritz – Kein Held

Der Badische Landwirtschafts-Verlag veröffentlicht neben der Bauern-Zeitung und dem jährlichen Bauern-Kalender nur eine Handvoll Bücher mit regionalem Bezug, ist mir also (nicht verwunderlich) bisher völlig unbekannt geblieben. Im Frühjahr 2020 erschien ein Roman, der zwar auch im Badischen verortet ist, aber doch weit über das rein Regionale hinausweist und eine schöne, liebevolle Generationengeschichte erzählt: Kein Held von Valentin Moritz.

Der 1987 im südbadischen Niederdrossenbach geborene Autor lebt schon seit langem in Berlin. In jungen Jahren galt es, so bald wie möglich raus aus dem Dorf zu kommen, raus aus der ländlichen Enge. Er studierte in Berlin Literaturwissenschaften und lebt seitdem dort. Der Kontakt zu seiner badischen Heimat riss dadurch aber nicht ab. Regelmäßig traf sich dort die Großfamilie rund um dem Großvater Josef Mutter, dessen neun Kinder, fast vierzig Enkel und mittlerweile auch Urenkel. Großmutter Erna starb bereits 1989, mitten in ihrem Bauerngarten. Auf dem Fest zu seinem 90. Geburtstag sprach Josef seinen schreibenden Enkel an. Er hätte da einige Geschichten, die noch erzählt werden müssten, nicht vergessen werden dürften. Und Valentin kenne sich da doch aus.

Gespräche mit dem Großvater

Das war der Ursprung des vorliegenden Buchs. In vielen Gesprächen mit dem 1922 geborenen Großvater erzählt dieser von seiner dörflichen Kindheit, von den Veränderungen auf dem elterlichen Hof, von der Zeit unter nationalsozialistischer Herrschaft, wie der Vater ihm verbot, sich dem Jungvolk anzuschließen. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen, übersteht den Krieg vergleichsweise unbeschadet in Frankreich und Tunesien. Bis zu seiner Gefangennahme hat er laut eigener Aussage das große Glück, nie auf jemanden direkt geschossen zu haben. Er sei „Kein Held“ gewesen, erzählt er Valentin Moritz. Die Gefangenschaft verbringt er bis 1946 in den USA. Auch dort hat er das Glück, anständig behandelt zu werden. Dennoch prägt der „gottverreckte Krieg“ seine Haltung.

Nach seiner Rückkehr gründet er mit Erna eine Familie, führt den Hof und einen Holzhandel. Trotz vieler Arbeit, wenig Geld und später einer Krebserkrankung lebt man recht gut und zufrieden, bis Erna stirbt. Der Hof wird von Tochter Johanna zum Reiterhof umgestaltet, Josef bleibt noch länger im Holzhandel aktiv. Und engagiert sich auch zivilgesellschaftlich, kämpft gegen die Abschiebung seines aus dem Kosovo stammenden Mitarbeiters Miftar und für die Umbenennung der Hindenburgschule in Bad Säckingen, denn der „hat die Demokratie von Anfang an zur Sau gemacht.“ Bewundert hat er den französischen Diplomat und Essayist Stéphane Frédéric Hessel und dessen 2010 veröffentlichtes „Empört euch.“ Valentin Moritz wählt deswegen auch ein Zitat von Hessel als Motto für Kein Held:

„Die schlimmste aller Haltungen ist die Gleichgültigkeit.“

Die Aufzeichnungen der Gespräche mit seinem Großvater gibt Moritz in wörtlicher Rede wieder, ganz unmittelbar. Über der Niederschrift kommt er aber ins Nachsinnen über seine eigene Kindheit und Jugend in Niederdrossenbach, eine Feld- und Wiesenkindheit in den irgendwie sorgenfreien 1990er Jahren, wie sie heute im städtischen Raum kaum mehr möglich wäre. Es folgen die rebellischen Jahre, das Schopfheimer Jugendzentrum „Irrlicht“, seine Band. Den Anfang im Buch macht aber die berührende letzte Begegnung mit seinem Großvater 2016, der da bereits im Sterben liegt, zunehmend austrocknet, weil er nichts mehr trinkt. Der aber phasenweise durchaus noch einmal zu alter energischer Entschlossenheit zurückfinden kann.

So ist Kein Held nicht nur zu einem liebevollen Porträt eines widerständigen, eigenwilligen, geliebten Menschen geworden, sondern auch ein Erinnerungsbuch des Autors, ein Nachdenken über Herkunft, Heimat, familiäre Bindungen. Autofiktion, die weit über die südbadische Region hinausweist.

 

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

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Valentin Moritz - Kein held.

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Valentin Moritz – Kein Held

Badischer Landwirtschafts-Verlag Mai 2020, 224 Seiten, Hardcover, 18,00 € 

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