Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet.

Für eine bestimmte Generation ist das Aufwachsen und Großwerden in Westdeutschland untrennbar mit der Augsburger Puppenkiste, mit dem Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer, mit Bill Bo und seinen Kumpanen und Don Blech und seiner Armee verbunden. Verwandtenbesuche wurden nach den Ausstrahlungsterminen im Fernsehen terminiert, damit ja keine Folge verpasst wurde. Die ganze Familie versammelte sich vor dem Bildschirm und natürlich hieß mein erster Teddybär Bill Bo, nach dem legendären Räuberhauptmann.

Die Geschichte der Puppenkiste

Vielleicht muss man dieser Generation von Thomas Hettche (und mir) angehören, um diese Faszination ganz zu begreifen. Das schon während der Kriegsjahre vom ehemaligen Oberspielleiter des Augsburger Stadttheaters gegründete Puppenspiel arbeitete zunächst noch sehr improvisiert mit einer Vorgängerversion, dem „Puppenschrein“, der bei dem Bombardement vom 26. Februar 1944 mitsamt dem Theater verbrannte. In einem Lazarett, in das der Soldat Oehmichen wegen einer akuten Mandelentzündung eingeliefert wurde, lernte er einen Holzschnitzer kennen, der ihn in das Gestalten von Marionetten einweihte. Nach dem Krieg eröffnete er dann seine transportable Bühne, die „Puppenkiste“.

Anfangs spielte die Familie Oehmichen – neben Walter sein Töchter Hannelore, genannt Hatü, und Ulla, Mutter Rose schneiderte die Kostüme – ausschließlich Märchen, später, beginnend mit dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, auch modernere Stücke. Ab 1953 wurde auch fürs Fernsehen produziert. 1972 übernahm Hannelore zusammen mit ihrem Mann die Leitung des Theaters von ihrem Vater. Geschätzt 6000 Marionettenfiguren wurden von ihr geschaffen. Ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Familie und die des Theaters erzählt Thomas Hettche in Herzfaden.

Urmel aus dem Eis
Urmel aus dem Eis by Allie_Caulfield  CC BY via Wikimedia Commons
Alice im Theater

Zunächst beginnt das Buch aber wie eine Variation von Alice im Wunderland. Ein 12 jähriges Mädchen, verstimmt, weil der Vater es zu so einem „Kinderkram“ wie der Augsburger Puppenkiste mitgenommen hat, entdeckt im Foyer eine unscheinbare Holztür und verschwindet im Reich der Marionetten und ihrer „Herrin“ Hatü, die bereits 2003 verstorben ist, hier auf dem Dachboden des Theaters irgendwie aber noch präsent ist. Diese fantastische Ebene, in der noch der böse Kasperl bezwungen und erlöst werden muss, ist im Buch in roter Schrift gedruckt. Die historische Geschichte des Theaters in Blau. Überhaupt muss die wunderschöne Gestaltung von Buch und Buchumschlag erwähnt werden – rotes Leinen, Silberprägung und etliche Zeichnungen. Ein Genuss!

Thomas Hettche verschränkt die beiden Ebenen mühelos, vereint Adoleszenzgeschichte, Zeitgeschichte, Theatergeschichte (Kleists „Über das Marionettentheater“), Familiengeschichte und Mentalitätsgeschichte in leicht märchenhaftem Ton, der mit der heranwachsenden Hatü reifer wird. Dabei baut er viel Augsburger Lokalkolorit ein. Dieses Nostalgische ist aber nur die Oberfläche. Es geht auch um Kontinuitäten im Denken und Handeln der „neuen Deutschen“ nach Kriegsende, die so neu natürlich nicht waren. Überall trifft man nicht nur auf Kriegsversehrte, sondern auch auf alte Nazis, die ihre weiterbestehenden Weltanschauungen nur schlecht verbrämen. Frei nach der im Buch erwähnten Hitlerrede über die Jugend: „Und sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben.“

Die Vergangenheit vergessen

Und auch dem Normalbürger stand nach dem Krieg vor allem der Sinn nach leichter Unterhaltung, nach Vergessen, Verdrängen und nicht unbedingt nach Aufarbeitung der Vergangenheit. Deshalb finde ich auch die verschiedentlich schon beanstandeten, eigentlich aus dem Sprachschatz zu verbannenden Wörter wie „Negerpuppe“ oder „Zigeuner“ hier stimmig. Besonders, da Thomas Hettche sie durch die Figur des Mädchens sogleich selbst hinterfragt. Walter Oehmichen wusste, wie sehr noch der Zeit und der unmittelbaren Vergangenheit verhaftet auch seine Zuschauer waren.

„Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden. Und die Fäden, mit denen wir sie wieder an die Kultur anknüpfen das sind die Fäden meiner Marionetten.“

Wie sehr er dabei aber auf die Bereitwilligkeit der Zuschauer angewiesen ist, wusste er aber auch.

„Wir wackeln mit einem Stück Holz. Alles andere geschieht im Kopf der Zuschauer.“

Diese Geschichte zu erzählen und im Kopf der Leser zum Leben zu erwecken, ist Thomas Hettche mit Herzfaden ganz wunderbar gelungen. Ich freue mich sehr, dass er nun auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht.

 

Marius von Buch-Haltung und  Sätze und Schätze haben den Roman auch besprochen

Beitragsbild: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer by Allie_Caulfield (CC BY 2.0) via Wikimedia Commons

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Thomas Hettche - Herzfaden.

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Thomas Hettche – Herzfaden
Kiepenheuer&Witsch September 2020, gebunden, 288 Seiten, € 24,00

4 Gedanken zu „Thomas Hettche – Herzfaden

  1. Ich freue mich über deine Besprechung, vor allem auch über deine Stellungnahme hinsichtlich der beanstandeten und heute überkommenen Begriffe, die Hettche in seinem Text verwendet. Ich finde auch, dass diese verwendeten Begriffe in der Psychologie der Figuren durchaus stimmig und angebracht sind. Kontextuell und in der Logik des Buchs betrachtet würde ich diese Worte in „Herzfaden“ nicht beanstanden, wenngleich wir sie aus gutem Grund heute nicht mehr verwenden.

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