Minka Pradelski – Es wird wieder Tag

Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen.

Minka Pradelski lässt in Es wird wieder Tag drei Ich-Erzähler:innen sprechen. Der erstaunlichste davon – und ich will es gleich vorwegnehmen am wenigsten gelungene – ist ein Säugling, der die ersten sechzig Seiten des Romans zur Hürde für Leser:innen macht. Etliche sind bereits an diesem ersten Teil gescheitert, und ich kann gut verstehen warum. Altklug und ein wenig rotzig-frech berichtet der kleine Bärel von seiner Geburt, den unbekannten „Alten“, die fortan seine Eltern Klara und Leon Bromberger sein würden, und seinem Eintritt in deren Welt. Er ist „der erste nach dem Krieg in einem katholischen Krankenhaus in Frankfurt zur Welt gekommene jüdische Säugling“, und dass nicht alle Deutschen ihre Gesinnung mit dem Tag der Befreiung abgelegt haben, zeigt sich direkt bei den Säuglingsschwestern, die den Kleinen gleich mal für ihre anstehende Weihnachtsfeier als Jesuskind „ausborgen“.

Die nachfolgende Generation

Bärel entwickelt sich nach seinem eigenen Bekunden zu einem schwierigen, unzufriedenen Baby. Vielleicht, weil die Hoffnungen und Erwartungen an einen Neuanfang aus ihm und seiner Generation liegen. Seine Beobachtungen sind sehr genau und unerbittlich. Eines Sonntags begegnet die Mutter auf einem Spaziergang mit ihm im Park einer Frau, die sie von früher kennt. Diese Begegnung wirft Klara aus der Bahn. Sie ist sich sicher, Liliput, der ehemaligen Oberaufseherin im polnischen Arbeitslager, begegnet zu sein, die ein hartes, grausames Regiment geführt hat. Klara hat dieses Lager nur mit sehr viel Glück überlebt. Nun scheint sie an dieser Wiederbegegnung zu zerbrechen, verfällt in eine Depression, kann sich nicht mehr um ihren Sohn kümmern.

Leon, auch ein Überlebender der Shoah, den sie auf der Flucht nach Westen, fort aus Polen, kennengelernt hat und mit dem sie in Frankfurt nur Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika machen will, drängt sie, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen, ihre Dämonen durch Schreiben zu bannen. Sprache als Mittel zur Bewältigung von traumatischen Erfahrungen – das klappt tatsächlich zeitweise ganz gut. An anderen Tagen verfällt Klara wieder in die Depression.

DP-Camp Zeilsheim
Displaced Persons Camp Zeilsheim Copyright: United States Holocaust Memorial Museum
Provenance: Alice Lev
Eine Jugend im Verborgenen

Der zweite, weitaus größere Teil des Romans wird von Klara erzählt. In ihren Rückblicken erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend. Der Beginn der Judenverfolgung in Polen durch die Nationalsozialisten fällt auf Klaras Pubertätszeit. Sie ist fünfzehn, und wie viele Teenager in diesem Alter ist Klara nicht einfach. Wie manche ihren Eltern vielleicht vorhalten, dass andere viel besser für ihre Kinder sorgen, weil sie ihnen viel mehr erlauben, kaufen etc., so wirft Klara ihren Eltern vor, dass andere Kinder schon längst vor den Deutschen in Sicherheit gebracht wurden. Sie macht diese Vorwürfe mit der in ihrer Altersgruppe verbreiteten Ich-Bezogenheit und Grausamkeit. In dieser Form habe ich das noch nie in einem Buch über die Judenverfolgung gelesen. Überzeugend ist es schon, auch verfolgte jüdische Teenager waren nun mal auch in erster Linie Teenager.

Die Eltern bringen also ihre Tochter bei einem ehemaligen Arbeitskollegen unter, der sie im Keller versteckt. Das wird nur die erste einer Reihe von Stationen sein, in denen Klara, die bald falsche Papiere auf den Namen Maria Gajda erhält, untertaucht. Polen riskieren ihr Leben, indem sie Klara verstecken. Sie tun das nicht immer bewusst. Und sie werden auch nicht als Held:innen dargestellt. Bei vielen von ihnen regen sich auch Eigennutz und Boshaftigkeit. Die größte Gefahr stellt aber Klara für sich selbst dar. Unwissenheit, Hilflosigkeit, aber auch Unvernunft bringen sie immer wieder in brenzliche Situationen. Und eines Tages wird sie enttarnt, verhaftet und landet im Lager Sackisch, einem Außenlager von Groß-Rosen. Nur durch Zufall entgeht sie dort der Selektion. Man schreibt da bereits 1944. Wahrscheinlich ein Grund, weshalb sie die KZ-Zeit überhaupt überlebt.

Die Schuld, überlebt zu haben

Als Dritter erhält Leon Bromberger eine Stimme. Auch er hat, wie Klara, seine gesamte Familie während der Shoah verloren. Von seinem Schicksal erfahren wir aber deutlich weniger. Er berichtet fast ausschließlich von der unmittelbaren Nachkriegszeit, von der Armut, der Unsicherheit, der Bürokratie, dem Schwarzmarkt. Und vom Leben im Land der Täter, denen man auf Schritt und Tritt begegnen könnte und deren Gesinnung mit der Entnazifizierung durch die Amerikaner nicht sogleich verschwindet. Er erzählt auch von der Schuld, überlebt zu haben. Kein Wunder, dass für viele der Überlebenden das Ziel Auswandern hieß – Amerika, Palästina, nur fort.

Familie Bromberger wird sich am Ende fürs Bleiben entscheiden. Anders als die Familie Pradelski, die zunächst nach Amerika emigrierte, aber 1955, weil man sich dort nicht recht integrieren konnte, nach Frankfurt zurückkehrte.

Minka Pradelski ist mit Es wird wieder Tag ein bereicherndes Buch zum Thema der Judenverfolgung im Nationalsozialismus gelungen. Am interessantesten war für mich dabei der Blick auf die Zeit „Danach“. Wie man sich im Land der Verfolger einrichtete, wie das überhaupt gelingen konnte. Wie viele Überlebende schwiegen auch die Brombergers. Klara fand die Sprache, das Erzählen als einen Ausweg. Vielen war das nicht vergönnt.

Ein wichtiges Buch, ein lesenswertes Buch. Daran soll auch die nicht wirklich stimmige Säuglingsperspektive Bärels nichts ändern.

 

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Minka Pradelski - Es wird wieder Tag.

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Minka Pradelski – Es wird wieder Tag
Frankfurter Verlagsanstalt August 2020, Hardcover, 384 Seiten, € 24,00

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