Michael Crummey – Die Unschuldigen

Der kanadische Autor Michael Crummey entführt die Leser:innen seines neuen Romans Die Unschuldigen in ein Abenteuer an die raue Küste Nordkanadas.

Neufundland, um 1800 herum. In einer einsamen Bucht lebt die Familie Best völlig abgeschieden vom Fischfang und von selbst Angebautem. Zweimal im Jahr ankert ein Versorgungsschiff, Cornelius Strapps Schoner Hope, vor der Bucht. Im Frühjahr bringt es dringend benötigte Waren wie beispielsweise Pökelsalz und Getreide, im Herbst nimmt es den getrockneten und gepökelten Fisch der vergangenen Fangsaison mit. Der Besuch der Hope ist der einzige außerhalb der Naturrhythmen gelegene Zeitgeber. Ansonsten bestimmt das Eis und seine Schmelze das Leben hier im Norden. Im Mai kommen große Schwärme von Kapelan zum Laichen in die wärmeren Gewässer an der Küste. Das ist der Beginn einer harten, arbeitsreichen Fangsaison, die die eher ereignislose, Instandsetzungsarbeiten vorbehaltene Winterzeit abschließt. Den großen Kapelanschwärmen, die meist zum Düngen der kargen Äcker oder als Köderfische verwendet werden, folgt der Kabeljau, von dem die Familie lebt.

Ein tragisches Unglück

Gleich zu Beginn von Die Unschuldigen lässt Michael Crummey die einjährige Schwester Martha, die Mutter und schließlich noch den Vater sterben. Die Geschwister Evered und Ada, knapp zwölf und zehn Jahre alt, bleiben allein zurück. Abgesehen von der Besatzung des Versorgungsschiffs Hope, mit der bisher allein der Vater verhandelte, gab es keine menschlichen Kontakte für die Kinder, mit Ausnahme der Hebamme Mary Oram, die für die Geburten aus der am nächsten gelegenen Gemeinde Mockbeggar geholt wurde. Sie ist für die Geschwister außerhalb der Familie der einzige bekannte Mensch. Nie aber kommen sie auf den Gedanken, zu ihr zu gehen oder überhaupt nach Mockbeggar . Sie machen einfach so weiter, wie sie es kennen.

Neufundland
St´Johns, Neufundland u Labrador by Diethelm Scheidereit (CC BY-ND 2.0) via Flickr

Die Eltern haben wenig gesprochen. Entsprechend eng und begrenzt sind das Wissen und die Vorstellungswelt der Kinder. Als eines Tages ein großes, wohlschmeckendes, aber stinkendes rundes Ding angeschwemmt wird, fehlt ihnen der Begriff „Käse“. Sie kennen das einfach nicht. Genauso wenig kennen sie sich bei sich selbst aus, bei ihren Körpern und Gefühlen. Die schwierige Zeit der Pubertät müssen sie ganz allein bewältigen, die Veränderungen, die sich in ihrer sehr engen Beziehung ergeben. Unsere heutigen ethischen Vorstellungen greifen hier nicht, aber auch die Kinder spüren im Umgang miteinander eine durchdringende Verstörung. Neben Abenteuerroman ist Die Unschuldigen auch ein ganz besonderer Entwicklungsroman.

Der Kampf ums Überleben

Die Kinder kämpfen, ohne das infrage zu stellen oder die Notwendigkeit anzuzweifeln, ums Überleben, so wie es ihre Eltern ihnen vorgelebt haben. So wenig die beiden von der Welt wissen, so gewandt sind sie im Handwerk. Ihre Abhängigkeit von der Natur ist erdrückend, sie ist grausam, hart, ja brutal. Unser Wertesystem lässt sich hier kaum anwenden. Das macht die atmosphärische, stark auch von machtvollen Naturbildern bestimmte Erzählung aber so überzeugend.

Der Text ist zugleich wuchtig und still, die Tätigkeiten der Kinder unterscheiden sich nur in Nuancen über die Jahre. Einmal rettet sie ein Schiff nur knapp vor dem Tod, einmal bekommen sie „Besuch“ von der Besatzung eines havarierten Ostindienfahrers. Diese Kontakte bringen oftmals ein wenig Licht in das bedrückende, ja finstere Leben. Wenige unbeschwerte Sommertage, die Beerenernte jedes Jahr – das sind die wenigen lichten Momente in einem harten Leben. Das Ende ist verstörend, dramatisch, nicht wirklich unerwartet – und sogar ein wenig hoffnungsvoll. Ein tolles Leseabenteuer!

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Beitragsbild: St´Johns, Neufundland u Labrador by Diethelm Scheidereit (CC BY-ND 2.0) via Flickr

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Michael Crummey - DIE UNSCHULDIGEN.
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Michael Crummey – Die Unschuldigen
Übersetzt von Ute Leibmann
Eichborn Verlag August 2020, Hardcover, 351 Seiten, € 22,00

 

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