Hilmar Klute – Oberkampf

Auch wenn sich die westliche Welt seit den verheerenden Anschlägen des 11. September in den USA der allgegenwärtigen Gefahr von Terrorattacken bewusst geworden ist, gibt es doch bestimmte Ereignisse, Daten, Orte, die diese Fragilität der Gesellschaft noch einmal mit besonderer Wucht ins Gedächtnis holen, die die Menschen auf ganz besondere Weise erschüttern und sich deshalb ins kollektive Gedächtnis hineinbohren. Dazu zählen sicher die Zuganschläge von Madrid 2004, die Selbstmordanschläge im öffentlichen Nahverkehr von London 2005 und der LKW-Anschlag in Nizza 2016. Für Deutschland kommt noch der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 hinzu. Orte des öffentlichen Lebens, in dem man sich doch gemeinhin recht sicher wähnte. 2015 erschütterten die Anschläge in Paris – im Januar auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im November auf die Konzerthalle Bataclan und umliegende Restaurants – die Welt. Waren dies doch Anschläge, die gegen die gesamte westliche Lebensauffassung, ihre Ideen von Meinungsfreiheit und persönlicher Freiheit gerichtet waren. Hilmar Klute siedelt in ihrem Umfeld seinen Roman Oberkampf an.

Charlie Hebdo

Wie sein Protagonist Jonas Becker, kam auch Autor Hilmar Klute kurz vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 nach Paris, um dort für einige Zeit im 11. Arrondissement in der Rue Oberkampf zu leben. Man darf deshalb vermuten, dass einiges vom selbst Erlebten in den Text eingeflossen ist.

Jonas ist, wie sein Autor damals, zirka Mitte Vierzig. Nach der Liquidierung der von ihm gegründeten und mit seinem Freund Fabian und seiner Lebensgefährtin Corinna geführten Agentur „Kluge Köpfe“ in Berlin steht er vor einem Neuanfang. Auch die langjährige Beziehung zu Corinna ist zerbrochen. Unter beidem scheint Jonas nicht allzu stark zu leiden. Ein langgeplantes Projekt, das ihm angeboten wird, kommt da gerade recht. Jonas soll die Biografie des in Paris lebenden österreichischen Schriftstellers Richard Stein verfassen. Zu Recherchezwecken mietet der Verlag ihm besagte Wohnung in der Rue Oberkampf an.

Neuanfang in der Rue Oberkampf

Das Arbeiterkind Jonas hat sich schon früh zur Literatur hingezogen gefühlt und ist dem kleinbürgerlichen Milieu der Eltern schon früh entwachsen. Dem literarisch anerkannten, aber schwer verkäuflichen Richard Stein gehört seine besondere Bewunderung. Dass der egozentrische, eigenwillige und eitle, mittlerweile 86 jährige Autor ihn völlig „in sein Netz“ zieht, beklagt der Ich-Erzähler beständig. Der Leserin zeigt sich dagegen ein völlig normales (bezahltes) Arbeitsverhältnis, dass Jonas noch reichlich freie Zeit lässt. Zeit, die er auf Restaurantterrassen oder Bars verbringt, und die er nutzt, um sehr bald ein Verhältnis mit der viel jüngeren Studentin Christine zu beginnen.

Junge Frauen scheinen leider immer noch für Geschichten über Neuanfänge oder Sinnkrisen mittelalter Männer ein Muss zu sein. Nun gut. Aber auch davon abgesehen ist Jonas kein wirklich sympathischer Protagonist. Die Selbstbespiegelung und das Gemäkel über Richard Stein sind das eine, seine Gedanken und Reaktionen auf den islamistischen Anschlag auf Charlie Hebdo das andere. Während ganz Frankreich und die Welt entsetzt und fassungslos sind, bleibt er völlig gelassen und gleichgültig.

„Er hatte in diesen Tagen nie das Gefühl gehabt, dass er gemeint war mit all diesen Mordtaten. Er war Gast in diesem Land oder bestenfalls ein Zeuge.“

Paris 11. Januar 2015
Paris 11. Januar 2015 Je suis Charlie Olivier Ortelpa from Paris, France, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Lust an der Katastrophe

Gleichzeitig gibt er immer wieder seine „Lust an dieser Katastrophe“ kund. Er bekennt gar eine gewisse Anerkennung für die Brüder Kouachi, die in und vor der Redaktion zwölf Menschen erschossen, und den Geiselnehmer Amedy Coulibaly, der zwei Tage später in einem jüdischen Supermarkt fünf Menschen tötete.

„Die Gesichter der beiden Brüder, die mit ihren Kalschnikows in die Redaktion der Satirezeitung gegangen waren und den Spaßvögeln das Hirn aus den Schädeln geschossen hatten, hatte er sich immer wieder angesehen. Waren sie das, was die Presse „eiskalte Mörder“ nannte? Waren sie feige Killer wie es immer wieder gesagt und beschworen wurde? Oder gehörte nicht im Gegenteil sehr viel Mut dazu, aus einer der elenden Hochhausburgen der Banlieues in die Stadt zu fahren, in eines der schönen, reichen und stolzen Viertel dort, den Wagen am Boulevard zu parken und dann zu Fuß durch die verschachtelten, kleinen Stichstraßen zu gehen bis sie das Haus gefunden hatten, in dem die Leute saßen, die ihren Gott verhöhnt hatten? War es nicht ein Heldenstück, sich den Weg freizuschießen (..)?“

Das ist einigermaßen unangenehm zu lesen. Und man muss sich von diesem Ich-Erzähler distanzieren, um das Buch weiterlesen zu können.

Roadtrip

Mit der Arbeit an Steins Biografie, die dieser gerne zu einer Art Interviewbuch umfunktionieren würde, mit Fortschreiten seiner Affäre mit Christine, über Plaudereien mit Hausmeister Frankie und etlich Restaurantbesuchen (die Jonas Gelegenheit zu allerhand Mäkeleien über Esskultur im Allgemeinen und über die in Berlin im Besonderen geben) rücken die Ereignisse im Januar in den Hintergrund. Stein nimmt ein neues Projekt in Angriff, bei dem Jonas ihn begleiten soll: Er will seinen verschollenen Sohn, zu dem der Kontakt abgerissen ist, um den sich Stein nun aber sorgt (Drogen sollen im Spiel sein), in Kalifornien suchen. Dieser Strang wirkt ein wenig aufgepropft, bringt aber ein gewisses Roadnovel-Gefühl ins Buch.

Wieder in Paris, es ist mittlerweile November, steht der Besuch eines Heavy-Metal-Konzerts mit Christine auf dem Programm. Spätestens da merkt die Leserin, worauf der Roman hinausläuft.

„(…) das Konzert im November, ihre erste große gemeinsame Unternehmung, die nicht mit Gewalt auf den Straßen zu tun haben sollte.“

Man weiß es besser. Und der Autor hätte da ruhig ein wenig subtiler vorgehen können. Im ganzen Roman betont er bereits die Vorliebe der Pariser:innen, sich in Bars und auf Restaurantterrassen zu treffen. Da weiß man eigentlich bereits Bescheid. Hilmar Klute lässt Oberkampf mit dem Betreten des Bataclan enden.

Trotz aller Einwände habe ich Oberkampf durchaus mit Gewinn gelesen. Der Ich-Erzähler weckt Widerstand, in manchen Bereichen hätte der Autor den Leser:innen durchaus mehr zutrauen können, weniger eindeutige Fährten legen. Die Stimmung 2015 in Paris, die Solidaritätskundgebungen, die Ohnmacht und das Entsetzen hat er aber gut eingefangen.

Ein meiner Meinung nach gelungenerer Roman zum Thema stammt von einem der damals verletzten Redaktionsmitglieder von Charlie Hebdo, Philippe Lançon – Der Fetzen

 

Beitragsbild: Clicsouris, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

_____________________________________________________
*Werbung*

Hilmar klute - Oberkampf.

.

Hilmar Klute – Oberkampf
Galiani August 2020, gebunden, 320 Seiten, € 22,00

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.